- Beamter des Auswärtigen Amts seit 2022 zu Capgemini SE beurlaubt
- Früherer IT-Transformationsbeauftragter mit strategischem Insiderwissen betroffen
- 10 Fragen zu Vergabe, Auftragsvolumen und Compliance-Maßnahmen gestellt
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6824 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Bereits mit BT-Drs. 21/5092 hatte die AfD-Fraktion die Bundesregierung zu Beurlaubungen von Beamten des Auswärtigen Amts in privatwirtschaftliche Unternehmen befragt. In der damaligen Antwort tauchte der Eintrag ‚2022 Capgemini SE Laufend‘ auf. Capgemini SE ist einer der größten IT-Dienstleister Europas und führt auch öffentliche Aufträge in Deutschland durch. Der Wechsel hochrangiger Beamter mit Insiderwissen in Unternehmen, die gleichzeitig als Auftragnehmer der Behörden auftreten, wird in der politischen Debatte als sogenannter ‚Drehtür-Effekt‘ diskutiert und ist in mehreren europäischen Ländern reguliert.
Im Detail
Ein ehemaliger Beauftragter für die digitale Transformation dürfte über tiefgehende Kenntnisse interner IT-Strukturen, laufender Beschaffungsprojekte sowie des Netzwerks von Entscheidungsträgern im Auswärtigen Amt verfügen, die einem privatwirtschaftlichen Auftraggeber im Wettbewerb um öffentliche Aufträge einen erheblichen Vorteil verschaffen könnten.
— Begründung BT-Drs. 21/6824, AfD-Fraktion
Ein beurlaubter Beamter des Auswärtigen Amts, der zuvor als Beauftragter für die digitale Transformation tätig war, steht im Mittelpunkt einer parlamentarischen Anfrage zur Vergabepraxis und zu möglichen Interessenkonflikten. Die AfD-Fraktion stellt mit BT-Drs. 21/6824 vom 2. Juli 2026 zehn konkrete Fragen zur Beurlaubungspraxis des Auswärtigen Amts gegenüber dem IT-Konzern Capgemini SE.
Beamten-Beurlaubung mit strategischem Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6824 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Ausgangspunkt ist ein Eintrag in der Antwort der Bundesregierung auf eine frühere Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/5092): Demnach ist ein Beamter des Auswärtigen Amts seit 2022 zur Capgemini SE beurlaubt — und diese Beurlaubung läuft nach aktuellem Stand weiter. Nach öffentlich zugänglichen Quellen, auf die sich die Fragesteller beziehen, handelt es sich dabei nach ihrer Einschätzung mit hoher Wahrscheinlichkeit um Hinrich Thölken, der von 2018 bis 2022 als Beauftragter für die digitale Transformation im Auswärtigen Amt tätig war und seitdem bei Capgemini SE als „Vice President Global Public Sector“ fungiert.
Die Fragesteller sehen darin ein strukturelles Problem: Ein ehemaliger IT-Transformationsbeauftragter verfüge über detailliertes Wissen über interne IT-Architekturen, laufende Beschaffungsvorhaben und das Netzwerk von Entscheidungsträgern im Ministerium. Dieses Wissen könne dem privaten Arbeitgeber Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen IT-Unternehmen verschaffen, die ebenfalls um öffentliche Aufträge des Auswärtigen Amts konkurrieren.
Was gilt aktuell?
Beamtenbeurlaubungen in die Privatwirtschaft sind in Deutschland rechtlich möglich. Rechtsgrundlage ist § 12 der Sonderurlaubsverordnung (SUrlV), der Sonderurlaub ohne Bezüge erlaubt, wenn ein dienstliches oder öffentliches Interesse nachgewiesen wird. Das Bundesbeamtengesetz (BBG) und das Beamtenstatusgesetz (BeamtStG) regeln weitere Rahmenbedingungen. Eine allgemeine gesetzliche Karenzzeit für Beamte, die zu Unternehmen wechseln, mit denen ihre Behörde Vertragsbeziehungen unterhält, gibt es im Bundesrecht derzeit nicht — anders als etwa bei Regierungsmitgliedern, für die das Bundesministergesetz Wartezeiten von bis zu 18 Monaten vorsieht.
Zehn Fragen zu Vergabe, Auftragsvolumen und Compliance
Die Anfrage umfasst zehn Fragen, die sich in drei Schwerpunkte gliedern. Erstens fragen die Abgeordneten nach der Identität des beurlaubten Beamten und den Umständen des Stellenwechsels — konkret, ob sich der Beamte auf eine öffentlich ausgeschriebene Stelle beworben hat oder durch Capgemini SE direkt angeworben wurde. Zweitens verlangen sie eine lückenlose Darstellung der Auftragsbeziehungen zwischen dem Auswärtigen Amt und Capgemini SE: Wann begann die Geschäftsbeziehung, wie hat sich das jährliche Auftragsvolumen entwickelt, und wie hat es sich insbesondere seit 2022 verändert — aufgeschlüsselt nach Jahr, Volumen in Euro und prozentualer Veränderung gegenüber dem Vorjahr. Drittens fragen die Abgeordneten nach konkreten Compliance-Maßnahmen: Welche Auflagen, Verpflichtungserklärungen oder Karenzzeiten wurden im Rahmen der Beurlaubungsgenehmigung verfügt, um den Missbrauch intern erlangter Kenntnisse zu verhindern?
Zudem will die Anfrage wissen, ob die Bundesregierung die allgemeine Praxis plant zu verschärfen, hochrangige IT-Führungskräfte in Unternehmen zu beurlauben, die gleichzeitig oder in absehbarer Zeit Auftragnehmer des Auswärtigen Amts sind.
Beamten-Beurlaubung als Spiegel breiterer Debatte
Die Beamten-Beurlaubung zur Capgemini SE ist kein Einzelfall in der Diskussion um den sogenannten Drehtür-Effekt zwischen Staatsapparat und Privatwirtschaft. Vergleichbare Debatten werden in Deutschland regelmäßig bei Ministerialbeamten geführt, die in Lobbybüros oder zu Unternehmen wechseln, mit denen sie zuvor dienstlich befasst waren. Bei IT-Beschaffung im Staatswesen ist das Thema besonders sensibel, weil Insider-Kenntnisse über Systeme, Schwachstellen und künftige Vergabepläne einen handfesten wirtschaftlichen Wert darstellen können. Wie der Umgang mit öffentlichen Mitteln und ihrer Kontrolle generell im Fokus parlamentarischer Anfragen steht, zeigt auch die aktuelle Debatte um Transparenz bei Behördenausgaben.
Die Antwort der Bundesregierung auf BT-Drs. 21/6824 steht noch aus. Bis zum 23. Juli 2026 hat die Regierung Zeit, die zehn Fragen zu beantworten. Ob und wie transparent sie dabei über das Auftragsvolumen, die Begründung des dienstlichen Interesses und die ergriffenen Compliance-Maßnahmen informiert, wird die eigentliche Substanz des Vorgangs erst sichtbar machen.
Weiterlesen:
- Bundesregierung gibt Millionen für Asylverfahrensberatung aus, ohne Wirksamkeit belegen zu können
- Ausländische Studierende: 21 Fragen zu Qualität und Beschäftigung
Betroffen sind potenziell Konkurrenten von Capgemini SE im Wettbewerb um IT-Aufträge des Bundes, wenn durch Insiderwissen Wettbewerbsvorteile entstehen. Mittelbar betroffen sind Steuerzahler, die ein Interesse an transparenten und fairen Vergabeverfahren bei öffentlichen IT-Projekten haben.
Die Kleine Anfrage ist am 2. Juli 2026 beim Deutschen Bundestag eingegangen. Die Bundesregierung hat gemäß parlamentarischer Praxis 21 Tage Zeit zur Beantwortung, die Antwortfrist läuft bis zum 23. Juli 2026. Nach Eingang der Antwort kann die Anfrage als erledigt gelten.
- Sonderurlaubsverordnung (SUrlV) § 12
- Rechtsgrundlage für die Beurlaubung von Bundesbeamten ohne Bezüge. Voraussetzung ist ein nachgewiesenes dienstliches oder öffentliches Interesse an der Tätigkeit beim privaten Arbeitgeber.
- Drehtür-Effekt
- Bezeichnet den Wechsel von Staatsbediensteten oder Politikern in privatwirtschaftliche Unternehmen, mit denen sie zuvor dienstlich verbunden waren — und umgekehrt.
- Vice President Global Public Sector
- Führungsposition bei Capgemini SE, die laut öffentlichen Quellen für die Akquisition und Betreuung öffentlicher Auftraggeber weltweit zuständig ist.
Was ist eine Beamtenbeurlaubung in die Privatwirtschaft?
Nach § 12 der Sonderurlaubsverordnung (SUrlV) können Beamte ohne Bezüge beurlaubt werden, wenn ein dienstliches oder öffentliches Interesse nachgewiesen wird. Sie bleiben dabei formal Beamte, arbeiten aber temporär für ein privatwirtschaftliches Unternehmen.
Wer ist Capgemini SE?
Capgemini SE ist ein international tätiger IT- und Beratungskonzern mit Sitz in Paris, der unter anderem IT-Dienstleistungen für öffentliche Auftraggeber in Deutschland erbringt.
Was ist das Drehtür-Problem bei Beamten?
Als 'Drehtür-Effekt' bezeichnet man den Wechsel hochrangiger Staatsbediensteter in Unternehmen, mit denen sie zuvor dienstlich zu tun hatten. Kritiker befürchten, dass Insiderwissen über Beschaffungsvorhaben und Entscheidungsstrukturen dem privaten Arbeitgeber Wettbewerbsvorteile verschafft.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6824 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.

































































