- 170.667 Fahndungen zu offenen Haftbefehlen zum 1. Juli 2026
- 15.205 davon betreffen Gewaltkriminalität, 3.163 Sexualdelikte
- 84 Gefährder unter den Gesuchten — Aufschlüsselung verweigert
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7156 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Die Grünen-Fraktion hatte die Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/6795) vor dem Hintergrund eines Allzeithochs bei der Politisch motivierten Kriminalität im Jahr 2025 gestellt. Das Bundeskriminalamt führt seit 2012 halbjährlich eine Erhebung offener Haftbefehle politisch motivierter Straftäter durch. Die für den Stichtag 30. März 2026 geplante Erhebung musste wegen der Umstellung des Polizeilichen Informationssystems von INPOL Fall Innere Sicherheit auf den neuen PIAV-O PMK ausgesetzt werden. Die nächste Erhebung ist für den 30. September 2026 geplant.
- 170.667 — Fahndungen zu offenen nationalen Haftbefehlen in INPOL-Z zum Stichtag 1. Juli 2026
- 148.311 — Personen, gegen die mindestens ein offener Haftbefehl besteht
- 15.205 (8,9 %) — Fahndungen im Bereich Gewaltkriminalität, darunter 1.368 wegen Mordes
- 3.163 (1,9 %) — Fahndungen im Bereich Sexualdelikte
- 84 Gefährder und 37 Relevante Personen — Eingestufte Personen unter den Gesuchten (Stand: 30. September 2025)
- 2.231 — Offene Haftbefehle im PMK-Bereich, davon 550 religiöse Ideologie und 688 rechts
Im Detail
Betrachtungen zu einem bestimmten Stichtag geben keinen hinreichenden Aufschluss darüber, wie sich die Anzahl von Fahndungen zu offenen Haftbefehlen über einen bestimmten Zeitraum entwickelt.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7156
In Deutschland bestehen zum Stichtag 1. Juli 2026 insgesamt 170.667 Fahndungen zu offenen nationalen Haftbefehlen im polizeilichen Informationssystem INPOL-Z. Diese lassen sich auf 148.311 Personen zurückführen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung (BT-Drs. 21/7156) auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die das Bundesministerium des Innern am 14. Juli 2026 übermittelte.
Die Gesamtzahl der Fahndungen ist gegenüber dem Vorjahrsstichtag um 0,1 Prozent gestiegen. Den größten Anteil stellen Fahndungen wegen Strafvollstreckung (146.607), gefolgt von Straftaten (24.014) und Unterbringungen (46). Bayern verzeichnet mit 31.944 Fällen den höchsten Bestand, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (28.337) und Baden-Württemberg (24.370). Rückgänge zeigen Bayern (–4,4 %), Berlin (–5,4 %) und Sachsen-Anhalt (–4,9 %), während Bremen (+12,5 %), Rheinland-Pfalz (+8,4 %) und das Bundeskriminalamt (+15,8 %) deutliche Anstiege verzeichnen.
Offene Haftbefehle wegen Gewaltkriminalität und Sexualdelikten
Von den 170.667 Fahndungen entfallen 15.205 auf den Bereich Gewaltkriminalität (8,9 %) und 3.163 auf Sexualdelikte (1,9 %). Bei den Gewaltdelikten dominiert gefährliche Körperverletzung (§ 224 StGB) mit 4.567 Fällen, gefolgt von Raub (§ 249 StGB) mit 3.934 Fällen. Wegen Mordes (§ 211 StGB) werden 1.368 Personen gesucht, wegen Totschlags (§ 212 StGB) weitere 1.280. Im Bereich der Sexualdelikte sind 1.751 Fahndungen wegen sexuellen Übergriffs, Nötigung oder Vergewaltigung (§ 177 StGB) offen.
Die Aufschlüsselung zeigt zudem: Zu 17 Personen bestehen zehn oder mehr offene Haftbefehle. Im Bereich Gewaltkriminalität weisen zwei Personen je vier offene Haftbefehle auf. Diese Zahlen deuten auf eine Gruppe von Intensivgesuchten hin, die besondere Vollstreckungsprobleme bereiten. Einen wichtigen Kontext liefert die Bundesregierung zu der Frage, wie lange Vollstreckungen dauern: Fast die Hälfte der 2025 erledigten Haftbefehle (48,4 %) wurde innerhalb von 99 Tagen vollstreckt — doch 29,5 Prozent dauerten 500 Tage oder länger. Einen validen Durchschnittswert kann die Bundesregierung nicht nennen, weil Haftbefehle gegen abgeschobene ausländische Staatsbürger, die zur Verhinderung der Wiedereinreise aktiv bleiben, die Statistik nach oben verzerren.
Offene Haftbefehle im Bereich der politisch motivierten Kriminalität
Im Bereich der Politisch motivierten Kriminalität (PMK) bestanden zum Erhebungsstichtag 30. September 2025 bundesweit 2.231 offene Haftbefehle gegen 1.765 Personen. Den größten Anteil stellt PMK-rechts mit 688 offenen Haftbefehlen, gefolgt von PMK-sonstige Zuordnung (605), PMK-religiöse Ideologie (550), PMK-ausländische Ideologie (294) und PMK-links (94). Die für den Stichtag 30. März 2026 geplante Erhebung musste wegen der Umstellung auf das neue Polizeiliche Informations- und Analysesystem PIAV-O PMK ausgesetzt werden. Aktuelle PMK-Zahlen zu offenen Haftbefehlen liegen daher noch nicht vor.
Unter den Personen mit offenem Haftbefehl sind laut Bundesregierung 84 Gefährder und 37 Relevante Personen (Stand: 30. September 2025). Eine Aufschlüsselung nach PMK-Phänomenbereichen verweigert die Bundesregierung unter Berufung auf Staatswohl und polizeitaktische Gründe. Sie begründet dies damit, dass in einzelnen Phänomenbereichen sehr kleine Personenpools Rückschlüsse auf die Gefährdereinstufung einzelner Personen ermöglichen könnten. Auch eine Beantwortung unter Geheimschutzeinstufung lehnt sie ab. Auf die Frage, welche Maßnahmen zur Reduzierung des Vollstreckungsdefizits ergriffen wurden, verweist die Bundesregierung auf die Länderzuständigkeit und macht keine eigenen Angaben. Ähnlich verhält es sich bei der Frage, welche Gründe im Einzelfall zur Nichtvollstreckung führten — auch hier seien keine Erkenntnisse vorhanden.
Hintergrund: Warum sind offene Haftbefehle politisch relevant?
Die Vollstreckung von Haftbefehlen liegt überwiegend in der Zuständigkeit der 16 Bundesländer. Ihre Anzahl gilt als Indikator für die Leistungsfähigkeit des Strafverfolgungssystems. Im Jahr 2025 wurden laut Drucksache 128.650 neue Fahndungen in INPOL-Z erfasst, während 129.897 erledigt wurden — die Bilanz fällt damit knapp positiv aus. Dennoch bleibt der Bestand auf hohem Niveau, was auch im Kontext des zuletzt auf ein Allzeithoch gestiegenen PMK-Aufkommens politisch diskutiert wird. Thematisch verwandt ist auch die Debatte über Grenzurückweisungen und die Rechtmäßigkeit der Asylpolitik, da ein Teil der Gesuchten ausländische Staatsangehörige sind, gegen die Haftbefehle auch nach Abschiebung zur Verhinderung der Wiedereinreise aktiv bleiben. Fragen zur Sicherheitslage in Deutschland stellen sich auch im Zusammenhang mit anderen parlamentarischen Anfragen, etwa zu Verfassungsschutzmaßnahmen und deren parlamentarischer Kontrolle.
Weiterlesen:
- Grenzurückweisungen 2026: 24 Fragen zur Rechtmäßigkeit der Asylpolitik
- Verfassungsschutz-Beobachtung von Abgeordneten: Bundesregierung verweigert Auskunft
- Kriegsverbrechen Jugoslawien: 17 Fragen zu deutschen Ermittlungen
Betroffen von der Datenlage sind potenziell alle Bürgerinnen und Bürger, denen Personen mit offenen Haftbefehlen begegnen können. Besonders relevant ist die Situation für Opfer von Gewalt- und Sexualdelikten, deren Täter noch gesucht werden. Die Vollstreckung von Haftbefehlen liegt überwiegend in der Zuständigkeit der 16 Bundesländer und deren Polizeibehörden.
Die Bundesregierung beantwortet die meisten Fragen mit konkreten Zahlen, verweigert jedoch die Aufschlüsselung der Gefährder nach PMK-Phänomenbereichen ausdrücklich unter Berufung auf Staatswohl und Geheimschutzbedürftigkeit. Zur Frage nach Maßnahmen der Bundesregierung verweist sie auf die Länderzuständigkeit und macht keine eigenen Angaben.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Nicht vollstreckte Haftbefehle: Grüne fragen nach Sicherheitslücken →
- INPOL-Z
- Das polizeiliche Informationssystem des Bundes, in dem Fahndungsnotierungen zu offenen Haftbefehlen zentral erfasst werden.
- Gefährder
- Polizeiliche Einstufung einer Person, von der aufgrund bestimmter Erkenntnisse erwartet wird, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung begeht.
- PMK
- Politisch motivierte Kriminalität — Oberbegriff für Straftaten, bei denen ein politisches Motiv vermutet wird, unterteilt in Phänomenbereiche wie -rechts-, -links-, -religiöse Ideologie- und -ausländische Ideologie-.
Wie viele offene Haftbefehle gibt es in Deutschland aktuell?
Zum Stichtag 1. Juli 2026 bestehen 170.667 Fahndungen zu offenen nationalen Haftbefehlen, die auf 148.311 Personen zurückzuführen sind.
Wie viele Gefährder haben einen offenen Haftbefehl?
Laut Bundesregierung sind unter den Gesuchten 84 Personen als Gefährder und 37 als Relevante Personen eingestuft (Stand: 30. September 2025).
Wie lange dauert die Vollstreckung eines Haftbefehls?
Fast die Hälfte (48,4 %) der 2025 erledigten Haftbefehle wurde innerhalb von 99 Tagen vollstreckt, aber 29,5 % dauerten 500 Tage oder länger.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7156 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.



































































