- Fast 50 Prozent der Deutschen können Fake News nicht zuverlässig erkennen
- Grüne fordern nationalen Medienkompetenz-Fonds aus Onlinewerbesteuer
- Koordinierungsstelle auf Bundesebene soll Angebote bündeln und vernetzen
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6660 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Digitale Desinformation und sinkende Medienkompetenz gelten in Deutschland als wachsendes Problem. Der D21-Digital-Index 2024/25 zeigt, dass nur knapp die Hälfte der Bevölkerung über digitale Basiskompetenzen verfügt. Die ICILS-Studie 2023 belegt einen Rückgang digitaler Fähigkeiten bei Achtklässlern seit 2013. Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ beschreibt die bestehende Angebotslandschaft der Medienbildung als „strukturell fragil“ und Elternbildung als „bundesdeutschen Flickenteppich“. Auf europäischer Ebene haben mehrere Länder bereits nationale Strategien zur Medienbildung verabschiedet; Deutschland fehlt bislang ein vergleichbarer kohärenter Rahmen.
- ~50 % — Fast die Hälfte der Bundesbürger hat laut Antrag Schwierigkeiten, seriöse von unseriösen Nachrichtenquellen zu unterscheiden.
- ~50 % — Nur knapp die Hälfte aller Bürger verfügt über digitale Basiskompetenzen (D21-Digital-Index 2024/25).
- Seit 2013 — Rückgang digitaler Fähigkeiten bei Achtklässlern trotz wachsender KI-Herausforderungen (ICILS-Studie 2023).
- 600 — Landes- und Kreisbildstellen sowie Medienzentren, die als bestehende Strukturen genutzt werden sollen.
Im Detail
Deutschland braucht – wie andere europäische Länder – eine Nationale Strategie, die Medienkompetenzen stärkt und bestehende Initiativen bündelt und ausbaut.
— Begründung BT-Drs. 21/6660, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Knapp die Hälfte der Deutschen kann laut Studien seriöse nicht von unseriösen Nachrichtenquellen unterscheiden – und bei Achtklässlern sind digitale Fähigkeiten seit 2013 sogar rückläufig, obwohl KI und algorithmische Informationsfilterung den Alltag immer stärker prägen. Vor diesem Hintergrund hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen am 23. Juni 2026 den Antrag BT-Drs. 21/6660 in den Bundestag eingebracht, der eine umfassende Nationale Strategie Medienkompetenz fordert.
Was gilt aktuell?
Deutschland verfügt bislang über keine kohärente Bundesstrategie zur Medienkompetenzförderung. Bestehende Angebote – etwa in Volkshochschulen, Medienzentren oder Bibliotheken – werden laut Antrag kurzfristig und projektbezogen finanziert. Das führt dazu, dass Fachkräfte viel Zeit mit Antragsverfahren verbringen statt mit Bildungsarbeit. Im ländlichen Raum sind Angebote besonders dünn gesät; vulnerable Gruppen wie Menschen mit Behinderungen oder Personen mit Migrationsgeschichte werden häufig gar nicht erreicht. Andere europäische Länder haben nationale Strategien bereits verabschiedet – Deutschland hinkt hinterher.
Medienkompetenz: Nationale Strategie als Kernforderung
Das Herzstück des Antrags ist die Forderung nach einer Nationalen Strategie Medienkompetenz, die in enger Abstimmung mit den Bundesländern entwickelt werden soll. Die Strategie soll messbare Ziele, ein kontinuierliches Monitoring und eine Evaluation der Maßnahmen enthalten. Ergänzend soll eine Koordinierungsstelle Digitale Medienkompetenz auf Bundesebene eingerichtet werden, die Qualitätsstandards entwickelt, Forschungsergebnisse aufbereitet und medienpädagogische Akteure vernetzt.
Zur Finanzierung schlagen die Grünen einen dauerhaften Nationalen Medienkompetenz-Fonds vor. Gespeist werden soll er aus einer Steuer auf Onlinewerbeumsätze großer Digitalplattformen – mit der Begründung, dass deren Geschäftsmodelle maßgeblich zur Desinformationsproblematik beitragen. Als Vorbild nennt der Antrag das kanadische „Digital Literacy Exchange Program“. Verwaltet werden soll der Fonds von einer staatsfernen, unabhängigen Stelle.
Zielgruppen: Von der Kita bis ins Seniorenheim
Die im Antrag skizzierten Maßnahmen reichen von bundesweiten Elternkampagnen über außerschulische medienpädagogische Angebote in Ganztagsschulen bis zu aufsuchenden Formaten für ältere Menschen in Seniorenbegegnungsstätten oder Mehrgenerationenhäusern. Explizit gefordert werden auch mehrsprachige und interkulturelle Formate sowie inklusive Angebote mit barrierefreien Materialien. Für Jugendliche soll ein Schwerpunkt auf KI, Social Media und Games gelegt werden. Gleichzeitig soll ein Bundesprogramm Schulsozialarbeit mit medienpädagogischem Schwerpunkt aufgelegt werden.
Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe sollen flächendeckend fortgebildet werden – inklusive Weiterbildungen zu Fähigkeiten, Grenzen und Risiken von KI-Tools. Auf die Bundesländer soll hingewirkt werden, Medien-, Digital- und Demokratiekompetenzen fest im Lehramtsstudium und in der Erzieherausbildung zu verankern.
KI und Deepfakes als neue Herausforderungen
Der Antrag widmet den Risiken generativer KI und Deepfakes besondere Aufmerksamkeit. Eine eigene Förderlinie für interdisziplinäre Forschung soll gezielt die Auswirkungen von KI-generierten Inhalten auf die politische Meinungsbildung Jugendlicher untersuchen. Die Ergebnisse sollen in die Weiterentwicklung der Strategie einfließen. Dies greift eine Empfehlung auf, die auch die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ in ihrer Bestandsaufnahme formuliert hat – die bestehende Angebotslandschaft bezeichnete die Kommission als „strukturell fragil“.
Passend dazu hat der Bundestag in dieser Legislaturperiode bereits 166,2 Millionen Euro für das Programm Demokratie leben! bereitgestellt, das thematisch verwandte Ziele der Demokratiekompetenz verfolgt. Eine Integration der Medienkompetenzförderung in dieses und ähnliche Programme sieht der Grünen-Antrag ausdrücklich vor. Auch das Thema Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt steht parallel auf der parlamentarischen Agenda.
Weiterlesen:
- Demokratie leben!: 166,2 Mio. Euro Förderung im Jahr 2025
- Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt stärken
- Bildung für Nachhaltigkeit: Zukunftskompetenzen für alle
Der Antrag adressiert die gesamte Bevölkerung: Kinder ab dem Kita-Alter, Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Erwachsene in der Weiterbildung sowie ältere Menschen. Besonders in den Blick genommen werden vulnerable Gruppen – Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationsgeschichte sowie Kinder in belasteten Lebenslagen. Auch Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie sozialpädagogische Fachkräfte gehören zur Zielgruppe der geplanten Fortbildungsmaßnahmen.
SPD: Die SPD-Bundestagsfraktion hat in einem eigenen Positionspapier vom 23. Juni 2026 ebenfalls konkrete Maßnahmen für Kinder- und Jugendschutz sowie Prävention in der digitalen Welt gefordert – thematisch verwandte Zielsetzungen, die Schnittmengen mit dem Grünen-Antrag aufweisen. Pressemitteilung lesen →
Der Antrag (BT-Drs. 21/6660) wurde am 23. Juni 2026 eingebracht. Als nächster Schritt steht die Überweisung an den zuständigen Ausschuss – voraussichtlich den Ausschuss für Digitales oder Bildung und Forschung – sowie die dortige Beratung an. Abschließend entscheidet das Plenum des Bundestages über Annahme oder Ablehnung.
- Medienkompetenz
- Die Fähigkeit, Medieninhalte kritisch zu nutzen, zu reflektieren und kreativ einzusetzen – einschließlich der Einordnung von Desinformationen und KI-generierten Inhalten.
- Aufmerksamkeitsökonomie
- Geschäftsmodell digitaler Plattformen, das darauf abzielt, die Aufmerksamkeit der Nutzer möglichst lange zu binden, oft durch algorithmische Filterung ähnlicher Inhalte.
- Deepfakes
- KI-generierte Bild-, Video- oder Audioinhalte, die reale Personen täuschend echt imitieren und zur Verbreitung von Falschinformationen genutzt werden können.
Was soll der Nationale Medienkompetenz-Fonds finanzieren?
Laut Antrag soll der Fonds medienpädagogische Angebote für alle Altersgruppen langfristig fördern – von Elternkursen über Schulprojekte bis zu Seniorenprogrammen. Gespeist werden soll er unter anderem aus einer Steuer auf Onlinewerbeumsätze großer Digitalunternehmen.
Wie schlecht ist die Medienkompetenz in Deutschland wirklich?
Laut den im Antrag zitierten Studien hat fast die Hälfte der Bundesbürger Schwierigkeiten, seriöse von unseriösen Nachrichtenquellen zu unterscheiden. Nur knapp die Hälfte verfügt über digitale Basiskompetenzen (D21-Digital-Index 2024/25). Bei Achtklässlern ist seit 2013 sogar ein Rückgang digitaler Fähigkeiten zu beobachten.
Warum sollen Digitalkonzerne zahlen?
Die Grünen begründen dies damit, dass große Online-Plattformen durch ihre Geschäftsmodelle – insbesondere Aufmerksamkeitsökonomie und algorithmische Filterung – zur Desinformationsproblematik beitragen, während sie zugleich hohe Gewinne aus Onlinewerbung erzielen.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6660 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































