- Rentenbezugsdauer hat sich seit 1960 mehr als verdoppelt
- Lebenserwartung ist stark von sozioökonomischem Status abhängig
- Kopplung des Rentenalters an Lebenserwartung ist sozial nicht neutral
Lebenserwartung und Rentenalter: Was der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages ermittelt hat
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat im Juli 2026 eine Analyse zu statistischen Lebenserwartungsdaten im Kontext der gesetzlichen Rentenversicherung veröffentlicht. Das Dokument bündelt Daten des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Rentenversicherung, Stellungnahmen der Bundesregierung sowie aktuelle wissenschaftliche Studien.
Steigende Lebenserwartung und längere Rentenbezugsdauer
Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt liegt derzeit bei 78,8 Jahren für Männer und 83,4 Jahren für Frauen. Besonders relevant für die Rentenfinanzierung ist die sogenannte fernere Lebenserwartung: Ein 65-jähriger Mann kann heute noch mit durchschnittlich 18,0 weiteren Lebensjahren rechnen, eine gleichaltrige Frau mit 21,1 Jahren. Zum Vergleich: 1871 lagen diese Werte bei 9,6 beziehungsweise 10,0 Jahren.
Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei Versichertenrenten betrug im Jahr 2024 insgesamt 20,5 Jahre – gegenüber 9,9 Jahren im Jahr 1960. Frauen bezogen ihre Rente mit 22,1 Jahren im Schnitt rund drei Jahre länger als Männer mit 18,9 Jahren. Die Analyse weist darauf hin, dass der Anstieg der Bezugsdauer zuletzt etwas abgeflacht ist, unter anderem weil die Anhebung der Altersgrenzen den Rentenbeginn nach hinten verschoben hat.
Sozioökonomischer Status beeinflusst Lebenserwartung deutlich
Mehrere wissenschaftliche Studien belegen erhebliche Unterschiede in der Lebenserwartung je nach Bildung, Einkommen und Wohnregion. Eine DIW-Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Personen mit niedriger Bildung im Alter zwischen 55 und 76 Jahren eine Sterbewahrscheinlichkeit von rund 14 Prozent aufweisen, während es bei Hochgebildeten etwa 9 Prozent sind. Bei Männern ist der Einkommenseffekt besonders ausgeprägt: Die Sterbewahrscheinlichkeit im untersten Einkommensquintil liegt fast doppelt so hoch wie im obersten.
Eine RKI-Studie aus dem Jahr 2025 zeigt zudem, dass die Lebenserwartungslücke zwischen wohlhabenden und sozioökonomisch benachteiligten Regionen seit 2003 gewachsen ist. Im Zeitraum 2020 bis 2022 betrug sie bei Männern 7,2 Jahre, bei Frauen 4,3 Jahre. Die Bundesregierung räumt in parlamentarischen Antworten einen engen Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Lage und Gesundheit ein, betont aber, dass ein kausaler Nachweis schwierig bleibt.
Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung: Chancen und Grenzen
Die Analyse stellt auch aktuelle wissenschaftliche Einschätzungen zur möglichen Kopplung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung vor. Ein Aufsatz von Brumm, Czaplicki und Heien (2026) kommt zu dem Schluss, dass eine solche Regelung ökonomisch zwar als vergleichsweise ausgewogene Reformoption gilt, aber sozial nicht neutral ist. Da die Lebenserwartung ungleich verteilt ist, würden Personen mit geringerer Lebenserwartung überproportional belastet.
Die Autoren betonen, dass der Erfolg einer Kopplung entscheidend davon abhängt, ob flankierende Maßnahmen in der Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Sozialpolitik vorhanden sind. Internationale Erfahrungen aus Italien, den Niederlanden und der Slowakei zeigen zudem, dass automatische Anpassungsmechanismen politische Debatten nicht beenden, sondern lediglich verlagern.
































































