- Lebensmittel seit 2020 um 36,3 % teurer – allgemeine Inflation nur 22 %
- Vier Handelsketten kontrollieren über 85 % des deutschen Lebensmittelmarkts
- Ombudsperson für faire Erzeugerpreise noch nicht eingerichtet – Prüfung läuft
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7134 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ab 2022 sind die Lebensmittelpreise in Deutschland erheblich gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts übertrafen die Nahrungsmittelpreise dabei die allgemeine Inflationsrate deutlich. Die Monopolkommission stellte in ihrem Sondergutachten 84 zur Lebensmittellieferkette (2025) eine Marktkonzentration von über 85 Prozent bei den vier größten Handelsketten fest. Die Fraktion Die Linke hatte mit der Kleinen Anfrage BT-Drs. 21/6508 umfangreiche Fragen zu Preisbildung, Erzeugerpreisen und möglichen Gegenmaßnahmen gestellt. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat beantwortete die Anfrage am 13. Juli 2026.
- 36,3 % — Preissteigerung bei Lebensmitteln und alkoholfreien Getränken von Januar 2020 bis Juni 2025 in Deutschland
- 22,0 % — allgemeine Inflation im selben Zeitraum (Januar 2020 bis Juni 2025)
- 17,5 % — Anstieg der Nominallöhne zwischen 2020 und 2024 – deutlich unter der Lebensmittelteuerung
- über 85 % — Marktkonzentration der vier größten Handelsketten im deutschen Lebensmitteleinzelhandel laut Monopolkommission
- rund 25 % — Fremdkapitalanteil in der deutschen Landwirtschaft – laut Bundesregierung im Vergleich zur allgemeinen Wirtschaft gering
Im Detail
Aus Sicht der Bundesregierung ist es entscheidend, die Verhandlungsposition der Erzeuger in der Wertschöpfungskette zu verbessern.
— BT-Drs. 21/7134, Antwort zu Frage 11 g/h
Lebensmittel sind in Deutschland von Januar 2020 bis Juni 2025 um 36,3 Prozent teurer geworden – mehr als anderthalb Mal so stark wie die allgemeine Inflation, die im gleichen Zeitraum 22,0 Prozent betrug. Gleichzeitig stiegen die Nominallöhne zwischen 2020 und 2024 lediglich um 17,5 Prozent. Das sind zentrale Zahlen aus der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke zur Bezahlbarkeit von Lebensmitteln (BT-Drs. 21/7134, beantwortet am 13. Juli 2026).
Lebensmittelpreise: Was gilt aktuell?
Die Lebensmittelpreise stiegen laut Bundesregierung über alle Produktgruppen hinweg, mit besonders starken Preissprüngen im Jahr 2022 infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Besonders stark verteuert haben sich Geflügelfleisch, Molkereiprodukte, Eier, Speisefette und Speiseöle sowie Zucker. Weniger stark gestiegen sind Obst, Fisch, Meeresfrüchte sowie Getränke und Fertiggerichte. Zuletzt stiegen die Lebensmittelpreise weniger stark als das gesamtwirtschaftliche Preisniveau, so die Bundesregierung. Die vollständige Aufschlüsselung nach Produktgruppen verweist die Antwort an eine öffentlich zugängliche Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts.
Marktmacht: Vier Konzerne kontrollieren über 85 % des Markts
Ein strukturelles Problem hinter den Lebensmittelpreisen ist die hohe Konzentration im Handel. Die Monopolkommission stellte in ihrem Sondergutachten 84 zur Lebensmittellieferkette (2025) fest, dass die vier größten Handelsgruppen – Aldi-Nord und Aldi-Süd, die Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland), Rewe und Edeka – zusammen eine Marktkonzentration von über 85 Prozent erreicht haben. Die Bundesregierung sieht trotzdem keinen unmittelbaren Handlungsbedarf: Sie ist der Auffassung, dass Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel weiterhin stattfindet, und plant keine zusätzlichen Maßnahmen gegen die Marktkonzentration. Die Einrichtung einer Preisbeobachtungsstelle – wie von Verbraucherverbänden gefordert – lehnt die Bundesregierung ebenfalls ab.
Auch eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel ist nicht geplant. Die Bundesregierung verweist darauf, dass bereits grundsätzlich alle Nahrungsmittel dem ermäßigten Umsatzsteuersatz unterliegen. Den Begriff „Grundnahrungsmittel“ gibt es gesetzlich nicht.
Landwirte: Erzeugerpreise unter Produktionskosten
Auf der anderen Seite der Lieferkette stehen Landwirtinnen und Landwirte, die trotz gestiegener Verbraucherpreise nicht profitieren. Die Bundesregierung räumt ein, dass es temporär zu Einkaufspreisen unterhalb der Produktionskosten kommen kann. Sie sieht es als entscheidend an, die Verhandlungsposition der Erzeuger in der Wertschöpfungskette zu verbessern. Zwischen Betrieb und Supermarkt stehen dabei oft komplexe Liefer- und Verarbeitungsketten, sodass in den meisten Fällen keine direkte Vertragsbeziehung besteht.
Ein Verbot des Einkaufs unterhalb der Produktionskosten – wie es Spanien kennt – bewertet die Bundesregierung kritisch: Eine Studie des Thünen-Instituts habe keinen nachweisbaren Nutzen für ein solches Verbot feststellen können.
Ombudsperson für faire Erzeugerpreise noch nicht eingerichtet
Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD ist eine unabhängige Ombudsperson zur Bekämpfung unfairer Handelspraktiken entlang der Agrar- und Lebensmittelwertschöpfungskette angekündigt. Der Haushaltsausschuss fasste im November 2025 einen entsprechenden Maßgabebeschluss, der das Bundeslandwirtschaftsministerium auffordert, die Stelle bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) einzurichten. Laut Antwort vom 13. Juli 2026 ist die Prüfung der Umsetzung noch nicht abgeschlossen. Konkrete Auskunfts- und Prüfungsrechte der Ombudsperson sind ebenfalls noch ungeklärt.
Auf Fragen zur Eigentümer- und Beteiligungsstruktur der Schwarz Gruppe sowie zu Gewinnmargen der vier großen Handelsketten teilt die Bundesregierung mit, dass ihr hierzu keine Erkenntnisse vorliegen. Mehrere Fragen zu Maßnahmen gegen Lebensmittelpreisanstiege beantwortet die Bundesregierung mit einem Verweis auf die frühere Antwort zu BT-Drs. 21/6768 vom 26. Juni 2026.
Lebensmittel sind seit 2020 um über ein Drittel teurer geworden – die Löhne aber nur halb so stark gestiegen. Trotz einer Marktkonzentration von 85 % beim Handel plant die Bundesregierung keine neuen Gegenmaßnahmen.
Thematisch verwandt ist auch die Frage nach steigenden Kosten und sozialer Absicherung, die ebenfalls Menschen mit geringen Einkommen besonders trifft. Wer mehr zum Thema Verbraucherpreise und Kaufkraft erfahren möchte, findet in der Diskussion um Altersarmut und Grundsicherung weitere parlamentarische Perspektiven. Auch das Thema Steuergerechtigkeit berührt die Frage, wer von wirtschaftlichen Entwicklungen profitiert und wer nicht.
Weiterlesen:
- Pflegebedürftigkeit darf nicht arm machen
- Altersarmut im Bundestag: Frauen und Rentner im Fokus
- Mehr Konsequenz im Kampf gegen Steuerbetrug
Von den gestiegenen Lebensmittelpreisen sind vor allem Menschen mit geringen Einkommen betroffen, da sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Landwirtinnen und Landwirte sind auf der anderen Seite der Lieferkette betroffen: Ihre Erzeugerpreise lagen teils unter den Produktionskosten, während die Verbraucherpreise stiegen. Auch kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe, die gegenüber den marktmächtigen Handelsketten eine schwache Verhandlungsposition haben, sind strukturell betroffen.
Bei mehreren Fragen verweist die Bundesregierung auf andere Drucksachen (insbesondere BT-Drs. 21/6768) statt eigenständige Antworten zu geben. Zu konkreten Gewinnmargen der vier großen Handelsketten und zur Eigentümerstruktur der Schwarz Gruppe liegen nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse vor.
Die Linke: Pflegebedürftigkeit darf nicht arm machen →
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Lebensmittelpreise: +35% seit 2020 — Anfrage zu Marktmacht →
- Shrinkflation
- Verfahren, bei dem Hersteller die Füllmenge eines Produkts reduzieren, ohne den Preis zu senken – de facto eine versteckte Preiserhöhung.
- AgrarOLkG
- Agrarorganisationen-und-Lieferketten-Gesetz: Deutsches Gesetz, das unlautere Handelspraktiken in der Agrar- und Lebensmittelversorgungskette verbietet und die EU-Richtlinie 2019/633 umsetzt.
- Ombudsperson Lebensmittelmarkt
- Im Koalitionsvertrag 2025 angekündigte unabhängige Stelle bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die unfaire Praktiken in der Lebensmittelkette untersuchen soll.
Um wie viel Prozent sind Lebensmittel seit 2020 teurer geworden?
Laut Bundesregierung sind Lebensmittel und alkoholfreie Getränke von Januar 2020 bis Juni 2025 in Deutschland um 36,3 Prozent teurer geworden. Die allgemeine Inflation betrug im selben Zeitraum 22,0 Prozent.
Welche Lebensmittel sind besonders stark gestiegen?
Besonders stark verteuert haben sich Geflügelfleisch, Molkereiprodukte, Eier, Speisefette und Speiseöle sowie Zucker. Weniger stark gestiegen sind Obst, Fisch, Meeresfrüchte, Getränke und Fertiggerichte.
Plant die Bundesregierung eine Preisbeobachtungsstelle?
Nein. Die Bundesregierung plant nicht die Einrichtung einer objektiven Preis- und Kostenbeobachtungsstelle in Deutschland.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7134 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































