- 19 Prozent der deutschen Erwachsenen sind adipös, Tendenz steigend
- Abnehmspritzen wirken stark, werden aber von GKV nicht erstattet
- Jo-Jo-Effekt: 60 Prozent des verlorenen Gewichts kehrt nach Absetzen zurück
Übergewicht und Adipositas in Deutschland: Stand und Perspektiven
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat im August 2026 eine aktuelle Übersicht zur Verbreitung und Behandlung von Übergewicht und Adipositas in Deutschland vorgelegt. Das Dokument fasst epidemiologische Daten, medizinische Klassifikationen sowie gesundheitspolitische Debatten zusammen.
Verbreitung und Ausmaß
In Deutschland sind rund 53,5 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, 19 Prozent gelten als adipös. Die Adipositasprävalenz stieg laut Journal Health Monitoring von 12,2 Prozent in den Jahren 2003/2004 auf 19,7 Prozent im Jahr 2023 deutlich an. Besonders schwere Formen haben zugenommen: Bei Männern stieg der Anteil von 1,5 Prozent in den 1980er Jahren auf 5,1 Prozent im Jahr 2011. Bei Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren sind 15,4 Prozent übergewichtig und 5,9 Prozent adipös, wobei die Prävalenz in dieser Altersgruppe weitgehend stabil blieb.
Medizinische Einordnung
Die Weltgesundheitsorganisation stuft Adipositas als chronische, komplexe Erkrankung ein, die durch ein übergewichtsförderndes Umfeld, psychosoziale Faktoren und genetische Einflüsse bedingt wird. Eine Kommission schlägt vor, neben dem Body-Mass-Index künftig auch den Taillenumfang und individuelle Krankheitssymptome heranzuziehen, um zwischen präklinischer und klinischer Adipositas zu unterscheiden. Adipositas gilt als Risikofaktor für Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkerkrankungen und Krebs.
Medikamentöse Behandlung
Sogenannte Abnehmspritzen mit den Wirkstoffen Semaglutid und Tirzepatid erzielen über einen hormonellen Eingriff in das Hunger- und Sättigungsgefühl deutlich höhere Gewichtsverluste als Diät oder Bewegung allein. Die EU hat Semaglutid inzwischen auch in Tablettenform zugelassen, der Marktstart in Deutschland ist für das dritte Quartal 2026 geplant. In den USA ist seit April 2026 zudem Orforglipron zugelassen. Typische Nebenwirkungen sind Übelkeit, Verstopfung und Durchfall; schwerere Magen-Darm-Beschwerden werden aus Großbritannien gemeldet, sind aber noch nicht abschließend erforscht.
Eine herstellerunabhängige Metastudie aus dem Jahr 2026 zeigt, dass Patienten ein Jahr nach dem Absetzen der GLP-1-Rezeptor-Agonisten im Schnitt 60 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zugenommen hatten. Die Studienautoren raten daher von kurzfristiger Anwendung ohne begleitende Lebensstilanpassung ab. Da der Gewichtsverlust teilweise auf Muskelabbau zurückgeht, werden klinische Studien mit einer Kombination aus Abnehm- und Muskelspritzen durchgeführt.
Kostenerstattung und Politik
Nach aktuellem Recht sind die Abnehmspritzen gemäß § 34 Abs. 1 Satz 7 SGB V als Lifestyle-Arzneimittel eingestuft und damit nicht erstattungsfähig durch die gesetzliche Krankenversicherung. Eine Erstattung findet bislang nur im Rahmen einer Diabetes-Diagnose statt. Die Debatte über eine zumindest teilweise Kostenübernahme bei schwerer Adipositas (BMI über 35 oder 40) ist politisch im Gange. Der Petitionsausschuss des Bundestages hat eine entsprechende Petition im November 2025 als überlegenswert eingestuft und an das Bundesgesundheitsministerium weitergeleitet. Ergänzend dazu können gesetzliche Krankenkassen seit Juli 2024 Disease-Management-Programme für Adipositas einrichten; eine Zuckerabgabe ist ab 2028 geplant.
































































