- 85.000 Sepsis-Tote jährlich, Sterblichkeit seit 30 Jahren unverändert hoch
- Bundesregierung plant keine eigenständige nationale Sepsis-Strategie
- Seit 2017 mindestens 72 Mio. Euro Forschungsförderung und 1,5 Mio. Euro pro Jahr für #DES
Hintergrund
Die Weltgesundheitsversammlung (WHO) verabschiedete im Mai 2017 die Resolution WHA70.7, die alle Mitgliedstaaten zur Verbesserung von Prävention, Diagnose und Behandlung von Sepsis aufforderte — maßgeblich auf Initiative der Bundesrepublik Deutschland. Zahlreiche Länder wie Frankreich, Schweden, das Vereinigte Königreich und Australien haben seitdem nationale Sepsis-Strategien eingeführt und ihre Sterblichkeitsraten deutlich gesenkt. Deutschland verfügt acht Jahre nach der Resolution nach wie vor über keine eigenständige nationale Sepsis-Strategie. Nach Angaben in der Drucksache erkranken in Deutschland jährlich mindestens 230.000 Menschen an Sepsis, mindestens 85.000 sterben daran; die Sterblichkeitsrate liegt damit etwa doppelt so hoch wie in vergleichbaren Ländern und stagniert seit rund 30 Jahren.
- 230.000 — Menschen erkranken in Deutschland jährlich mindestens an Sepsis.
- 85.000 — Sepsis-Todesfälle pro Jahr in Deutschland; die Sterblichkeitsrate stagniert seit rund 30 Jahren.
- 32,7 Mrd. Euro — Geschätzte jährliche Behandlungskosten für Sepsis in Deutschland.
- 72 Mio. Euro — Projektfördermittel des BMFTR für Sepsis-Forschung im Zeitraum 2017 bis 2026.
- 1,5 Mio. Euro — Jährliche Bundesförderung für die Aufklärungskampagne #DES seit 2021.
Im Detail
Das Thema Sepsis hat für die Bundesregierung eine hohe Relevanz und vor diesem Hintergrund wurden eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um notwendige Veränderungen voranzubringen und gesundheitspolitische und medizinische Weichenstellungen einzuleiten.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/8419, S. 3
Mindestens 85.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an Sepsis — einer lebensbedrohlichen Fehlregulation des Immunsystems nach einer Infektion. Die Sterblichkeitsrate stagniert seit rund 30 Jahren auf einem Niveau, das etwa doppelt so hoch liegt wie in vergleichbaren Ländern wie Australien oder Schweden. Dennoch plant die Bundesregierung keine eigenständige nationale Sepsis-Strategie. Das geht aus der Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit vom 6. Oktober 2026 auf die Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor (BT-Drs. 21/8419).
Was gilt aktuell bei der Sepsis-Versorgung?
Eine eigene nationale Sepsis-Strategie existiert in Deutschland nicht. Die Bundesregierung setzt stattdessen auf einen sogenannten multimodalen Ansatz: Verschiedene Stakeholder auf unterschiedlichen Ebenen sollen das Thema Sepsis angehen — von der Prävention bis zur Nachversorgung. Als Rahmen dient die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie DART 2030, die vom Bundeskabinett im April 2023 verabschiedet wurde und Sepsis-relevante Schwerpunkte enthält. Seit dem 1. Januar 2026 müssen Krankenhäuser zudem auf Grundlage der Qualitätssicherungsrichtlinie (DeQS-RL) des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) Daten zur Diagnostik und Therapie der Sepsis erheben — ein erster verbindlicher Standard für den stationären Bereich.
Sepsis-Versorgung: Förderung und Forschung
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hat im Zeitraum 2017 bis 2026 Projektfördermittel in Höhe von mindestens 72 Mio. Euro für Sepsis-Forschung bereitgestellt. Über den Innovationsfonds des G-BA wurden in den vergangenen zehn Jahren zusätzlich über 20 Mio. Euro für Projekte mit Sepsis-Bezug eingesetzt. Von zwölf geförderten Projekten sind acht abgeschlossen; unter anderem flossen Ergebnisse in das Aktualisierungsverfahren der S3-Leitlinie „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“ ein. Zwei weitere Projekte sollen Anfang 2027 starten.
Die bundesweite Aufklärungskampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ (#DES) wird seit 2021 mit jährlich ca. 1,5 Mio. Euro aus dem Bundeshaushalt gefördert. Laut Drucksache wird derzeit geprüft, ob die Kampagne ab 2027 beim Robert Koch-Institut (RKI) und beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) verstetigt werden kann. Das Nationale Gesundheitsportal gesund.bund.de verzeichnete von 2020 bis 2026 insgesamt 83.069 eindeutige Seitenansichten zum Thema Sepsis — davon 21.996 allein im Jahr 2026.
Vergleich mit dem Ausland und fehlende Strategie
Die WHO hatte Deutschland 2017 mit der Resolution WHA70.7 — an deren Initiierung die Bundesrepublik maßgeblich beteiligt war — aufgefordert, Prävention, Diagnose und Behandlung von Sepsis zu verbessern. Frankreich, Schweden, das Vereinigte Königreich und Australien haben daraufhin nationale Strategien entwickelt und ihre Sepsis-Sterblichkeit messbar gesenkt. In Australien sank die Sterblichkeitsrate zwischen 2000 und 2012 von 35,0 auf 18,5 Prozent. In Deutschland stagniert sie hingegen auf hohem Niveau. Die Bundesregierung erklärt, sie folge den WHO-Empfehlungen und ergänze bestehende Strategien, nennt aber keinen konkreten Zeitplan für weitergehende Maßnahmen.
Auf die Frage, ob ein nationales Sepsis-Register sinnvoll wäre, antwortet die Bundesregierung ablehnend: Sie sehe derzeit keinen Mehrwert, da die Einführung mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden wäre und das Forschungsdatenzentrum (FDZ) Gesundheit bereits eine geeignete Datenbasis biete. Datenlücken bestehen nach Angaben der Drucksache vor allem bei klinischen Daten zur Frühdiagnose, die nicht über Abrechnungsdaten erfasst werden. Das RKI plant daher, eine Surveillance von Blutstrominfektionen auf Basis von Labordaten aufzubauen.
Pflege, Notaufnahme und Ausbildung
Für ambulante Pflegedienste bestehen laut Bundesregierung keine spezifischen gesetzlichen Vorgaben zur Sepsis-Früherkennung; es gelten allgemeine Qualitätsanforderungen. Die Zuständigkeit für Fort- und Weiterbildungen in der Pflege liegt bei den Ländern. In der Notfallversorgung fehlt der Bundesregierung nach eigenen Angaben ein vollständiger Überblick darüber, welche Ersteinschätzungssysteme in Leitstellen und Notaufnahmen zur Sepsis-Erkennung geeignet sind. Ein im April 2026 beschlossener Gesetzentwurf zur Reform der Notfallversorgung sieht eine standardisierte Notrufabfrage vor; für deren Digitalisierung stellt der Bund aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität 225 Mio. Euro zur Verfügung. Wie die Datenlage bei anderen Gesundheitsthemen zeigt, sind belastbare Datengrundlagen eine Voraussetzung für wirksame Versorgungsstrategien — bei der Sepsis-Surveillance sind diese Lücken nach wie vor offen.
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Betroffen sind potenziell alle Menschen in Deutschland, da Sepsis jede Infektion zur lebensbedrohlichen Krise werden lassen kann. Besonders gefährdet sind ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen, Neugeborene sowie Schwangere und Gebärende. Rund drei Viertel der Überlebenden leiden unter schwerwiegenden Langzeitfolgen, etwa ein Drittel wird pflegebedürftig. Auch Angehörige und pflegende Berufsgruppen sind direkt betroffen.
Die Bundesregierung beantwortet die zentralen Fragen zu Einzelmaßnahmen und Forschungsförderung vollständig. Bei der Kernfrage nach einer eigenständigen nationalen Sepsis-Strategie verweist sie auf bestehende Strategien (DART 2030) und einen multimodalen Ansatz, ohne einen konkreten Zeitplan oder eine Ablehnung mit ausführlicher Begründung zu liefern. Mehrere Folgefragen (z. B. 34, 38) werden pauschal an frühere Antworten verwiesen.
Die Anfrage ist mit der Antwort der Bundesregierung vom 6. Oktober 2026 abgeschlossen (BT-Drs. 21/8419). Eine eigenständige nationale Sepsis-Strategie ist laut Bundesregierung nicht geplant; die bestehenden Maßnahmen sollen weitergeführt und teilweise verstetigt werden. Die Überführung der Kampagne #DES an RKI und BIÖG ab 2027 befindet sich noch in Prüfung. Zwei weitere Innovationsfonds-Projekte sollen Anfang 2027 starten.
- Sepsis
- Lebensbedrohliche Fehlregulation der körpereigenen Immunantwort auf eine Infektion, umgangssprachlich auch 'Blutvergiftung' genannt. Unbehandelt kann sie zu Organversagen und Tod führen.
- DART 2030
- Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie, vom Bundeskabinett im April 2023 verabschiedet. Sie enthält einen Schwerpunkt auf Sepsis-relevante Themen und ergänzt den nationalen Aktionsplan zu antimikrobiellen Resistenzen.
- DeQS-RL
- Richtlinie zur datengestützten einrichtungsübergreifenden Qualitätssicherung des G-BA. Auf ihrer Grundlage müssen Krankenhäuser seit Januar 2026 Sepsis-Daten zur Diagnostik und Therapie erheben.
Warum hat Deutschland keine nationale Sepsis-Strategie?
Die Bundesregierung setzt laut BT-Drs. 21/8419 auf einen multimodalen Ansatz mit verschiedenen Stakeholdern und verweist auf bestehende Strategien wie DART 2030. Eine eigenständige nationale Sepsis-Strategie nach dem Vorbild von Frankreich oder Australien ist nicht geplant.
Wie viel Geld gibt der Bund für Sepsis-Forschung aus?
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hat von 2017 bis 2026 mindestens 72 Mio. Euro für Sepsis-Forschung bereitgestellt. Über den Innovationsfonds wurden zusätzlich über 20 Mio. Euro für Projekte mit Sepsis-Bezug bereitgestellt.
Was ist die Kampagne 'Deutschland erkennt Sepsis'?
Die bundesweite Aufklärungskampagne #DES wird seit 2021 vom Bund mit jährlich ca. 1,5 Mio. Euro gefördert. Laut Drucksache wird derzeit geprüft, ob sie ab 2027 beim RKI und beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit verstetigt werden kann.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8419 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































