- Polen schätzt NS-Kunstraub auf rund 500.000 geraubte Kunstwerke
- Berlinka-Sammlung: 210.000 Dokumente der Preußischen Staatsbibliothek liegen in Krakau
- Neue deutsch-polnische Arbeitsgruppe bearbeitet weitere Kulturgut-Rückgaben ab 2025
Polnische und deutsche Kulturgutverluste im Zweiten Weltkrieg
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat in einer Analyse vom Juni 2026 die Geschichte der Kulturgutverluste im deutsch-polnischen Kontext sowie den aktuellen Stand der Rückführungsbemühungen zusammengefasst. Das Dokument beleuchtet sowohl den nationalsozialistischen Kunstraub in Polen als auch die bis heute ungeklärte Frage der sogenannten Berlinka-Sammlung.
Systematischer Raub mit ideologischem Hintergrund
Der NS-Kulturgutraub im besetzten Polen war nach polnischen Schätzungen mit rund 500.000 geraubten Kunstwerken sowie Millionen beschlagnahmter Bücher und Archivdokumente einer der größten systematischen Plünderungsvorgänge der europäischen Geschichte. Anders als in Westeuropa, wo staatliches Eigentum weitgehend unangetastet blieb, umfassten die Aktionen in Polen die vollständige Beschlagnahme und gezielte Zerstörung öffentlichen wie privaten Eigentums. Hintergrund war die nationalsozialistische Germanisierungspolitik, die auf die kulturelle Auslöschung der slawischen Bevölkerung abzielte. Eigens eingerichtete Beuteorganisationen wie der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg oder das Sonderkommando Künsberg agierten dabei auf Grundlage weitreichender Verwaltungsverordnungen.
Stockende Verhandlungen seit den 1990er Jahren
Nach dem politischen Umbruch 1989/90 schlossen Deutschland und Polen 1991 den Vertrag über gute Nachbarschaft, der auch die Lösung von Kulturgutfragen vorsah. Die ab 1992 geführten Verhandlungen scheiterten jedoch wiederholt an gegensätzlichen Rechtspositionen: Deutschland beruft sich auf die Haager Landkriegsordnung und den polnischen Reparationsverzicht von 1953, Polen hingegen sieht die deutschen Kulturgüter auf seinem Gebiet als Eigentumsrecht im Sinne des Potsdamer Abkommens und als eine Art Ersatzrestitution für erlittene Kriegsschäden. Vereinzelte Rückgaben wie der Posener Goldschatz 1992 blieben symbolische Gesten ohne Gesamtlösung.
Neue Dynamik nach Regierungswechseln
Erst nach den Regierungswechseln in Polen 2023 und Deutschland 2025 kam wieder Bewegung in das Thema. Im Dezember 2025 wurden 73 mittelalterliche Urkunden des Deutschen Ordens an Polen zurückgegeben. Im Mai 2026 folgte anlässlich des 35. Jubiläums des Freundschaftsvertrages eine weitere Rückgabe. Eine auf Initiative von Bundeskanzler Friedrich Merz eingerichtete deutsch-polnische Arbeitsgruppe bearbeitet seitdem weitere Fälle.
Berlinka-Sammlung bleibt ungeklärt
Besonders heikel bleibt die Frage der Berlinka-Sammlung: rund 210.000 Dokumente der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek, darunter wertvolle Autographen und Musikhandschriften, lagern bis heute in der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek. Eine politische Einigung steht aus. Auf wissenschaftlicher Ebene wird die Sammlung inzwischen gemeinsam erschlossen; im Dezember 2025 wurde eigens ein Forschungszentrum an der Jagiellonen-Universität gegründet.
Dokumentation und Datenbanken
Auf polnischer Seite verzeichnet die öffentlich zugängliche nationale Verlustdatenbank rund 63.000 vermisste Objekte. In Deutschland betreibt das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste die Lost-Art-Datenbank mit knapp 190.000 detailliert erfassten Objekten sowie die Forschungsdatenbank Proveana. Eine vollständige Auflistung aller kriegsbedingt nach Polen verbrachten deutschen Kulturgüter existiert bislang nicht.
































































