- 150 bis 430 Millionen Menschen arbeiten weltweit als KI-Datenarbeiter
- Sachverständige berichten von Löhnen um 250 US-Dollar im Monat
- 28 Fragen zu Arbeitsschutz, Mindestlohn und psychischen Erkrankungen
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7119 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Am 15. April 2026 führte der Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung ein Fachgespräch zu den Arbeitsbedingungen von Data-Labelerinnen und Labelern durch. Sachverständige berichteten dabei übereinstimmend von niedrigen Löhnen, unbezahlten Arbeitszeiten, psychischen Belastungen und struktureller Intransparenz als Geschäftsmodell der Branche. Der Berliner TikTok-Standort entließ 2025 rund 150 Content-Moderatoren und lagerte deren Arbeit aus, was zum ersten Streik bei einer Social-Media-Plattform in Deutschland führte. Die Anfrage knüpft zudem an BT-Drs. 21/6077 an, die sich ebenfalls mit psychischen Belastungen in digitalen Berufsfeldern befasst.
- 150–430 Millionen — Weltbank-Schätzung der global in Datenarbeit tätigen Menschen (Studie 2023)
- ca. 250 US-Dollar/Monat — Monatsgehalt einer kenianischen Data-Labelerin laut Zeugenbericht im Ausschuss (April 2026)
- 150 Entlassungen — Beschäftigte bei TikTok Berlin, die 2025 im Zuge der KI-Auslagerung ihre Stellen verloren
- 28 Fragen — Umfang der Kleinen Anfrage BT-Drs. 21/7119 an die Bundesregierung
- 8 Jahre — Dauer der Tätigkeit von Joan Kinyua als Data-Labelerin, häufig ohne Vertrag und Krankenversicherung
Im Detail
„Wer unseren digitalen Raum schützt, darf dabei nicht psychisch zugrunde gehen.“
— Digitalexpertin Julia Kloiber (Superrr Lab), zitiert in BT-Drs. 21/7119
Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts — doch hinter jedem trainierten Modell steht unsichtbare menschliche Arbeit. Menschen kennzeichnen Bilder, validieren Texte, sichten Gewaltdarstellungen und bewerten KI-Ausgaben: die sogenannte KI-Datenarbeit. Die Weltbank schätzt die Zahl der weltweit in dieser Branche Tätigen auf 150 bis 430 Millionen Menschen. Die Drucksache 21/7119 vom 13. Juli 2026 zeigt, dass über deren Arbeitsbedingungen in Deutschland bislang kaum gesicherte Erkenntnisse vorliegen.
Die Fraktion Die Linke hat mit 28 konkreten Fragen an die Bundesregierung eine parlamentarische Bestandsaufnahme gefordert. Anlass ist ein Fachgespräch im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung vom 15. April 2026, in dem geladene Sachverständige übereinstimmend von prekären Verhältnissen in der Branche berichteten. Die Digitalexpertin Julia Kloiber (Superrr Lab) fasste das Problem in einem Satz zusammen:
„Wer unseren digitalen Raum schützt, darf dabei nicht psychisch zugrunde gehen.“
KI-Datenarbeit: Was gilt aktuell?
In Deutschland gibt es bislang keine einheitliche statistische Erfassung von Datenarbeiterinnen und -arbeitern. Die Klassifikation der Berufe (KldB 2010) enthält keine eigenständige Kategorie für Data-Labeling oder Content-Moderation. Arbeitsschutzrechtlich gilt das Arbeitsschutzgesetz formal für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte — ob und wie es auf Homeoffice-Tätige, Solo-Selbstständige und Crowdworkerinnen angewendet wird, ist laut Fragesteller unklar. Für die Plattformarbeit soll die EU-Plattformarbeitsrichtlinie Abhilfe schaffen, ihre Umsetzung in deutsches Recht ist jedoch noch offen.
Löhne, Trauma und Schweigepflicht
Die frühere Data-Labelerin Joan Kinyua, Vorsitzende der Data Labelers Association, schilderte im Ausschuss ihre achtjährige Tätigkeit: vielfach ohne Vertrag, ohne Krankenversicherung, mit einem Monatsverdienst von rund 30.000 kenianischen Schilling — umgerechnet etwa 250 US-Dollar. Zahlreiche Arbeitsstunden blieben unbezahlt. Sie musste vertrauliche Dokumente, Überwachungsaufnahmen und Gewaltdarstellungen sichten und entwickelte in der Folge Panikattacken und Angstzustände. Beschäftigte, die psychisch nicht mehr leistungsfähig sind, werden laut Drucksache „wie Austauschware“ ersetzt.
Besonders problematisch: Viele Beschäftigte müssen Verschwiegenheitsvereinbarungen (Non-Disclosure-Agreements, NDAs) unterzeichnen. Diese verhindern nicht nur, dass sie über ihre Arbeitsbedingungen sprechen — sie können auch ihren nächsten Job kaum nachweisen, weil sie die geleistete Arbeit nicht dokumentieren dürfen.
Der TikTok-Fall als Warnsignal
Wie akut das Thema auch in Deutschland ist, zeigte der Fall des Berliner TikTok-Standorts im Jahr 2025: Der Konzern entließ rund 150 Beschäftigte der Content-Moderations-Abteilung „Trust and Safety“ und lagerte deren Arbeit an eine zuvor von ihnen selbst trainierte KI sowie externe Dienstleister aus. Die Betroffenen reagierten mit dem ersten Streik bei einer Social-Media-Plattform in Deutschland — und verloren dennoch ihre Stellen. Dieser Fall illustriert die strukturelle Schieflage: Tech-Konzerne investieren massiv in KI, verlagern die dafür notwendige Vorarbeit aber an Drittunternehmen mit deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen. Ähnliche Entwicklungen sind auch aus der parlamentarischen Arbeit der Linken zu anderen digitalen Überwachungsthemen bekannt.
28 Fragen zur KI-Datenarbeit
Die Kleine Anfrage gliedert sich in mehrere Themenkomplexe. Zunächst fragt Die Linke nach der statistischen Erfassung: Wie viele Menschen sind in Deutschland als Data-Labeler tätig, aufgeschlüsselt nach Tätigkeitsart, Geschlecht, Branche, Alter und Region seit 2020? Welche Unternehmen und Plattformen sind bekannt? Wie verbreitet ist Crowdwork?
Ein zweiter Block widmet sich den Beschäftigungsverhältnissen und Löhnen: Welche Vertragsformen dominieren? Werden Mindestlohn und Tarifverträge eingehalten? Wie hoch ist der Anteil unbezahlter Arbeitszeiten durch Vorbereitungs-, Warte- oder Korrekturaufgaben?
Der dritte Schwerpunkt gilt dem psychischen Gesundheitsschutz: Werden Gefährdungsbeurteilungen nach § 5 Arbeitsschutzgesetz durchgeführt? Welche Studien zu Depressionen, Angststörungen und PTBS bei Content-Moderatoren liegen vor? Reicht der gesetzliche Mindesturlaub bei traumatisierenden Tätigkeiten aus? Hier nimmt die Anfrage ausdrücklich Bezug auf BT-Drs. 21/6077.
Schließlich fragt Die Linke nach Lieferketten und Unternehmensverantwortung: Erstreckt sich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz auch auf digitale Dienstleistungen? Sehen große Tech-Unternehmen eine Mitverantwortung für Arbeitsbedingungen in Auslagerungsketten? Und plant die Bundesregierung Maßnahmen, um die Branche zu regulieren — etwa eine Anerkennung von Datenarbeit als Ausbildungsberuf?
Thematisch relevant ist auch die Frage nach dem Umgang mit sensiblen Daten in der digitalen Wirtschaft — ein Feld, das zunehmend parlamentarische Aufmerksamkeit erhält. Über den Fortgang der parlamentarischen Debatte informiert regelmäßig der tagesaktuelle Überblick auf drucksachlich.de.
Weiterlesen:
- Rechtsextreme Musikszene: Linke fragt nach Erfassungslücken beim Verfassungsschutz
- Finanzkonten-Datenaustausch: Kryptowerte ab 2027 gemeldet
- Pflegebedürftigkeit darf nicht arm machen
Betroffen sind Hunderttausende Menschen in Deutschland und Millionen weltweit, die als Data-Labeler, Content-Moderatorinnen oder Crowdworker an KI-Systemen mitarbeiten — oft als Solo-Selbstständige ohne Sozialversicherung, Mindestlohnschutz oder betriebliche Interessenvertretung. Auch deutsche Unternehmen aus der Automobil-, Pharma- und Technologiebranche, die Datenarbeit an Drittfirmen auslagern, sind Teil des beschriebenen Systems.
Die Kleine Anfrage wurde am 13. Juli 2026 im Bundestag eingereicht (BT-Drs. 21/7119). Die gesetzliche Antwortfrist der Bundesregierung beträgt 21 Tage; die Antwort ist bis zum 3. August 2026 fällig. Nach Eingang der Antwort kann die Fraktion Die Linke weitere parlamentarische Schritte einleiten.
- Data Labeling
- Das manuelle Kennzeichnen von Daten (Bilder, Texte, Audiodateien), damit KI-Systeme daraus lernen können — zum Beispiel das Markieren von Fußgängern in Fotos für selbstfahrende Autos.
- Crowdwork
- Kurzzeitige Auftragsarbeit über digitale Plattformen, die viele einzelne Solo-Selbstständige ohne festes Arbeitsverhältnis für Kleinstaufgaben bezahlt.
- PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung)
- Psychische Erkrankung als Reaktion auf traumatisierende Erlebnisse — bei Content-Moderatoren häufig durch wiederholte Konfrontation mit Gewalt- und Missbrauchsdarstellungen ausgelöst.
Was ist Datenarbeit im KI-Kontext?
Datenarbeit umfasst das Generieren, Kennzeichnen (Labeln), Validieren und Korrigieren von Trainingsdaten sowie das Bewerten von KI-Ausgaben und die Content-Moderation — alles menschliche Tätigkeiten, die KI-Systeme erst ermöglichen.
Wie viele Menschen sind in Datenarbeit tätig?
Die Weltbank schätzt die Zahl der weltweit in Online- bzw. Datenarbeit Tätigen auf 150 bis 430 Millionen Menschen; ein erheblicher Teil davon arbeitet auch in Europa.
Welche Gesundheitsrisiken bestehen für Data-Labeler?
Sachverständige berichten von posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und Angststörungen, besonders bei Beschäftigten, die täglich Gewaltdarstellungen, Missbrauchsbilder oder Überwachungsaufnahmen sichten müssen.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7119 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































