- Ex-Diplomaten aus Deutschland, UK und Frankreich trafen Russen bei Wien
- Centre for Humanitarian Dialogue organisierte das Treffen — Deutschland ist Geldgeber
- Auswärtiges Amt erklärte, von den Gesprächen vorab nichts gewusst zu haben
Hintergrund
Im August 2026 berichtete Bloomberg über ein Treffen im Juli 2026 nahe Wien, an dem ehemalige hochrangige Diplomaten aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich sowie nicht namentlich genannte russische Ex-Regierungsvertreter teilnahmen. Laut der österreichischen Zeitung „Die Presse“ war auch der frühere Kreml-Beamte Alexander Woloschin anwesend, und es soll sich bereits um das zweite Treffen dieser Art gehandelt haben. Das Treffen wurde vom Schweizer Centre for Humanitarian Dialogue (HD) organisiert, das Deutschland nach eigenen Angaben der Organisation mitfinanziert. Das Auswärtige Amt soll gegenüber Bloomberg erklärt haben, von den Gesprächen vorab keine Kenntnis gehabt zu haben.
Im Detail
Die Fragesteller unterstützen Diplomatie und auch gegebenenfalls sog. Track‑II-Gespräche zwischen Deutschland und Russland mit dem Ziel einer friedlichen Konfliktlösung.
— Vorbemerkung der Fragesteller, BT-Drs. 21/8831
Im Juli 2026 fanden nahe Wien informelle Gespräche zwischen ehemaligen westlichen Spitzendiplomaten und russischen Vertretern statt — ohne Beteiligung der Ukraine. Bekannt wurde das Treffen durch einen Bericht des Medienunternehmens Bloomberg vom August 2026. Die Kleine Anfrage BT-Drs. 21/8831, eingereicht am 28. Oktober 2026 von Stefan Keuter und der AfD-Fraktion, stellt 14 Fragen an die Bundesregierung zu deren Kenntnisstand, zur Rolle des beteiligten deutschen Ex-Diplomaten Markus Ederer und zur deutschen Finanzierung des organisierenden Schweizer Centre for Humanitarian Dialogue (HD).
Wien-Gespräche: Wer traf wen?
Laut Bloomberg nahmen auf westlicher Seite drei prominente Ex-Diplomaten teil: Markus Ederer, ehemaliger Staatssekretär im Auswärtigen Amt und früherer EU-Botschafter in Russland; Tim Barrow, ehemaliger britischer Nationaler Sicherheitsberater und Ex-Botschafter in Moskau und Kiew; sowie Pierre Vimont, früherer Generalsekretär des Europäischen Auswärtigen Dienstes. Auf russischer Seite sollen ebenfalls ehemalige hochrangige Regierungsvertreter teilgenommen haben, deren Namen nicht öffentlich bekannt sind. Die österreichische Zeitung „Die Presse“ berichtete, dass auch der frühere Kreml-Beamte Alexander Woloschin anwesend gewesen sei. Das Treffen soll zudem nicht das erste seiner Art gewesen sein — ein früheres Treffen, möglicherweise in Baku, wird in der Anfrage erwähnt. Organisiert wurden die Wien-Gespräche durch das Schweizer Centre for Humanitarian Dialogue (HD), das nach eigenen Angaben von mehreren Regierungen, darunter Deutschland, sowie privaten Stiftungen finanziert wird.
Was gilt aktuell?
Nach einem Bericht der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ soll das Auswärtige Amt gegenüber Bloomberg erklärt haben, es habe bis zu dessen Anfrage keine Kenntnis von den Wien-Gesprächen gehabt und sei an deren Vorbereitung nicht beteiligt gewesen. Die AfD hinterfragt in ihrer Kleinen Anfrage, ob diese Aussage dem tatsächlichen Kenntnisstand entspricht und welche Organisationseinheit im Auswärtigen Amt die Erklärung wann abgegeben hat. Ferner fragt sie, ob sich die Erklärung nur auf das Treffen im Juli 2026 oder auch auf frühere informelle Kontakte bezog.
Rolle des Centre for Humanitarian Dialogue
Ein zentraler Strang der Anfrage betrifft die deutsche Förderung des HD. Die Fragesteller wollen wissen, seit wann und in welchem Umfang Deutschland das Centre for Humanitarian Dialogue finanziell unterstützt, welche Ressorts Mittel bereitstellen und ob einzelne Projekte oder die generelle Tätigkeit gefördert werden. Außerdem fragen sie, ob die Bundesregierung für ihre Förderung eine Gegenleistung erhält. Parallel dazu stellen sie Fragen zur Tätigkeit Ederers für das HD: Hatte die Bundesregierung Kenntnis davon, seit wann, und wurde diese Tätigkeit genehmigt oder gefördert? Die Fragen berühren das Beamtenrecht, da für Ruhestandsbeamte unter Umständen Anzeige- oder Genehmigungspflichten für Nebentätigkeiten bestehen können — ähnliche Fragen zur Kontrolle solcher Tätigkeiten behandelt auch der Beitrag Ruhestandsbeamte: Nebentätigkeiten nach § 105 BBG unter Kontrolle.
Politischer Kontext der Wien-Gespräche
Die Fragesteller positionieren sich in ihrer Vorbemerkung ausdrücklich als Befürworter von Track-II-Diplomatie zwischen Deutschland und Russland zum Zweck einer friedlichen Konfliktlösung. Zugleich kritisieren sie aus ihrer Sicht bestehende doppelte Standards bei der Bewertung von Russlandkontakten unterschiedlicher politischer Akteure. Die Wien-Gespräche fallen in eine Phase, in der westliche Regierungen offiziell an ihrer Unterstützung für die Ukraine festhalten, während informelle Kommunikationskanäle nach Russland politisch umstritten sind. Ob und wie Ergebnisse solcher Gespräche in die deutsche Außenpolitik einfließen, gehört ebenfalls zu den 14 Fragen der Anfrage — namentlich, ob die Bundesregierung sich seit 2025 aktiv um Kenntnisse aus solchen Besprechungen bemüht hat.
Die Bundesregierung muss die Anfrage grundsätzlich innerhalb von 14 Tagen nach Zuleitung an das Bundeskanzleramt beantworten. Eine Antwort liegt noch nicht vor.
Weiterlesen:
Direkt betroffen sind die genannten früheren Diplomaten, insbesondere der ehemalige deutsche Staatssekretär Markus Ederer, dessen Tätigkeit für das HD und Teilnahme an den Wiener Gesprächen parlamentarisch hinterfragt wird. Mittelbar betrifft die Anfrage die außenpolitische Transparenz der Bundesregierung gegenüber dem Bundestag sowie die deutschen Steuerzahler, die das Centre for Humanitarian Dialogue über Bundeshaushaltsmittel mitfinanzieren.
Die Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/8831) wurde am 28. Oktober 2026 eingereicht und dem Bundeskanzleramt zugeleitet. Die Bundesregierung soll grundsätzlich innerhalb von 14 Tagen nach Zuleitung antworten. Eine Antwort liegt bislang nicht vor.
- Track-II-Diplomatie
- Informelle Gespräche zwischen ehemaligen Regierungsvertretern oder Experten ohne offiziellen staatlichen Auftrag, die vertrauliche Sondierungen ermöglichen sollen.
- Centre for Humanitarian Dialogue (HD)
- Schweizerische Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Genf, die sich auf Vermittlung in bewaffneten Konflikten spezialisiert hat und von mehreren Staaten, darunter Deutschland, finanziert wird.
- Staatssekretär a. D.
- Außer Dienst gestellter Staatssekretär — ein ehemaliger hoher Beamter, der nicht mehr im aktiven Dienst steht, aber weiterhin bestimmten beamtenrechtlichen Regeln unterliegen kann.
Was sind Track-II-Gespräche?
Track-II-Diplomatie bezeichnet informelle Gespräche zwischen ehemaligen Regierungsvertretern oder Experten ohne offiziellen Regierungsauftrag, die als Kanal für vertrauliche Sondierungen dienen.
Wer ist das Centre for Humanitarian Dialogue?
Das Centre for Humanitarian Dialogue (HD) ist eine Schweizer Organisation, die nach eigenen Angaben von verschiedenen Regierungen — darunter Deutschland — sowie staatlichen Akteuren und privaten Stiftungen finanziert wird und Friedensgespräche vermittelt.
Wer war Markus Ederer?
Markus Ederer war Staatssekretär im Auswärtigen Amt und EU-Botschafter in Russland. Er nahm laut Bloomberg als Privatperson an den Gesprächen bei Wien teil.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8831 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































