- Facharztausbildung in Deutschland dauert fünf bis sechs Jahre
- Internationale Modelle erreichen vergleichbare Qualität in drei Jahren
- Zentraler Weiterbildungsfonds soll Ausbildung vom Klinikbudget entkoppeln
Hintergrund
Deutschland verzeichnet in vielen Regionen — besonders auf dem Land — einen wachsenden Facharztmangel. Die Facharztweiterbildung ist in Deutschland durch die Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer geregelt und sieht für die meisten Fachgebiete Mindestzeiten von fünf bis sechs Jahren vor. Internationale Vergleichsstudien, darunter Analysen von RAND und des German Medical Journal, haben dem deutschen System strukturelle Defizite bei der Ausbildungsqualität und -effizienz attestiert. Kompetenzbasierte Ausbildungsmodelle nach dem EPA-Prinzip sind in mehreren OECD-Ländern bereits Standard.
Im Detail
Wer fleißig ist und die geforderten Kriterien schneller erfüllt, muss schneller fertig werden dürfen.
— BT-Drs. 21/8916, Feststellungsteil des Antrags
Der Facharztmangel in Deutschland verschärft sich — besonders in ländlichen Regionen fehlen Fachärzte bereits heute spürbar. Als Reaktion darauf hat die AfD-Fraktion am 3. November 2026 den Antrag BT-Drs. 21/8916 im Bundestag eingebracht, der eine grundlegende Reform der Facharztausbildung fordert. Kern des Vorschlags: Weg von starren Zeitvorgaben, hin zu einem kompetenzbasierten System nach internationalem Vorbild.
Was gilt aktuell?
Die Facharztweiterbildung in Deutschland dauert je nach Fachrichtung fünf bis sechs Jahre und ist durch die Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern geregelt. Die Mindestzeiten sind zeitbasiert: Unabhängig davon, wie schnell ein Assistenzarzt die nötigen Fähigkeiten erwirbt, muss er die vorgeschriebene Mindestdauer ableisten. Wissenschaftliche Studien, die der Antrag zitiert, attestieren dem deutschen System eine internationale Außenseiterposition — fehlende strukturierte Curricula und mangelnde Kompetenzorientierung werden als Hauptkritikpunkte genannt.
Facharztausbildung neu denken: Das EPA-Modell
Das Herzstück des Reformvorschlags ist die Einführung sogenannter Entrustable Professional Activities (EPAs). Statt Dienstjahre zu zählen, würde künftig die nachweisliche Beherrschung konkreter klinischer Tätigkeiten — etwa eine eigenständig durchgeführte Appendektomie — darüber entscheiden, ob ein Arzt zur Facharztprüfung zugelassen wird. Das Prinzip lautet im Antrag ausdrücklich: „Kompetenz vor Zeit.“ Ein gesetzlich verankerter Rechtsanspruch auf vorzeitige Prüfungszulassung bei Kompetenznachweis soll diesen Grundsatz absichern.
Internationale Vorbilder für diesen Ansatz sieht der Antrag in den USA, Kanada und den Niederlanden, wo das EPA-Modell als Goldstandard gilt. In Frankreich ermöglicht ein zentrales Zuteilungsverfahren einen strukturierten Durchlauf aller Ausbildungsstationen in rund drei Jahren; Dänemark setzt auf digitale Ausbildungs-Roadmaps mit zentralem Monitoring; Österreich nutzt seit der Reform 2015 ein modulares Bausteinprinzip.
Zentraler Weiterbildungsfonds: Geld folgt dem Arzt
Ein zweiter Reformbaustein betrifft die Finanzierung. Laut Antrag sind Ausbildungskosten heute zwar kalkulatorisch in Klinikbudgets und Fallpauschalen enthalten — aber nicht zweckgebunden. Der Träger kann diese Mittel für andere Zwecke nutzen, was den Assistenzarzt zur reinen Arbeitskraft macht. Der Antrag fordert, diesen Ausbildungsanteil aus den allgemeinen Betriebsbudgets herauszulösen und in einen zentralen, klinikträgerunabhängigen Weiterbildungsfonds zu überführen. Aus diesem Fonds erhält jeder Assistenzarzt ein persönliches Budget — einen sogenannten „Ausbildungs-Rucksack“ —, das er bei jedem zertifizierten Ausbilder einsetzen kann, ob Klinik, Praxis oder Simulationszentrum. Wer ausbildet, erhält eine Refinanzierung aus dem Fonds; wer nur fertig ausgebildete Ärzte abwirbt ohne selbst auszubilden, zahlt ein.
Simulationszentren als Ergänzung zur klinischen Ausbildung
Ergänzend fordert der Antrag den flächendeckenden Aufbau von Simulationszentren. Damit soll die Facharztausbildung vom zufälligen Patientenaufkommen im Klinikalltag entkoppelt werden. Operative und diagnostische Fähigkeiten könnten so standardisiert und zeitunabhängig trainiert werden — nach dem Vorbild des American College of Surgeons in den USA, wo simulationsbasiertes Training bereits Standard ist.
Die Bundesregierung soll laut Antrag einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Ärztekammern als Selbstverwaltungskörperschaften zu den beschriebenen Reformen verpflichtet, ohne deren fachliche Hoheit anzutasten. Die Frage, ob der Bundestag diesen Antrag annimmt oder ablehnt, ist offen — Ausschussberatung und Plenum-Abstimmung stehen noch aus.
Betroffen sind vor allem Patienten in ländlichen Regionen, die auf Fachärzte warten, sowie Assistenzärzte, die unter hoher klinischer Arbeitslast und Bürokratie ausgebildet werden. Auch Krankenhäuser und Ärztekammern wären von einer gesetzlichen Neustrukturierung der Weiterbildung direkt betroffen.
Der Antrag wurde am 3. November 2026 im Bundestag eingebracht. Als nächster Schritt steht die Zuweisung an den zuständigen Ausschuss — in der Regel den Ausschuss für Gesundheit — an. Danach folgen Ausschussberatung und abschließende Abstimmung im Plenum des Bundestages.
- EPA (Entrustable Professional Activities)
- Konkrete klinische Tätigkeiten, die ein Arzt in der Ausbildung eigenständig beherrschen muss. Das EPA-Modell ersetzt zeitbasierte Mindestdauern durch nachgewiesene Kompetenz.
- Weiterbildungsordnung
- Regelwerk der Ärztekammern, das Inhalte, Dauer und Anforderungen der Facharztausbildung festlegt. Die Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer dient als Vorlage für die Landesärztekammern.
- Verbundweiterbildung
- Kooperation mehrerer Kliniken oder Praxen, die gemeinsam alle Ausbildungsabschnitte für einen Assistenzarzt abdecken, damit dieser nicht von einem einzigen Arbeitgeber abhängig ist.
Was bedeutet das EPA-Modell in der Facharztausbildung?
EPA steht für 'Entrustable Professional Activities' — konkrete klinische Tätigkeiten, die ein Arzt eigenständig beherrschen muss. Statt einer Mindestanzahl von Dienstjahren gilt der nachgewiesene Kompetenzerwerb als Maßstab für die Facharztreife.
Was ist ein zentraler Weiterbildungsfonds?
Laut Antrag soll ein von Klinikträgern unabhängiger Fonds eingerichtet werden, aus dem Assistenzärzte ein persönliches Ausbildungsbudget erhalten. Dieses Budget können sie bei jedem zertifizierten Ausbilder einsetzen — Klinik, Praxis oder Simulationszentrum.
Wie lange dauert die Facharztausbildung in Deutschland aktuell?
Die Facharztweiterbildung dauert in Deutschland in der Regel fünf bis sechs Jahre. Laut Antrag zeigen internationale Vergleiche, dass vergleichbare Qualität in deutlich kürzerer Zeit erreichbar ist.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8916 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.




































































