- Hyphen-Projekt soll 350.000 Tonnen Wasserstoff jährlich in Namibia produzieren
- Projekt liegt auf angestammtem Gebiet der indigenen Nama nahe historischem Konzentrationslagertort
- Bundesregierung übergab ENERTRAG SE im März 2024 Letter of Interest zur Projektunterstützung
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6555 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Im November 2021 wählte die namibische Regierung Hyphen Hydrogen Energy als bevorzugten Bieter für ein großskaliges Wasserstoffprojekt im Tsau//Khaeb National Park aus. Im Mai 2023 unterzeichneten Namibia und das Unternehmen das maßgebliche Umsetzungsabkommen. Die Bundesregierung baute ihre Zusammenarbeit mit Namibia im Bereich Wasserstoff und Power-to-X seit 2022 deutlich aus und übergab ENERTRAG SE im März 2024 einen qualifizierten Letter of Interest. Das Gebiet des geplanten Projekts war während der deutschen Kolonialherrschaft Schauplatz massiver Verbrechen gegen die indigenen Nama, darunter Deportationen und ein Konzentrationslager auf der nahe gelegenen Shark Island. Eine frühere Kleine Anfrage der Linken (BT-Drs. 20/13918) hatte bereits Fragen zur Rolle deutscher Einrichtungen aufgeworfen.
- 350.000 Tonnen — Jährlich geplante Wasserstoffproduktion des Hyphen-Projekts im Tsau//Khaeb National Park, Namibia.
- 2 Millionen Tonnen — Geplante jährliche Ammoniakproduktion aus dem produzierten Wasserstoff für den Export nach Europa.
- März 2024 — Übergabe des qualifizierten Letters of Interest des Bundeswirtschaftsministeriums an ENERTRAG SE für das Hyphen-Projekt.
- 68 Fragen — Umfang der Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke an die Bundesregierung.
- 1904 bis 1908 — Zeitraum des deutschen Kolonialgenozids an Nama und Ovaherero in Namibia, zu dessen Tatorten das Projektumfeld gehört.
Im Detail
Das Hyphen Projekt ist auf angestammtem Gebiet der !Aman-Nama im heutigen Tsau//Khaeb National Park, der weltweit einzige international anerkannte Biodiversitäts-Hotspot in einem ariden Gebiet, geplant.
— Vorbemerkung BT-Drs. 21/6555
Im Tsau//Khaeb National Park nahe Lüderitz in Namibia soll ein der größten grünen Wasserstoffprojekte Afrikas entstehen: Jährlich bis zu 350.000 Tonnen Wasserstoff, umgewandelt in rund zwei Millionen Tonnen Ammoniak, sollen dort produziert und nach Europa exportiert werden. Hinter dem Projekt steht das Unternehmen Hyphen Hydrogen Energy, dessen kontrollierender Anteilseigner nach eigenen Angaben ENERTRAG SE mit Sitz in Deutschland ist. Das Bundeswirtschaftsministerium übergab ENERTRAG im März 2024 einen qualifizierten Letter of Interest — ein offizielles Unterstützungsschreiben. Die Fraktion Die Linke stellt mit der Kleinen Anfrage BT-Drs. 21/6555 vom 18. Juni 2026 insgesamt 68 Fragen an die Bundesregierung, um Transparenz über Bundesgelder, menschenrechtliche Prüfpflichten und die Rolle der deutschen Kolonialgeschichte herzustellen.
Hyphen-Projekt: Grüner Wasserstoff auf historisch belastetem Gebiet
Das geplante Hyphen-Wasserstoffprojekt liegt auf angestammtem Gebiet der indigenen Nama, speziell der !Aman-Nama. Während der deutschen Kolonialherrschaft erklärte das Deutsche Kaiserreich das Gebiet zum Sperrgebiet für die privatwirtschaftliche Diamantenförderung und vertrieb die Nama gewaltsam. Besondere historische Bedeutung hat die nahe gelegene Shark Island bei Lüderitz, wo im frühen 20. Jahrhundert das erste deutsche Konzentrationslager betrieben wurde. Dort begingen deutsche Kolonialtruppen im Rahmen des Kolonialgenozids an Nama und Ovaherero (1904–1908) schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Shark Island ist für beide Volksgruppen bis heute zentraler Gedenk- und Erinnerungsort. In Namibia und Deutschland haben sich zuletzt im April 2026 Proteste gegen das Hyphen-Projekt und ENERTRAG formiert.
Indigene Rechte: Was die Nama einfordern
Die Nama machen geltend, dass ihre Rechte auf Selbstbestimmung, kulturelle Teilhabe und — zentral im Völkerrecht — auf freie, vorherige und informierte Zustimmung (Free, Prior and Informed Consent, FPIC) bei der Projektplanung nicht hinreichend beachtet werden. Sie haben diesen Vorwurf unter anderem beim Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte eingereicht. Die Linke fragt die Bundesregierung in diesem Zusammenhang konkret, ob FPIC vor der Unterstützung des Projekts geprüft wurde, ob die Bundesregierung die Nama Traditional Leaders Association oder andere Nama-Vertretungen konsultiert hat, und ob die freie Zustimmung der Nama zur Bedingung für eine Bundesunterstützung gemacht wurde.
Deutsche Fördermittel und staatliche Beteiligung
Die Anfrage fragt außerdem nach dem gesamten Umfang deutscher Bundesmittel für Vorhaben in Namibia seit Januar 2020 — aufgeschlüsselt nach Projektname, Haushaltstitel, Ministerium und Durchführungsorganisation. Konkret im Fokus stehen mehrere GIZ- und KfW-Vorhaben, die nach Einschätzung der Fragesteller räumlich und inhaltlich das Hyphen-Projekt flankieren könnten: das „GH2 Namibia Programme“, die „German-Namibian Hydrogen Cooperation“ und das Stadtentwicklungsprogramm „Integrated Urban Development in Lüderitz and Aus“. Die Anfrage fragt, nach welchen Kriterien die Bundesregierung entwicklungspolitische Zusammenarbeit von wirtschaftlicher Projektunterstützung abgrenzt.
Menschenrechtliche Sorgfaltspflichten im Mittelpunkt
Einen breiten Fragenkomplex widmet Die Linke den Sorgfaltspflichten der Bundesregierung: Wie wurde vor der Übergabe des Letters of Interest die Vereinbarkeit mit dem ILO-Übereinkommen Nr. 169, dem UN-Sozialpakt und dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) geprüft? Welche internen Abstimmungsmechanismen griffen? Hat die Bundesregierung die Sorgfaltsmaßnahmen von ENERTRAG SE bezüglich indigener Konsultation überprüft? Und welche Umweltrisiken — darunter Auswirkungen auf das Benguela-Ökosystem, Meeresschutzgebiete und die Frischwasserversorgung durch geplante Entsalzungsanlagen — hat die Bundesregierung identifiziert und bewertet?
Darüber hinaus erkundigt sich die Anfrage nach der geopolitischen Dimension: Welche Kenntnis hat die Bundesregierung über die Beteiligung chinesischer Unternehmen am Hyphen-Projekt und anderen namibischen Wasserstoffprojekten, und wie bewertet sie diese politisch?
Eine frühere Kleine Anfrage der Linken (BT-Drs. 20/13918) zur deutsch-namibischen Energie- und Wasserstoffkooperation hatte bereits ähnliche Fragen aufgeworfen, ohne dass die Fragesteller nach eigener Einschätzung vollständige Antworten erhalten hätten. Hintergrund der neuen Anfrage sind auch aktuelle Berichte über Proteste vor Ort sowie die bis heute ungeklärte Frage der Wiedergutmachung für den deutschen Kolonialgenozid in Namibia. Die Verflechtung von Energieinteressen und kolonialer Verantwortung macht das Hyphen-Wasserstoffprojekt zu einem politisch vielschichtigen Vorgang. Auf drucksachlich.de finden Sie weitere aktuelle Vorgänge aus dem Bundestag der KW 26/2026. Auch die Frage der Herstellerverantwortung bei Umweltprojekten wird im Bundestag parallel diskutiert.
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Unmittelbar betroffen sind die indigenen Nama in Namibia, insbesondere die !Aman-Nama im Bereich des Tsau//Khaeb National Park nahe Lüderitz. Darüber hinaus berührt die Anfrage alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler in Deutschland, deren Gelder möglicherweise in Projekte im Umfeld von Hyphen geflossen sind, sowie die breite Öffentlichkeit angesichts der historischen deutschen Verantwortung für Kolonialverbrechen in Namibia.
Die Kleine Anfrage wurde am 18. Juni 2026 beim Deutschen Bundestag eingereicht. Die Bundesregierung hat nun 21 Tage Zeit, die 68 Fragen schriftlich zu beantworten. Die Antwortfrist läuft bis zum 9. Juli 2026.
- Letter of Interest (qualifiziert)
- Ein offizielles Unterstützungsschreiben einer Behörde oder eines Ministeriums, das einem Unternehmen das politische Interesse an einem Projekt signalisiert und als Referenz bei Finanzierungsverhandlungen dient.
- Free, Prior and Informed Consent (FPIC)
- Das völkerrechtlich anerkannte Recht indigener Völker, Projekten auf ihrem Land frei, vorab und auf Basis vollständiger Information zuzustimmen oder diese abzulehnen — verankert im ILO-Übereinkommen Nr. 169.
- Power-to-X (PtX)
- Technologiefamilie, bei der überschüssiger Strom aus erneuerbaren Energien in andere Energieträger oder chemische Produkte umgewandelt wird, etwa in grünen Wasserstoff oder Ammoniak.
Was ist das Hyphen-Projekt?
Das Hyphen-Projekt ist ein großskaliges Vorhaben zur Produktion von grünem Wasserstoff im Tsau//Khaeb National Park in Namibia nahe Lüderitz. Es soll jährlich bis zu 350.000 Tonnen Wasserstoff produzieren, der als Ammoniak nach Europa exportiert werden soll.
Welche Rolle spielt ein deutsches Unternehmen?
ENERTRAG SE mit Sitz in Deutschland ist nach eigenen Angaben der kontrollierende Anteilseigner von Hyphen Hydrogen Energy. Das Bundeswirtschaftsministerium übergab ENERTRAG im März 2024 einen qualifizierten Letter of Interest zur Unterstützung des Projekts.
Warum beziehen sich die Fragen auf die Kolonialgeschichte?
Das Projektgebiet liegt auf historisch belastetem Boden: Während der deutschen Kolonialherrschaft wurden dort Nama gewaltsam vertrieben. Nahe Lüderitz auf Shark Island betrieb das Deutsche Kaiserreich im frühen 20. Jahrhundert ein Konzentrationslager, in dem schwere Verbrechen an den Nama begangen wurden.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6555 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































