- Göttinger Studie 2026: 2,50 Euro Export je Euro Entwicklungshilfe
- Frühere Göttinger Studie 2024: nur 0,36 USD Exporteffekt je Dollar
- 380.000 vs. 139.000 Arbeitsplätze — Bundesregierung soll Diskrepanz erklären
Hintergrund
Im Juli 2026 veröffentlichten Inmaculada Martínez-Zarzoso und Jonathan Lessing von der Universität Göttingen die Studie „More than meets the port: Donor export effects of foreign aid revisited“. Sie analysiert bilaterale Entwicklungszusammenarbeit und deren Auswirkungen auf Waren- und Dienstleistungsexporte für fünf europäische Geberländer im Zeitraum 2005 bis 2024. Das BMZ und die KfW haben die Ergebnisse öffentlich begrüßt. Eine frühere, von der KfW selbst beauftragte Göttinger Studie aus Oktober 2024 kam für denselben Sachverhalt zu deutlich niedrigeren Werten. Mitautor Lessing ist nach Angaben der Universität bei der KfW IPEX-Bank beschäftigt.
- 2,50 Euro — Exporteffekt je Euro Entwicklungshilfe laut Göttinger Studie 2026 (Martínez-Zarzoso/Lessing)
- 0,36 USD — Exporteffekt je Dollar laut KfW-beauftragter Göttinger Studie von Oktober 2024
- 380.000 Arbeitsplätze — von der Studie 2026 als geschaffen oder gesichert ausgewiesen
- 139.000 Arbeitsplätze — entsprechende Schätzung der Studie 2024
- 2005–2024 — gemeinsamer Untersuchungszeitraum beider Studien mit erheblichen Überschneidungen
Im Detail
„Jeder Euro Entwicklungshilfe bringt laut Studie 2,50 Euro Exporte“
— WELT, 24. August 2026, zitiert in Vorbemerkung BT-Drs. 21/8518
Entwicklungszusammenarbeit kostet den deutschen Bundeshaushalt jährlich mehrere Milliarden Euro — doch wie viel kommt davon in Form von Exporten und Arbeitsplätzen nach Deutschland zurück? Zwei Studien derselben Universität Göttingen liefern auf diese Frage völlig unterschiedliche Antworten, und genau dieser Widerspruch steht im Mittelpunkt der Kleinen Anfrage BT-Drs. 21/8518, die die AfD-Fraktion am 13. Oktober 2026 eingebracht hat.
Zwei Studien, ein eklatanter Widerspruch
Im Juli 2026 veröffentlichten die Ökonominnen Inmaculada Martínez-Zarzoso und Jonathan Lessing an der Universität Göttingen ihre empirische Analyse „More than meets the port: Donor export effects of foreign aid revisited“. Das zentrale Ergebnis: Jeder investierte Euro in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit geht laut dieser Studie mit rund 2,50 Euro zusätzlichen deutschen Exporten einher und trägt dazu bei, rund 380.000 Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen oder zu sichern. Das BMZ und die KfW haben diese Ergebnisse öffentlich begrüßt.
Allerdings hatte eine ältere, im Oktober 2024 von der KfW selbst beauftragte Studie — ebenfalls von Göttinger Wissenschaftlern — für denselben Sachverhalt lediglich einen Exporteffekt von 0,36 USD je investiertem Dollar und rund 139.000 gesicherte Arbeitsplätze ausgewiesen. Die Untersuchungszeiträume beider Studien überschneiden sich erheblich. Wie dieselbe Universität mit ähnlichen Daten zu derart unterschiedlichen Ergebnissen gelangt, bleibt offen.
Entwicklungszusammenarbeit: Was gilt aktuell?
Deutschland zählt zu den größten bilateralen Geberländern weltweit. Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit wird hauptsächlich über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) abgewickelt. Ob und in welchem Umfang solche Ausgaben vom Empfängerland zurück in die deutsche Exportwirtschaft fließen, ist politisch relevant — insbesondere dann, wenn es um Ausnahmen von der Schuldenbremse geht.
Sechs Fragen an die Bundesregierung
Die AfD-Fraktion stellt in ihrer Kleinen Anfrage insgesamt sechs konkrete Fragen: Sie erkundigt sich, ob die Bundesregierung eigene Evaluationen zum Exporteffekt der Entwicklungszusammenarbeit vorgenommen hat, welche der beiden widersprüchlichen Göttinger Studien sie für plausibler hält und wie sie die gravierenden Unterschiede erklärt. Außerdem fragt die Fraktion nach der Beteiligung von KfW, KfW IPEX-Bank und BMZ an der Beauftragung, Finanzierung und wissenschaftlichen Begleitung der Studien — ein Punkt, der besondere Brisanz hat: Mitautor Jonathan Lessing ist laut Angaben der Universität Göttingen gleichzeitig bei der KfW IPEX-Bank beschäftigt und externer Doktorand an der Universität. Die Anfrage thematisiert damit implizit die Frage nach der wissenschaftlichen Unabhängigkeit der Studie, die das BMZ öffentlich begrüßt hat.
Darüber hinaus fragt die Fraktion, ob die Bundesregierung die Ergebnisse der Studie 2026 bei Haushaltsplanungen für Entwicklungszusammenarbeit und bei Überlegungen zu einer Ausnahme von der Schuldenbremse berücksichtigt. Zum Vergleich wird auch nach wirtschaftlichen Rückflüssen anderer Geberländer wie Großbritannien, Japan und den USA gefragt.
Einfach erklärt: Zwei Studien derselben Universität kommen zu völlig verschiedenen Ergebnissen darüber, wie viele Jobs und Exporte die deutsche Entwicklungshilfe bringt — die AfD will wissen, welchen Zahlen die Bundesregierung glaubt.
Politischer Kontext: Schuldenbremse und Haushalt
Die Anfrage fällt in eine Phase intensiver Debatte über den Bundeshaushalt und mögliche Reformen der Schuldenbremse. Wer behauptet, Entwicklungszusammenarbeit zahle sich wirtschaftlich mehrfach aus, liefert damit ein Argument dafür, diese Ausgaben von Defizitregeln auszunehmen. Die AfD-Fraktion hinterfragt, ob solche Schlussfolgerungen auf einer belastbaren Datenbasis stehen. Ähnliche Fragen nach dem Nutzen staatlicher Ausgaben für die heimische Wirtschaft stellen sich auch bei anderen Ausgabenbereichen, etwa bei der deutschen Sahel-Strategie, die ebenfalls wirtschaftliche und entwicklungspolitische Ziele verknüpft.
Eine Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage liegt noch nicht vor. Nach § 104 GO-BT sieht die Geschäftsordnung grundsätzlich eine Beantwortung innerhalb von 14 Tagen nach Zuleitung an das Bundeskanzleramt vor.
Weiterlesen:
Betroffen sind deutsche Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, deren Mittel in die Entwicklungszusammenarbeit fließen, sowie exportorientierte Unternehmen und deren Beschäftigte, die laut den Studien von diesen Ausgaben profitieren könnten. Auch die Haushaltspolitik insgesamt ist berührt, da die Frage nach einem Schuldenbremsen-Ausnahme ausdrücklich gestellt wird.
Die Kleine Anfrage BT-Drs. 21/8518 wurde am 13. Oktober 2026 eingereicht. Nach § 104 GO-BT sieht die Geschäftsordnung grundsätzlich eine Beantwortung innerhalb von 14 Tagen nach Zuleitung an das Bundeskanzleramt vor. Eine Antwort der Bundesregierung liegt noch nicht vor.
- Entwicklungszusammenarbeit (EZ)
- Staatliche Förderung wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung in ärmeren Ländern, etwa durch Kredite der KfW oder Zuschüsse des BMZ.
- Exporteffekt
- Der wirtschaftliche Rückfluss in Form zusätzlicher Warenausfuhren, der einem Geberland entsteht, wenn Empfängerländer Güter und Dienstleistungen aus dem Geberland einkaufen.
- Schuldenbremse
- Im Grundgesetz verankerte Regel, die die Neuverschuldung von Bund und Ländern strukturell begrenzt. Bestimmte Ausgaben können unter Umständen davon ausgenommen werden.
Was ist der Unterschied zwischen den beiden Göttinger Studien?
Die Studie von 2026 weist einen Exporteffekt von 2,50 Euro je eingesetztem Euro Entwicklungshilfe und rund 380.000 gesicherte Arbeitsplätze aus. Die KfW-beauftragte Studie von 2024 kam dagegen auf nur 0,36 USD je Dollar und rund 139.000 Arbeitsplätze — bei weitgehend überlappenden Untersuchungszeiträumen.
Welche Rolle spielt die KfW bei diesen Studien?
Die KfW hat die ältere Studie von 2024 in Auftrag gegeben. Zudem ist Mitautor Jonathan Lessing laut Angaben der Universität Göttingen bei der KfW IPEX-Bank beschäftigt und gleichzeitig externer Doktorand — was Fragen zur wissenschaftlichen Unabhängigkeit aufwirft.
Hat die Bundesregierung eigene Studien zu diesem Thema?
Das ist eine der sechs Fragen, die die AfD-Fraktion in BT-Drs. 21/8518 stellt. Eine Antwort der Bundesregierung liegt noch nicht vor.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8518 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































