- Düngemittelpreise seit Iran-Krieg um über 70 Prozent gestiegen
- Bundesregierung: Bisher keine Lebensmittelpreissteigerung messbar
- 800 Mio. Euro humanitäre Hilfe für betroffene Länder bereitgestellt
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6768 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Seit dem Beginn des Iran-Krieges am 28. Februar 2026 haben sich die Düngemittelpreise nach Angaben der Fragesteller um über 70 Prozent verteuert. Bereits der russische Angriff auf die Ukraine 2022 hatte Düngemittelpreise um knapp 30 Prozent ansteigen lassen und dadurch die Lebensmittelinflation mitbefeuert. Parallel warnt die FAO vor einem massiven Angebotsschock auf den globalen Nahrungsmittelmärkten; weltweit sind nach UN-Angaben über 260 Millionen Menschen akut von Hunger betroffen. Die EU-Kommission hat am 19. Mai 2026 einen Aktionsplan Düngemittel vorgelegt, der die Resilienz der europäischen Düngemittelversorgung stärken soll.
- über 70% — Anstieg der Düngemittelpreise seit Kriegsbeginn am 28. Februar 2026 (laut Fragesteller, Quelle: agrarheute.com)
- 0,9 bis 1,1% — Veränderung des regelbedarfsrelevanten Preisindexes in den Monaten Februar bis April 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum
- 800 Mio. Euro — humanitäre Hilfe, die Deutschland im laufenden Jahr bereits bereitgestellt hat
- rund 2,3 Mio. ha — Anbaufläche nachwachsender Rohstoffe in Deutschland 2024, davon rund 2,1 Mio. ha Energiepflanzen
- 85% — Marktanteil der vier größten Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen (Edeka, Rewe, Schwarz/Lidl, Aldi) in Deutschland
Im Detail
Zum jetzigen Zeitpunkt haben sich die konfliktbedingten Energiepreissteigerungen noch nicht auf die Lebensmittelpreise in Deutschland niedergeschlagen. Sollten sich die steigenden Betriebsmittelpreise der Landwirtschaft in höheren Erzeugerpreisen niederschlagen, ist mit zeitlich verzögerten Preissteigerungen bei den Lebensmitteln zu rechnen.
— Bundesregierung, BT-Drs. 21/6768, Antwort zu Frage 1d
Düngemittel sind seit dem Ausbruch des Iran-Krieges am 28. Februar 2026 um über 70 Prozent teurer geworden. Gleichzeitig verteuern sich die Treibstoffkosten für die Landwirtschaft erheblich. Ob und wann diese Kostensteigerungen die Lebensmittelpreise im Supermarkt erreichen, ist die zentrale Frage, die die Fraktion Die Linke mit ihrer Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/6196) an die Bundesregierung gerichtet hat. Die Antwort vom 26. Juni 2026 (BT-Drs. 21/6768) zeigt: Bislang sind keine messbaren Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise in Deutschland eingetreten — aber die Regierung schließt zeitverzögerte Effekte ausdrücklich nicht aus.
Lebensmittelpreise: Was gilt aktuell?
Laut Bundesregierung hat die koalitionsinterne Taskforce zu den Auswirkungen des Krieges auf Lebensmittelpreise festgestellt, dass derzeit keine Preissteigerungen infolge gestiegener Energiepreise zu beobachten sind. Der regelbedarfsrelevante Preisindex — maßgeblich für die Anpassung der Grundsicherung — lag in den Monaten Februar bis April 2026 nur 0,9 bis 1,1 Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Weltmarktpreise für Milch und Zucker zeigen sogar deutliche Rückgänge. Valide Prognosen für die weitere Entwicklung hält die Regierung wegen der geopolitischen Unsicherheiten für nicht möglich.
Düngemittelpreise als zentrales Risiko
Der Lebensmittelsektor reagiert auf Energiepreisschocks typischerweise mit Verzögerung: Düngemittel, insbesondere Stickstoffdünger, werden auf Basis von Erdgas hergestellt und sind eng mit der Energiepreisentwicklung verknüpft. Laut Drucksache korreliert die Preisentwicklung von Stickstoff-Düngemitteln eng mit den Energiepreisen; zu den genauen Anteilen von Energie, Rohstoffen und Transport an den Düngemittelpreisen liegen der Bundesregierung allerdings keine Informationen vor. Sollten die gestiegenen Betriebsmittelkosten der Landwirtschaft auf die Erzeugerpreise durchschlagen, rechnet die Regierung mit zeitverzögerten Lebensmittelpreissteigerungen. Konkrete Maßnahmen dagegen plant sie derzeit nicht.
Die Bundesregierung begleitet die EU-Vorhaben zur Düngemittelverfügbarkeit, darunter den am 19. Mai 2026 von der EU-Kommission vorgelegten Aktionsplan Düngemittel, der finanziell tragbare Preise und eine krisenfeste EU-Produktion anstrebt. Auf nationaler Ebene existieren Förderprogramme für organischen Dünger und Nährstoffmanagement, eine risikobasierte Pestizidabgabe nach dänischem Vorbild oder eine Preisbeobachtungsstelle nach dem Vorbild Frankreichs und Spaniens sind jedoch nicht geplant.
Lebensmittelmarkt: Marktmacht und Spekulation
Die vier größten Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen — Edeka, Rewe, Schwarz/Lidl und Aldi — kontrollieren rund 85 Prozent des deutschen Marktes. Einen spezifischen Zusammenhang zwischen dieser Marktkonzentration und Lebensmittelpreissteigerungen in Krisenzeiten sieht die Bundesregierung nicht. Das Bundeskartellamt führt derzeit Missbrauchsverfahren gegen Coca-Cola und Edeka sowie Fusionskontrollverfahren rund um tegut-Standorte. Eine Übergewinnsteuer für marktbeherrschende Unternehmen lehnt die Regierung ab.
Zur Finanzspekulation auf Agrarmärkten erklärt die Bundesregierung, dass der sehr starke Preisanstieg 2022/2023 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine in erster Linie auf reale Faktoren — Energiepreise, Transportunterbrechungen, verringerte Anbauflächen — zurückzuführen war. Eine massive Zunahme der Aktivität von Finanzinvestoren an europäischen Warenterminmärkten war laut BaFin und ESMA nicht feststellbar. Positionslimits wurden seit dem 28. Februar 2026 nicht überschritten. Die BaFin steht seit Kriegsbeginn in wöchentlichem Austausch mit der Handelsüberwachungsstelle der EEX. Mehr dazu im Themenbereich Energieeffizienzgesetz und Wirtschaftsrisiken.
Versorgungssicherheit und globaler Hunger
Für Deutschland sieht die Bundesregierung keine Versorgungsengpässe: Nach Rekordernten des Vorjahres seien die Lager gut gefüllt, und aktuelle Ernteschätzungen wiesen auf eine durchschnittliche Ernte hin. Global beobachtet die Regierung die Lage mit Sorge, insbesondere für den Nahen Osten und Nordafrika. Deutschland hat im laufenden Jahr bereits rund 800 Millionen Euro für humanitäre Hilfe bereitgestellt. Laut FAO-Schätzung waren in Deutschland bereits im Zeitraum 2019 bis 2021 knapp drei Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen — rund 3,5 Prozent der Bevölkerung. Zur Erforschung von Ernährungsarmut fördert das Bundeslandwirtschaftsministerium seit Juni 2025 das Projekt SEED.
Die Frage, ob Sozialleistungen und Renten stärker an Lebensmittelpreisentwicklungen angepasst werden sollten, beantwortet die Regierung ablehnend: Die gesetzlichen Anpassungsmechanismen knüpfen nicht an einzelne Verbrauchsgütergruppen an. Der Mindestlohn steigt nach dem Beschluss der Mindestlohnkommission stufenweise auf 13,90 Euro zum 1. Januar 2026 und 14,60 Euro zum 1. Januar 2027. Das im Reformpaket der Koalition diskutierte Thema Sozialleistungen ist auch Gegenstand des Übergangs vom Bürgergeld zur neuen Grundsicherung.
Zur Frage der Shrinkflation — also versteckter Preiserhöhungen durch kleinere Packungsmengen — prüft die Bundesregierung Anpassungen des Regelungsrahmens, verweist aber auf europarechtliche Grenzen. Ein aktuelles Verfahren des Landgerichts Bremen (Az. 12 O 118/25) hat eine Füllmengenreduktion bei Schokolade ohne ausreichenden Hinweis als irreführend eingestuft.
Weiterlesen:
- Energieeffizienzgesetz: 21 Fragen zu Sparzielen und Wirtschaftsrisiken
- Das Bürgergeld ist Geschichte – die neue Grundsicherung
- EU-Sanktionen gelten auch in Energiekrisen weiterhin
Betroffen sind in erster Linie Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland, die bereits jetzt höhere Treibstoff- und Betriebsmittelkosten tragen. Mittelfristig können sich steigende Erzeugerpreise auf alle Verbraucherinnen und Verbraucher auswirken, insbesondere auf Haushalte mit geringem Einkommen sowie auf Grundsicherungs- und Rentenempfänger, deren Leistungen nicht automatisch an Lebensmittelpreissteigerungen angepasst werden. Global sind vor allem Länder im Nahen Osten und Nordafrika gefährdet.
Die Bundesregierung hat die meisten Fragen inhaltlich beantwortet, verweist jedoch bei mehreren Unterfragen auf öffentlich zugängliche Statistiken (Destatis, FAO) statt eigene Zahlen zu liefern. Bei Fragen zu künftigen Preisprognosen verweist sie auf die Unsicherheit der geopolitischen Lage und erklärt valide Vorhersagen für nicht möglich.
Die Linke: Die Fraktion hatte in der Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/6196) unter anderem eine Übergewinnsteuer für die marktbeherrschenden Lebensmittelunternehmen sowie eine Mehrwertsteuerentlastung auf Grundnahrungsmittel gefordert. Die Bundesregierung lehnt beides ab.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. (Stand: 26.06.2026) 70% höhere Düngemittelpreise seit Iran-Krieg im Februar →
- Warenterminmarkt / Agrarderivate
- Börsenplätze, an denen Verträge über die künftige Lieferung von Rohstoffen wie Getreide gehandelt werden. Sie dienen zur Preisabsicherung, können aber auch spekulativ genutzt werden.
- Positionslimits (MiFID II)
- Gesetzlich festgelegte Obergrenzen für die Menge an Kontrakten, die ein einzelner Marktteilnehmer an Warenterminbörsen halten darf. Sollen Marktmanipulation verhindern.
- Ernährungsarmut
- Zustand, in dem Menschen keinen ausreichenden Zugang zu gesunder und ausreichender Nahrung haben. In Deutschland waren laut FAO-Schätzung 2019–2021 rund 3,5 Prozent der Bevölkerung betroffen.
Steigen die Lebensmittelpreise durch den Iran-Krieg?
Laut Bundesregierung sind bisher keine konfliktbedingten Preissteigerungen bei Lebensmitteln in Deutschland messbar. Zeitverzögerte Effekte durch steigende Düngemittel- und Energiekosten sind aber möglich.
Plant die Bundesregierung eine Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel?
Nein. Die Bundesregierung erklärt in ihrer Antwort, dass steuerliche Änderungen der Mehrwertsteuer im Lebensmittelbereich derzeit nicht vorgesehen sind.
Drohen Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln in Deutschland?
Die Bundesregierung stuft die Gefahr von Versorgungsengpässen als sehr gering ein. Die Lager sind nach Rekordernten des Vorjahres gut gefüllt, aktuelle Ernteschätzungen weisen auf eine durchschnittliche Ernte hin.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6768 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.

































































