- PKS-Daten für über 80 Großstädte von 2015 bis 2025 angefragt
- Tatverdächtige nach Staatsangehörigkeit und 8 Deliktschlüsseln erbeten
- Bundesregierung soll Native-Flight-Forschung und Städtebaupolitik offenlegen
Hintergrund
Die Anfrage bezieht sich auf eine Reihe internationaler sozialwissenschaftlicher Studien zur ethnischen Segregation in Städten, darunter das SVR-Jahresgutachten 2026 zur Wohn- und Teilhabesituation in der Einwanderungsgesellschaft sowie WZB-Analysen zur Segregation in 74 deutschen Städten. Laut diesen Studien ist das Niveau ethnischer Segregation in Deutschland im internationalen Vergleich moderat und tendenziell rückläufig, während soziale Segregation zunimmt. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat in Veröffentlichungen aus den Jahren 2012 und 2023 das Konzept des Tipping Point im Kontext von Wohnbevölkerungsaustausch beschrieben.
Im Detail
Die Fragesteller bitten daher um Auskunft, ob und in welcher räumlichen sowie zeitlichen Differenzierung Daten zur polizeilich registrierten Kriminalität, zu Tatverdächtigen nach Staatsangehörigkeit, zu Wanderungsbewegungen und zur Bevölkerungsstruktur verfügbar sind.
— Vorbemerkung BT-Drs. 21/8348, Fraktion der AfD
Wie entwickeln sich Kriminalität und Bevölkerungsstruktur in deutschen Großstädten, und welche Rolle spielen dabei Wanderungsbewegungen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Kleinen Anfrage BT-Drs. 21/8348, die die AfD-Fraktion am 6. Oktober 2026 eingebracht hat. Die Anfrage richtet sich an die Bundesregierung und umfasst 20 Einzelfragen, die auf eine umfangreiche Datenabfrage aus Polizeilicher Kriminalstatistik, Bevölkerungsregistern und Wanderungsstatistiken abzielen.
PKS-Daten für Großstädte: Straftaten und Tatverdächtige nach Staatsangehörigkeit
Kernstück der Anfrage ist die Bitte um tabellarische Aufschlüsselung der PKS-Daten für alle deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern für den Zeitraum 2015 bis 2025. Erfragt werden absolute Fallzahlen und prozentuale Veränderungen für acht Deliktschlüssel: Straftaten insgesamt (ohne aufenthaltsrechtliche Verstöße), Gewaltkriminalität, Straßenkriminalität, Diebstahl insgesamt, Wohnungseinbruchdiebstahl, Taschendiebstahl, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie Rauschgiftkriminalität. Parallel dazu soll die Bundesregierung die Tatverdächtigen nach deutscher und nichtdeutscher Staatsangehörigkeit sowie nach den zehn häufigsten Staatsangehörigkeiten unter den nichtdeutschen Tatverdächtigen aufschlüsseln.
Segregation und Wanderungsbewegungen
Neben den Kriminalitätsdaten erfragt die Anfrage Wanderungs- und Bevölkerungsdaten für dieselben Städte: Ausländeranteil in Prozent, Zuzüge, Fortzüge und Wanderungssaldo getrennt nach Personen mit und ohne deutsche Staatsangehörigkeit sowie den kumulierten Saldo von 2016 bis 2025. Die Fragesteller betonen dabei ausdrücklich, dass Fortzüge keine Aussage über Motive oder den Migrationshintergrund erlauben. Zugleich fragen sie, ob die Bundesregierung statistische Zusammenhänge zwischen Ausländeranteil, Wanderungssaldo und Kriminalitätsentwicklung ausgewertet hat oder solche Auswertungen plant.
Native-Flight-Forschung und Regierungsposition
Ein weiterer Fragenkomplex gilt dem Stand der Forschung zu sogenannten Native-Flight-Effekten. Die Anfrage bezieht sich auf internationale Studien, darunter eine dänische Untersuchung von Boje-Kovács, Mulalic, Saiz et al. (2024), die auf Gebäudeebene robuste Evidenz für Abwanderungseffekte bei einkommensschwachen Zuwanderern und älteren Einheimischen berichtet. Die Fragesteller wollen wissen, ob sich die Bundesregierung oder nachgeordnete Behörden mit der Übertragbarkeit dieser Befunde auf Deutschland befassen und welche eigenen oder geförderten Studien dazu vorliegen. Auch das vom Bund finanzierte Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) und der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) werden in diesem Zusammenhang erwähnt.
Was gilt aktuell?
Bestehende Studien zur ethnischen Segregation in deutschen Städten — darunter WZB-Analysen und das SVR-Jahresgutachten 2026 — zeigen, dass das Niveau ethnischer Segregation in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering bis moderat ist und tendenziell abnimmt. Gleichzeitig nehmen soziale Ungleichgewichte zu, und Konzentrationen bestimmter Herkunftsgruppen in einzelnen Stadtteilen bleiben bestehen. Das BBSR hat das Konzept des Tipping Point — eines Schwellenwertes, ab dem die Abwanderungsrate der Mehrheitsbevölkerung deutlich ansteigen kann — in Publikationen aus den Jahren 2012 und 2023 beschrieben, ohne dass daraus bislang konkrete bundespolitische Steuerungsinstrumente abgeleitet wurden. Ähnliche Themen berührt auch die Debatte über soziale Versorgungsstrukturen in Wohnquartieren.
Die Anfrage fragt ferner, ob und wie Erkenntnisse zu selektiver Zu- und Abwanderung in die Ausgestaltung des Städtebauförderungsprogramms „Sozialer Zusammenhalt“ und der Wohnsitzauflage für Schutzberechtigte einfließen. Letztere regelt, wo anerkannte Schutzberechtigte ihren Wohnsitz nehmen dürfen. Parallel dazu berührt die Anfrage die räumliche Steuerung der Asylbewerberverteilung auf Länder und Kommunen — ein Thema, das auch in der Debatte über aufenthaltsrechtliche Fragen eine Rolle spielt.
Die Anfrage verweist zudem auf frühere Bundestagsdrucksachen derselben Wahlperiode (21/145, 21/5881 und 21/6365), in denen bereits Tatverdächtigenbelastungszahlen nach Staatsangehörigkeit ausgewiesen wurden. Die jetzt gestellten Fragen knüpfen daran an und fragen nach der Nutzung dieser Daten für die Bundespolitik. Das Thema der Datengrundlagen für politische Entscheidungen findet sich auch in anderen parlamentarischen Vorgängen, etwa bei Debatten über Datenlücken in der Umweltpolitik.
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Bewohner städtischer Wohnquartiere in allen deutschen Großstädten über 100.000 Einwohner sind vom Thema betroffen. Darüber hinaus berührt die Anfrage die Arbeit von Bundesbehörden wie dem BBSR und dem DeZIM sowie die Gestaltung des Städtebauförderungsprogramms „Sozialer Zusammenhalt“ und der Wohnsitzauflage für Schutzberechtigte.
Die Anfrage ist am 6. Oktober 2026 beim Deutschen Bundestag eingegangen und wurde an das Bundeskanzleramt zugeleitet. Die Bundesregierung soll innerhalb von 14 Tagen nach Zuleitung antworten. Solange keine Antwort vorliegt, ist das Verfahren offen.
- Native Flight
- Sozialwissenschaftlicher Begriff für die erhöhte Abwanderungswahrscheinlichkeit ansässiger Haushalte ohne Migrationshintergrund bei steigendem Anteil von Personen mit Migrationshintergrund in einem Wohngebiet.
- Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)
- Bundesweite amtliche Statistik, die polizeilich erfasste Straftaten, Tatverdächtige und weitere Merkmale systematisch nach einheitlichen Schlüsseln erfasst und jährlich veröffentlicht wird.
- Tipping Point
- In der Segregationsforschung ein theoretischer Schwellenwert, bei dessen Überschreiten die Abwanderungsrate der Mehrheitsbevölkerung aus einem Quartier deutlich ansteigen kann.
Welche Kriminalitätsarten werden konkret abgefragt?
Die Anfrage nennt acht PKS-Schlüssel: Straftaten insgesamt (ohne aufenthaltsrechtliche Verstöße), Gewaltkriminalität, Straßenkriminalität, Diebstahl insgesamt, Wohnungseinbruchdiebstahl, Taschendiebstahl, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie Rauschgiftkriminalität.
Was ist ein Native-Flight-Effekt?
Native Flight bezeichnet in der Sozialwissenschaft die erhöhte Abwanderungswahrscheinlichkeit ansässiger Haushalte ohne Migrationshintergrund, wenn der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund in einem Wohngebiet steigt. Davon zu unterscheiden ist Native Avoidance, also das Vermeiden eines Zuzugs in solche Gebiete.
Für welche Städte werden Daten erbeten?
Die Anfrage erfasst alle deutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern laut Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Bundesamtes zum 31. Dezember des jeweiligen Berichtsjahres.
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