- RCP8.5 gilt laut internationaler Forschung nicht mehr als plausibler Standardpfad
- Über 14 Bundesdokumente verwendeten RCP8.5 seit 2015 in Risikoanalysen
- Neue Klimarisikoanalyse 2028/29 soll auf SSP3-7.0 basieren
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6872 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Das ScenarioMIP-Projekt hat im Rahmen der Vorbereitung von CMIP7 im Jahr 2026 einen neuen internationalen Szenarienrahmen für Klimaprojektionen vorgelegt. Darin wird das Hochemissionsszenario SSP5-8.5 und sein Vorgänger RCP8.5 als nicht mehr plausibler oberer Standardpfad für das 21. Jahrhundert eingestuft. Begründet wird dies mit veränderten energieökonomischen Annahmen, insbesondere dem globalen Rückgang der Kohleverstromung. Beide Szenarien wurden seit 2015 weltweit in der Klimaforschung und in IPCC-Bewertungsberichten verwendet. Die AfD-Fraktion fragte mit der Kleinen Anfrage 21/6514, in welchem Umfang Bundesbehörden diese Szenarien für Entscheidungen und Publikationen herangezogen haben.
- Ab 2015 — Verwendung von RCP8.5 in Bundesunterlagen laut Anlage 1, darunter Risikoanalysen, Publikationen und Kommunikationsmaßnahmen mehrerer Ressorts.
- 2021 — Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA 2021) des UBA als zentrale Entscheidungsgrundlage des Bundes auf Basis von RCP8.5.
- 2028/29 — Geplante neue Klimarisikoanalyse des Bundes, erstmals auf Basis des aktualisierten Szenarios SSP3-7.0.
- 2,8 Grad — Prognostizierte globale Erwärmung bis 2100 laut UN Emissions Gap Report 2025 bei aktueller Klimapolitik.
Im Detail
Durch aktiven Klimaschutz konnte erreicht werden, dass die Klimaforschung RCP8.5 mittlerweile nicht mehr als plausible Beschreibung der realen Entwicklung bewertet.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/6872, Antwort zu Frage 2
Klimaszenarien sind das Fundament staatlicher Klimarisikoanalysen — sie bestimmen, wie Bundesbehörden Risiken einschätzen, Infrastruktur planen und Förderprogramme ausgestalten. Seit 2026 steht ein viel genutztes Szenario unter Druck: Das internationale Wissenschaftsprojekt ScenarioMIP hat RCP8.5 und sein Nachfolger SSP5-8.5 als nicht mehr plausiblen oberen Standardpfad für das 21. Jahrhundert eingestuft. Beide Szenarien gingen davon aus, dass die fossile Energienutzung — insbesondere Kohle — stark weiter ansteigen würde. Diese Annahme ist laut Bundesregierung durch den tatsächlichen weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien überholt.
Die Drucksache 21/6872 enthält die Antwort der Bundesregierung vom 3. Juli 2026 auf die Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (Drs. 21/6514). Darin wird eine tabellarische Übersicht über alle Bundesdokumente vorgelegt, in denen RCP8.5 bzw. SSP5-8.5 seit 2015 verwendet wurden. Die Verwendung erfolgte laut Bundesregierung überwiegend im Rahmen vorsorgeorientierter Klimarisikoanalysen, Sensitivitätsrechnungen und Visualisierungen — nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage für politische Maßnahmen.
Klimaszenarien RCP8.5 und SSP5-8.5 in Bundesunterlagen
Laut Anlage 1 der Antwort haben mehrere Ressorts und Bundesbehörden RCP8.5 in Dokumenten berücksichtigt: Das Umweltbundesamt (UBA) nutzte das Szenario für die Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 (KWRA 2021) als vorsorgeorientierte Entscheidungsgrundlage sowie für das Kommunikationstool „Klimatische Zwillingsstädte in Europa“. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) verwendete RCP8.5 in mehreren Publikationen zur klimaangepassten Bauweise (2019, 2021, 2023, 2024, 2025). Der Deutsche Wetterdienst (DWD) führt RCP8.5 seit 2016 im Deutschen Klimaatlas und in einer Broschüre zu Klimaprojektionen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ließ 2026 durch Prognos ein Gutachten zu klimabedingten Risiken für die Arbeitswelt erstellen, in dem RCP8.5 ausdrücklich als Hoch-Emissionsszenario gekennzeichnet wurde.
Keines der aufgeführten Dokumente hat RCP8.5 ausdrücklich als „Business as usual“- oder Referenzszenario ausgewiesen, wie die Bundesregierung gegenüber der AfD-Anfrage erläutert. Das BBSR hat das Szenario in keiner Publikation explizit als Extrem- oder Stressszenario bezeichnet.
Was gilt aktuell?
Heute stuft die internationale Klimaforschung RCP8.5 nicht mehr als plausible Beschreibung der realen Emissionsentwicklung ein. Der neue CMIP7-Szenarienrahmen sieht ein Hochemissionsszenario unterhalb von SSP5-8.5 vor. Belastbare neue Klimaprojektionen aus CMIP7 liegen nach Angaben der Bundesregierung derzeit noch nicht vor — sie werden erst für den nächsten IPCC-Sachstandsbericht erwartet, der 2028/29 veröffentlicht werden soll. Anschließend erfolgt die Umrechnung in nationale und regionale Modelle, etwa durch den Deutschen Wetterdienst.
Die Bundesregierung erklärt, künftige Klimarisikoanalysen des Bundes auf dem aktualisierten Szenario SSP3-7.0 aufzubauen. Die neue Klimarisikoanalyse 2028/29 soll diesem Szenarienset folgen. Einen verbindlichen Zeitplan für die Überarbeitung bestehender Veröffentlichungen nennt die Regierung nicht — sie verweist auf einen fortlaufenden Prozess ohne konkretes Zieldatum.
Keine szenarienspezifischen Ausgaben nachweisbar
Auf die Frage, welche finanziellen Mittel seit 2015 für Dokumente aufgewendet wurden, in denen RCP8.5 verwendet wurde, antwortet die Bundesregierung, dass keine Mittel ausschließlich für ein bestimmtes Szenario bereitgestellt werden. Auch bei der zentralen KWRA 2021 ließen sich Kosten nicht auf einzelne Szenarien herunterbrechen, da stets die Gesamtheit aller Szenarien zugrunde gelegt werde. Für die KWRA 2021 war ein Konsortium aus adelphi research (Berlin), Eurac Research (Bozen) und Bosch & Partner (München) beauftragt.
Ungeachtet der wissenschaftlichen Neubewertung hält die Bundesregierung an ihrem Klimaschutzkurs fest. Sie verweist auf den UN Emissions Gap Report 2025, dem zufolge die Welt bei aktueller Klimapolitik auf rund 2,8 Grad globale Erwärmung bis 2100 zusteuert. Klimaanpassungsmaßnahmen und die Ziele des Pariser Abkommens bleiben laut Regierungsposition unverändert relevant — auch wenn das Szenario, das jahrelang als obere Grenze galt, nun neu eingeordnet wird. Ähnliche Fragen zur Transparenz von Klimadaten und Szenarien im Kontext staatlicher Entscheidungen berühren auch andere Bereiche wie die Strompreiskompensation im EU-Emissionshandel oder die Knappheit bei grünen Gasen.
Weiterlesen:
- Strompreiskompensation: 19 Fragen zur EU-ETS-Industriebeihilfe
- Grüne Gase: Knappheit, hohe Kosten und Sektorenkonkurrenz
- Wettermodifikation: AfD fragt nach Genehmigungen und Umweltmonitoring
Betroffen sind alle staatlichen Stellen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen, deren Planungen auf bundeseigenen Klimarisikoanalysen basieren — etwa im Bauwesen, Arbeitsschutz, Verkehr und Stadtentwicklung. Mittelbar sind auch Bürgerinnen und Bürger betroffen, da klimabezogene Gesetze, Fördermaßnahmen und Infrastrukturentscheidungen auf diesen Szenarien aufbauen können.
Bei mehreren Fragen verweist die Bundesregierung pauschal auf vorangegangene Antworten (Fragen 10, 8) oder gibt ausweichend allgemeine Grundsätze an (Frage 6: 'Die Bundesregierung verwendet aktuelle Daten und Methoden'). Fragen nach konkreten finanziellen Aufwendungen (Frage 12) und politischen Entscheidungen auf Basis der Szenarien (Frage 7) beantwortet die Regierung mit dem Hinweis, dass keine szenarienspezifische Mittelzuweisung oder szenarienexklusive Entscheidungsgrundlage existiere.
Berlin, 7. Juli 2026. Die Bundesregierung bestätigt in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (BT-Drs. 21/6514 ), dass die Hochemissionsszenarien RCP8.5 und SSP5-8.5 keine plausible Beschreibung der realen Entwicklung mehr darstellen. Zugleich wird dokumentiert, dass diese Szenarien seit Jahren in zahlreichen Bereichen des Bundes wie in Entscheidungsgrundlagen, Gutachten… …
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. (Stand: 03.07.2026) Klimaszenarien RCP8.5/SSP5-8.5: Bundesregierung zu Grundlagen befragt →
- RCP8.5 / SSP5-8.5
- Klimaszenarien, die von sehr hohen Treibhausgasemissionen im 21. Jahrhundert ausgehen. RCP8.5 ist der Vorgänger von SSP5-8.5. Beide gelten seit 2026 laut CMIP7-Szenarienrahmen nicht mehr als plausibler Standardpfad.
- KWRA 2021
- Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes 2021 — eine zentrale Entscheidungsgrundlage der Bundesregierung für Klimaanpassungsmaßnahmen, die RCP8.5 als vorsorgeorientiertes Szenario verwendete.
- CMIP7
- Coupled Model Intercomparison Project, Phase 7 — ein internationales Projekt zur Koordination von Klimamodellen, dessen Ergebnisse in den nächsten IPCC-Sachstandsbericht 2028/29 einfließen sollen.
Was ist RCP8.5 und warum ist es umstritten?
RCP8.5 (Representative Concentration Pathway 8.5) ist ein Klimaszenario, das von einem starken weiteren Anstieg fossiler Energienutzung ausgeht. Im Rahmen von CMIP7 gilt dieses Szenario nun als nicht mehr plausibel, weil der globale Ausbau erneuerbarer Energien und Klimaschutzmaßnahmen die zugrunde liegenden Annahmen überholt haben.
Welche Bundesbehörden haben RCP8.5 verwendet?
Laut Anlage 1 der Antwort haben unter anderem das Umweltbundesamt (UBA), das BBSR, der Deutsche Wetterdienst (DWD) und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales Dokumente veröffentlicht, in denen RCP8.5 berücksichtigt wurde.
Wird die Bundesregierung bestehende Dokumente korrigieren?
Die Bundesregierung erklärt, ihre Entscheidungsgrundlagen fortlaufend zu überprüfen. Für die neue Klimarisikoanalyse 2028/29 soll das aktualisierte Szenario SSP3-7.0 genutzt werden. Ein konkreter Zeitplan für die Anpassung bestehender Veröffentlichungen wird nicht genannt.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6872 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































