- Kein einheitliches Verfahren zur Auswahl von Zukunftstechnologien existiert
- Bewertungskriterien umfassen technologische, wirtschaftliche und geopolitische Dimensionen
- Technologiepriorisierung ist stets zweckgebunden und akteurabhängig
Zukunftstechnologien identifizieren und priorisieren: Analyse des Wissenschaftlichen Dienstes
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat in einer im September 2026 abgeschlossenen Ausarbeitung (WD 5 – 3000 – 101/26) untersucht, wie Zukunftstechnologien identifiziert, bewertet und priorisiert werden. Die Analyse richtet sich an Mitglieder des Bundestages und liefert eine systematische Übersicht über Methoden, Kriterien und Bewertungslogiken verschiedener Akteure.
Mehrstufiger Prozess ohne Standardmethode
Die Studie stellt fest, dass die Identifizierung und Auswahl von Zukunftstechnologien in der Praxis als mehrstufiger, iterativer Prozess erfolgt. Dabei kommen drei methodische Ansätze zum Einsatz: technologie- und signalorientierte Suchverfahren, quantitative und datenbasierte Analysen sowie Experten- und Beteiligungsformate. Eine einheitliche Standardmethode existiert nicht. Stattdessen kombinieren die meisten Studien qualitative und quantitative Verfahren, etwa Patentanalysen, Publikationsauswertungen und Experteninterviews. Datenbasierte Methoden ermöglichen Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit, während qualitative Verfahren Kontextwissen und Einschätzungen zu künftigen Anwendungen einbringen.
Bewertungskriterien in vier Dimensionen
Die Ausarbeitung systematisiert die verwendeten Bewertungskriterien in vier übergeordnete Dimensionen: technologische Stärke (etwa Publikationsdynamik, Patentaktivität, Technologiereifegrad), wirtschaftliche Bedeutung (Marktposition, Exportanteile, Investitionsvolumen), Breitenwirksamkeit (Querschnitts- und Enabling-Charakter, Sektorstreuung) sowie Souveränität und Resilienz (Importabhängigkeiten, Standardisierungsmacht, kritische Rohstoffe). Ergänzend werden gesellschaftliche und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt, darunter CO₂-Reduktionspotenzial und Relevanz für politische Missionen. Die Studie betont, dass kein einzelnes Kriterium die strategische Bedeutung einer Technologie vollständig abbilden kann.
Zielstellung prägt das Ergebnis
Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist, dass Bewertungslogiken nicht neutral sind, sondern wesentlich vom Zweck der jeweiligen Untersuchung abhängen. Förderorganisationen suchen frühe Hinweise auf neue Entwicklungsfelder, regionalpolitische Auftraggeber benötigen Aussagen zu Kompetenzen und Abhängigkeiten, strategisch ausgerichtete Studien leiten daraus konkrete Handlungsempfehlungen ab. Die Festlegung von Technologiefeldern ist damit keine objektive Klassifikation, sondern eine gestaltbare Bewertungsentscheidung.
Beispiele: HTAD, EU und private Investoren
Anhand von drei Fallbeispielen veranschaulicht die Studie unterschiedliche Priorisierungslogiken. Die Hightech Agenda Deutschland fokussiert auf sechs Schlüsseltechnologien und entwickelt technologiespezifische Roadmaps in einem partizipativen Verfahren, legt die konkreten Auswahlkriterien bislang jedoch nicht offen. Die Europäische Union hat ihre Bewertungsdimensionen seit 2009 schrittweise erweitert – von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit über gesellschaftliche Wirkung bis hin zu technologischer Souveränität. Private Deep-Tech-Investoren wiederum kombinieren Technologiereife, Marktpotenzial, Skalierbarkeit und Risikoprofil, wobei sich die Bewertungskriterien mit dem Reifegrad des Unternehmens verschieben.
Die Analyse schließt mit dem Befund, dass belastbare Technologiepriorisierung ein klares Begriffsverständnis, transparente Kriterien sowie die Verbindung qualitativer und quantitativer Methoden voraussetzt. Die Festlegung von Prioritäten muss zudem regelmäßig an neue technologische, politische und geopolitische Rahmenbedingungen angepasst werden.

































































