- 545.000 Mittelstandsbetriebe suchen bis 2030 einen Nachfolger
- Nachfolgebörse nexxt-change vermittelt seit 2010 mehr als ein Drittel weniger Fälle
- 48 Prozent der Unternehmer finden laut DIHK keinen passenden Nachfolger
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7147 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Deutschland verzeichnet seit Jahren eine wachsende Lücke zwischen Unternehmern, die ihren Betrieb übergeben möchten, und geeigneten Nachfolgern. Der DIHK-Nachfolgereport 2024 beziffert den Anteil der Unternehmer ohne passende Nachfolge auf 48 Prozent, während 36 Prozent der Übernahmeinteressierten an Finanzierungsproblemen scheitern. Im europäischen Vergleich sind belegschaftsgetragene Modelle in anderen Ländern deutlich weiter verbreitet: Im Vereinigten Königreich entfallen seit Einführung steuerlicher Begünstigungen für Employee Ownership Trusts (2014) bereits 20 Prozent aller Unternehmensverkäufe auf diese Struktur. In den USA existieren mehr als 6.500 ESOPs mit über 15 Millionen Beschäftigten.
- 545.000 Betriebe — Zahl der mittelständischen Unternehmen, die laut KfW bis Ende dieses Jahrzehnts eine Nachfolge anstreben (von insgesamt 3,87 Mio.).
- 48 % — Anteil der übergabewilligen Unternehmer, die laut DIHK-Nachfolgereport 2024 keinen passenden Nachfolger finden.
- 829 Vermittlungen (2022) — Rückgang der erfolgreich angestoßenen Nachfolgen über nexxt-change von 1.268 im Jahr 2010, ein Minus von mehr als einem Drittel.
- 36 % — Anteil der Übernahmeinteressierten, die laut DIHK an Finanzierungsproblemen scheitern.
- 15 Mio. Beschäftigte — Zahl der in US-amerikanischen ESOPs beschäftigten Arbeitnehmer in mehr als 6.500 Betrieben.
Im Detail
Deutschland fehlt ein kohärenter Rechts- und Förderrahmen für solche Modelle.
— Vorbemerkung der Fragesteller, BT-Drs. 21/7147
Rund 545.000 mittelständische Unternehmen streben laut KfW bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine Nachfolge an — bei insgesamt 3,87 Millionen Betrieben in Deutschland. Gleichzeitig findet fast jeder zweite übergabewillige Unternehmer keinen passenden Nachfolger. Die Fraktion Die Linke hat am 15. Juli 2026 mit der Drucksache 21/7147 eine Kleine Anfrage mit 40 Einzelfragen an die Bundesregierung gerichtet, die das Ausmaß dieser Nachfolgekrise und mögliche strukturelle Alternativen beleuchtet.
Unternehmensnachfolge: Zahlen zeigen wachsende Lücke
Der DIHK-Nachfolgereport 2024 dokumentiert, dass 48 Prozent der abgebenden Unternehmer keinen geeigneten Nachfolger finden. Auf der anderen Seite scheitern 36 Prozent der Übernahmeinteressierten an Finanzierungsproblemen. Das staatliche Gegensteuern greift bislang kaum: Die bundesweite Nachfolgebörse nexxt-change, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und der KfW-Bankengruppe betrieben wird, hat ihre Vermittlungsleistung von 1.268 erfolgreich angestoßenen Nachfolgen im Jahr 2010 auf 829 im Jahr 2022 abgebaut — ein Rückgang um mehr als ein Drittel. Die letzte externe Evaluation dieses Instruments fand 2013 durch Ramboll Management Consulting statt. Die Anfrage fragt daher explizit, ob und bis wann die Bundesregierung eine erneute Wirksamkeitsprüfung plant.
Genossenschaftliche Belegschaftsübernahmen als Alternative
Ein Schwerpunkt der Anfrage liegt auf genossenschaftlichen und belegschaftsgetragenen Eigentumsmodellen. Solche Modelle — bekannt als GenoESOP oder EuroESOP — ermöglichen es Beschäftigten, ihren Betrieb gemeinsam als Genossenschaft zu übernehmen. In den USA existieren mehr als 6.500 solcher Employee Stock Ownership Plans (ESOPs) mit über 15 Millionen Beschäftigten, was rund 10 Prozent des privaten Arbeitsmarkts entspricht. Im Vereinigten Königreich machen seit Einführung steuerlicher Begünstigungen für Employee Ownership Trusts im Jahr 2014 mittlerweile 20 Prozent aller Unternehmensverkäufe im Privatsektor solche Strukturen aus. Deutschland hat bisher keinen vergleichbaren Rechtsrahmen geschaffen. Die Anfrage erkundigt sich nach den Gründen und nach konkreten Planungen der Bundesregierung — etwa im Rahmen der angekündigten Novelle des Genossenschaftsgesetzes (GenG).
Was gilt aktuell?
In Deutschland fehlt nach Einschätzung der Fragesteller ein kohärenter Rechts- und Förderrahmen für genossenschaftliche Belegschaftsübernahmen. Zwar fördern mehrere Bundesländer das Genossenschaftswesen sogar per Verfassungsauftrag — etwa Bayern (Art. 153), Hessen (Art. 44), Nordrhein-Westfalen (Art. 28) und das Saarland (Art. 54) — doch auf Bundesebene fehlen spezifische Programme und steuerliche Erleichterungen. Bestehende Förderprogramme der KfW und Bürgschaftsbanken sind laut Anfrage nicht ausdrücklich auf Genossenschaften als Zielgesellschaften ausgerichtet.
Private Equity und Kapitalabfluss ins Ausland
Mehrere Fragen der Drucksache thematisieren die volkswirtschaftlichen Folgen, wenn Mittelstandsbetriebe mangels Nachfolge an Private-Equity-Gesellschaften oder ausländische Investoren verkauft werden. Die Anfrage fragt nach Daten zu Umstrukturierungen, Verlagerungen und Betriebsschließungen nach solchen Übernahmen sowie nach Kapitalabflüssen über Holdingstrukturen in Form von Gewinnausschüttungen, Managementgebühren und Lizenzgebühren. Auch steuerliche Erosionseffekte auf das deutsche Steueraufkommen sind Gegenstand der Anfrage.
Daneben wird die Bundesregierung nach dem Stand der GenG-Novelle befragt: Wann ist mit einem Referentenentwurf zu rechnen? Plant die Regierung, den Typus der Mitarbeiterbeteiligungsgenossenschaft gesetzlich zu definieren und Sicherungseinrichtungen für Übernahmekredite zu schaffen? Auch steuerliche Hemmnisse bei genossenschaftlichen Belegschaftsübernahmen — etwa Doppelbesteuerungsprobleme oder ungeklärte Fragen im Erbschaft- und Schenkungsteuerrecht — werden konkret angesprochen. Ähnliche Fragen stellen sich im Zusammenhang mit dem GmgV-Entwurf für gebundenes Vermögen, der ebenfalls auf neue Eigentumsformen abzielt.
Handwerk und strukturschwache Regionen besonders betroffen
Ein weiterer Block der 40 Fragen widmet sich der Situation im Handwerk. Handwerksbetriebe weisen häufig eine geringe Eigenkapitalquote auf und sind stark von persönlichen Sicherheiten der Inhaber abhängig, was Nachfolgefinanzierungen erschwert. Die Anfrage fragt nach regionalisierten Daten, nach der Entwicklung von Bewilligungsquoten bei KfW-Finanzierungen und Bürgschaftsbanken sowie nach Förderprogrammen zur Digitalisierung im Nachfolgeprozess. Besonderes Augenmerk gilt strukturschwachen Regionen, in denen Betriebsschließungen nach fehlgeschlagenen Nachfolgen unmittelbare Auswirkungen auf lokale Daseinsvorsorge haben. Laut ifo-Wettbewerbsbericht Ostdeutschland 2026 reichen Neugründungen in vielen Regionen nicht aus, um Schließungen zu kompensieren.
Die Antwortfrist der Bundesregierung endet voraussichtlich am 5. August 2026. Thematisch verwandt sind auch Debatten über die Stärkung regionaler Strukturen, etwa im Bereich nationaler Gesamtstrategien für strukturpolitische Herausforderungen.
Weiterlesen:
- GmgV: Neue Rechtsform für gebundenes Vermögen und Unternehmensnachfolge
- Elterngeld-Reform: Grüne fordern 18 Monate und höhere Beträge
Betroffen sind vor allem Inhaber kleiner und mittelständischer Unternehmen sowie deren Beschäftigte, insbesondere im Handwerk, Einzelhandel und verarbeitenden Gewerbe. In strukturschwachen Regionen und im ländlichen Raum kann der Wegfall eines Betriebs nach fehlgeschlagener Nachfolge weitreichende Folgen für lokale Versorgung, Beschäftigung und Daseinsvorsorge haben.
Die Linke: GmgV: Neue Rechtsform für gebundenes Vermögen und Unternehmensnachfolge →
Die Kleine Anfrage wurde am 15. Juli 2026 beim Deutschen Bundestag eingereicht. Die Bundesregierung hat nun 21 Tage Zeit, die 40 Fragen schriftlich zu beantworten — die Antwortfrist endet voraussichtlich am 5. August 2026. Nach Eingang der Antwort kann die Drucksache in den zuständigen Ausschüssen weiterberaten werden.
- GenoESOP / EuroESOP
- Genossenschaftlich organisierte Belegschaftsübernahme, bei der Beschäftigte gemeinsam als Genossenschaft ihren Betrieb erwerben. Angelehnt an das US-amerikanische ESOP-Modell.
- nexxt-change
- Bundesweite Nachfolgebörse des Bundesministeriums für Wirtschaft und der KfW-Bankengruppe, über die Unternehmen zur Übergabe und Übernahmeinteressierte zusammengeführt werden.
- Private Equity
- Außerbörsliches Beteiligungskapital, das Investoren in Unternehmen einbringen, meist mit dem Ziel, diese nach einigen Jahren mit Gewinn zu verkaufen (Exit).
Wie viele Betriebe suchen bis 2030 eine Nachfolge?
Laut KfW-Nachfolge-Monitoring (Januar 2026) streben rund 545.000 der insgesamt 3,87 Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland bis Ende dieses Jahrzehnts eine Nachfolge an.
Was ist ein GenoESOP?
Ein GenoESOP ist eine genossenschaftlich organisierte Belegschaftsübernahme, bei der Beschäftigte gemeinsam ihren Betrieb übernehmen — ähnlich wie die in den USA verbreiteten Employee Stock Ownership Plans (ESOPs).
Warum hat die Nachfolgebörse nexxt-change an Bedeutung verloren?
Laut Drucksache ging die Zahl erfolgreich angestoßener Nachfolgen über nexxt-change von 1.268 im Jahr 2010 auf 829 im Jahr 2022 zurück — ein Rückgang um mehr als ein Drittel.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7147 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































