- Russlands Öl-Einnahmen 2025: rund 199 Mrd. US-Dollar trotz Sanktionen
- Ein Öltanker-Unfall in der Ostsee könnte über 1 Mrd. US-Dollar kosten
- Bundesregierung hält bestehende Eingriffsbefugnisse für ausreichend
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6574 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Russland nutzt seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine eine wachsende Flotte meist veralteter Tanker, um westliche Sanktionen beim Ölexport zu umgehen. Laut den Fragestellern stammten 2025 rund 23 Prozent der russischen Staatseinnahmen aus Öl- und Gasexporten – das entspricht etwa 199 Milliarden US-Dollar. Das Durchschnittsalter der eingesetzten Tanker ist laut der Grünen-Fraktion von 8,9 Jahren (2021) auf 16,6 Jahre (2024) gestiegen. Rund zwei Drittel der Schiffe sollen nicht über etablierte Versicherer abgesichert sein. Die Anfrage BT-Drs. 21/5959 knüpft an eine frühere Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/3970) an und vertieft die Fragen nach Kontrollbefugnissen, Umweltrisiken und der deutschen Haltung gegenüber aktiver vorgehenden EU-Partnern.
- 199 Mrd. US-Dollar — Russlands Öl- und Gaseinnahmen 2025, laut Fragestellern rund 23 % der Staatseinnahmen
- 41 % — Anteil der russischen Verteidigungsausgaben an den Gesamtstaatsausgaben 2025
- 16,6 Jahre — Durchschnittsalter der Schattenflotten-Tanker 2024 (2021: 8,9 Jahre)
- mindestens 50 — Zwischenfälle mit Schattenflotten-Tankern seit 2022 weltweit laut Allianz Safety and Shipping Review 2024
- 8.595,50 US-Dollar — geschätzte Kosten der Ölbeseitigung pro Tonne bei einem Unfall in europäischen Gewässern laut CREA
Im Detail
Der Stab CTF-B in Rostock spielt eine entscheidende Rolle für die Sicherheit in der Ostsee. Die Reaktionszeit bei verdächtigen Ereignissen konnte erheblich verkürzt werden.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/6574, S. 11
Veraltete, schlecht versicherte Öltanker durchqueren die Ostsee und finanzieren dabei Russlands Kriegskasse – das ist der Kern der politischen Debatte, die BT-Drucksache 21/6574 dokumentiert. Die Bundesregierung hat am 18. Juni 2026 auf insgesamt 38 Fragen der Grünen-Fraktion (BT-Drs. 21/5959) zur russischen Schattenflotte geantwortet. Das zuständige Bundesministerium für Verkehr übermittelte die Antworten.
Was ist die Schattenflotte und warum ist sie politisch relevant?
Unter dem Begriff Schattenflotte versteht man Tanker, die unter wechselnden Flaggen, mit verschleierten Eigentümerstrukturen und ohne ausreichenden Versicherungsschutz operieren, um westliche Sanktionen gegen russischen Öl zu umgehen. Laut den Fragestellern machten Öl- und Gaseinnahmen 2025 rund 23 Prozent der russischen Staatseinnahmen aus – das entspricht etwa 199 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig flossen rund 41 Prozent der russischen Staatsausgaben in Verteidigung und nationale Sicherheit. Die Schattenflotte ist damit eine direkte Finanzierungsquelle für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Das Durchschnittsalter der eingesetzten Tanker ist nach Angaben der Fragesteller von 8,9 Jahren (2021) auf 16,6 Jahre (2024) gestiegen. Rund zwei Drittel dieser Schiffe sollen nicht über etablierte Versicherer abgesichert sein. Seit 2022 waren sie laut dem Allianz Safety and Shipping Review 2024 weltweit in mindestens 50 Zwischenfällen verwickelt – darunter Brände, Maschinenausfälle, Kollisionen und Ölverschmutzungen.
Russische Schattenflotte: Keine Gesamtstatistik möglich
Auf die Frage, wie viele Schattenflotten-Tanker seit Dezember 2022 deutsche Hoheitsgewässer oder die ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) passiert haben, liefert die Bundesregierung keine Zahl. Sie begründet das damit, dass die Kriterien der Resolution A.1192 (33) der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) sowie andere Definitionen keine lückenlose statistische Erfassung ermöglichten. Die Zuordnung eines Schiffes zur Schattenflotte setze schiffsbezogene Einzelfallermittlungen voraus – etwa zu Flaggenführung, Versicherungsschutz und Eigentümerstruktur. Eine Gesamtstatistik im Sinne der Anfrage gibt es laut Bundesregierung daher nicht.
Gleichwohl beteiligt sich Deutschland an der Erstellung von EU-Sanktionslisten, auf denen konkrete Tanker benannt werden. Diese Listung beruht auf spezifischen Erkenntnissen zu einzelnen Fahrzeugen – nicht auf einer statistischen Gesamterfassung.
Ölunfall-Szenario: Kosten bis über eine Milliarde US-Dollar
Ein schwerer Tankerunfall in der Ostsee könnte enorme Folgen haben. Das Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) schätzt die Beseitigungskosten pro Tonne ausgelaufenen Öls auf rund 8.595 US-Dollar. Bei einem Tanker der Klasse Aframax (ca. 100.000 Tonnen Ladung) könnten demnach allein Reinigungskosten von rund 859 Millionen US-Dollar entstehen, bei einem Suezmax-Tanker (ca. 130.000 Tonnen) sogar über 1,1 Milliarden US-Dollar. Die Bundesregierung weist darauf hin, dass die tatsächlichen Kosten je nach Ort der Beseitigung erheblich variieren und konstruktionsbedingt meist nicht die gesamte Ladung austritt.
Die Ostsee als nahezu abgeschlossenes Binnenmeer mit geringem Wasseraustausch gilt dabei als besonders gefährdet. Sie trägt den Status einer sogenannten „Particularly Sensitive Sea Area“ (PSSA) der IMO. Die Bundesregierung erklärt, bekannte Verstöße gegen die besonderen PSSA-Regelungen nach geltendem Recht zu verfolgen.
Eingriffsbefugnisse: Bundesregierung sieht keinen Handlungsbedarf
Frankreich, Belgien und das Vereinigte Königreich sind bereits aktiv gegen Schattenflotten-Tanker vorgegangen – durch Festsetzungen und Enteraktionen. Die Bundesregierung erklärt, diese Staaten stützten ihre Maßnahmen fallspezifisch auf internationale Übereinkommen. Sie selbst prüfe fortlaufend, ob das nationale Vorgehen anzupassen ist. Die bestehenden Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten auf Grundlage des Seeaufgabengesetzes, der Schiffssicherheitsverordnung, des Ölschadensgesetzes und des Bundespolizeigesetzes hält sie für ausreichend.
Ein konkretes Beispiel liefert der Fall des Tankers TAVIAN: Die Bundespolizei verweigerte dem Schiff am 11. Januar 2026 die Durchfahrt durch das deutsche Küstenmeer. Das Schiff drehte daraufhin ab und wählte eine längere Route Richtung Norden. Anders als Belgien, das einen Tanker in einem ähnlichen Fall festsetzte und in einen Hafen brachte, blieb eine Beschlagnahme in Deutschland aus. Die Bundesregierung wertet das Einfahrtsverbot als wirksame Maßnahme.
NATO-Mission Baltic Sentry: Reaktionszeiten verkürzt
Zur sicherheitspolitischen Dimension erklärt die Bundesregierung, der nationale Führungsstab „Commander Task Force Baltic“ (CTF Baltic) in Rostock spiele eine entscheidende Rolle für die Sicherheit in der Ostsee. Die militärische Präsenz im Rahmen der NATO-Mission Baltic Sentry sei ein wesentlicher Bestandteil des Abschreckungsdispositivs. Die Reaktionszeit bei verdächtigen Ereignissen konnte laut Bundesregierung erheblich verkürzt werden. Zur möglichen Präsenz der Wagner-Gruppe oder anderer militärnaher Akteure auf Schattenflotten-Tankern verweist die Regierung pauschal auf ihre Antwort zur früheren Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/3970).
Die vollständige Antwort der Bundesregierung ist in BT-Drucksache 21/6574 dokumentiert. Hintergrundinformationen zu vergleichbaren parlamentarischen Beauftragten-Themen finden sich auch im Beitrag Antisemitismusbeauftragter: Bilanz nach einem Jahr im Amt.
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Betroffen sind die Küstenregionen der Ostsee-Anrainerstaaten, darunter die deutschen Bundesländer Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Ein schwerer Tankerunfall könnte das empfindliche Ökosystem der Ostsee als nahezu abgeschlossenem Binnenmeer langfristig schädigen und erhebliche wirtschaftliche Folgen für Fischerei und Tourismus haben. Mittelbar betroffen sind auch alle EU-Mitgliedstaaten, die russische Sanktionsumgehung durch Ölexporte finanziert Russlands Verteidigungsausgaben mit.
Die Bundesregierung verweist bei mehreren Fragenkomplexen (u. a. Fragen 10–10b, 31–33) pauschal auf ihre frühere Antwort zu BT-Drs. 21/3970, ohne neue Erkenntnisse zu liefern. Konkrete Zahlen zur Anzahl der Schattenflotten-Tanker in deutschen Gewässern nennt sie nicht, da sie eine lückenlose statistische Erfassung für nicht möglich hält.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. (Stand: 18.06.2026)
- Schattenflotte
- Bezeichnung für Tanker, die unter wechselnden Flaggen und mit verschleierten Eigentümerstrukturen russisches Öl transportieren, um westliche Sanktionen zu umgehen.
- MARPOL
- Internationales Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (International Convention for the Prevention of Marine Pollution from Ships).
- PSSA (Particularly Sensitive Sea Area)
- Von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) ausgewiesenes besonders schützenswertes Meeresgebiet mit strengeren Vorschriften – die Ostsee hat diesen Status.
Wie viele Schattenflotten-Tanker passieren deutsche Gewässer?
Die Bundesregierung kann keine konkreten Zahlen nennen, da eine lückenlose statistische Erfassung laut IMO-Kriterien nicht möglich ist. Schiffe werden nur einzelfallbezogen bewertet.
Was passierte mit dem Tanker TAVIAN?
Die Bundespolizei verweigerte dem Frachtschiff TAVIAN am 11. Januar 2026 die Durchfahrt durch das deutsche Küstenmeer. Das Schiff drehte ab und wählte eine längere Route nach Norden.
Ist Deutschland gegen einen Öl-Unfall in der Ostsee gerüstet?
Laut Bundesregierung koordiniert das Havariekommando die Zusammenarbeit von Bund und Ländern. Im Rahmen der Helsinki-Konvention bestehen zudem Absprachen zur gegenseitigen Hilfeleistung der Ostseeanrainerstaaten.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6574 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.































































