- Koordinierte Überfälle auf queere Männer über Dating-Apps bundesweit
- 29 Fragen zu Täternetzwerken, Plattformpflichten und Schutzlücken
- Nationaler Aktionsplan 'Queer leben' läuft aus — Folgen unklar
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8013 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Auslöser der Anfrage sind laut Vorbemerkung der Fragesteller mehrere öffentlich bekannte Fälle queerfeindlicher Übergriffe, darunter ein Angriff auf den Sänger Leopold bei einem Grindr-Date sowie Überfälle an Cruising-Spots in Berlin, die zuletzt medial breit diskutiert wurden. In Berlin wurde ein Täter, der wiederholt Männer über Grindr in Hinterhalte gelockt und ausgeraubt hatte, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Eine ARD-Dokumentation des team.recherche hat das Phänomen nach Angaben der Fragesteller für Städte wie Frankfurt (Oder), Bochum, München und Lüneburg dokumentiert. Das Bundesinnenministerium hat seit Mitte 2025 eine Handreichung zur Erfassung LSBTIQ*-feindlicher Hasskriminalität im Rahmen des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes (KPMD-PMK) bereitgestellt.
Im Detail
Diesen Fällen scheint in all ihrer Unterschiedlichkeit gemein zu sein, dass die Täter – es handelt sich offenbar vor allem um Männer – koordiniert vorgehen, um primär schwule Männer in einen Hinterhalt zu locken und sie zu überfallen.
— Vorbemerkung der Fragesteller, BT-Drs. 21/8013
Koordinierte Überfälle auf schwule und queere Menschen über Dating-Apps wie Grindr beschäftigen seit Monaten Medien, Ermittlungsbehörden und die queere Community. Nun zieht das Thema auch in den Bundestag: Mit der Kleinen Anfrage BT-Drs. 21/8013 vom 15. September 2026 richtet die Fraktion Die Linke 29 detaillierte Fragen an die Bundesregierung. Im Mittelpunkt stehen das Ausmaß queerfeindlicher Gewalt im Zusammenhang mit Dating-Apps und Cruising-Orten, mögliche Täternetzwerke sowie staatliche und privatwirtschaftliche Schutzmaßnahmen.
Queerfeindliche Angriffe: Bundesweites Phänomen
Aus Sicht der Fragesteller handelt es sich nicht um Einzelfälle. Laut Vorbemerkung der Anfrage wurden Übergriffe in Städten wie Berlin, München, Bochum, Frankfurt (Oder), Buchholz, Beeskow, Aschaffenburg und Lüneburg dokumentiert. Ein Berliner Täter, der wiederholt Männer über Grindr in Hinterhalte gelockt und ausgeraubt hatte, wurde demnach zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Fragesteller verweisen auf Berichte aus Australien und einen Human-Rights-Watch-Bericht von 2023 zu ähnlichen Mustern in Afrika und dem Mittleren Osten. Das Phänomen der sogenannten Fake-Dates — bei denen Täter über gefälschte Profile Kontakte knüpfen, um Opfer in Hinterhalte zu locken — erscheint laut Drucksache strukturell und teils grenzüberschreitend organisiert.
Täternetzwerke und politische Motive im Fokus
Die Anfrage fragt gezielt nach möglichen Verbindungen der Angreifenden zu verschiedenen extremistischen Milieus: Namentlich genannt werden rechtsextreme Jugendgruppen, rechtsterroristische Netzwerke, die sogenannte „Pedo-Hunter“-Szene sowie salafistische und jihadistische Kreise. Die Fragesteller thematisieren auch mögliche Überschneidungen zwischen rechtsextremen und islamistischen Akteuren bei queerfeindlichen Angriffen — ein Hinweis auf das komplexe ideologische Spektrum, das hinter solchen Taten stehen kann. Außerdem wird gefragt, ob internationale Netzwerke wie die frühere russische Gruppe „Okkupay-pedofilyay“ Nachahmergruppen in Deutschland inspiriert haben.
Plattformverantwortung und gesetzlicher Regelungsbedarf
Ein zweiter Themenschwerpunkt der Anfrage gilt der Verantwortung von Plattformbetreibern. Die Linke fragt, ob die Bundesregierung bislang Gespräche mit Unternehmen gesucht hat, die schwule Dating-Apps betreiben, und wie sie die Einführung von Nutzer-Authentifizierung bewertet. Dabei wird ausdrücklich auf den Datenschutzkonflikt hingewiesen: Authentifizierungssysteme könnten die sexuelle Identität der Nutzer offenlegen — ein besonders sensibler Aspekt, da Plattformen wie Grindr in der Vergangenheit für Datenschutzmängel, etwa beim HIV-Status von Nutzern, kritisiert wurden. Gefragt wird auch, inwiefern Artikel 34 und 35 des Digital Service Act einen ausreichenden Rechtsrahmen für diese spezifische Problematik bieten.
Erfassung queerfeindlicher Hasskriminalität
Die Anfrage beleuchtet außerdem die statistische Erfassung queerfeindlicher Angriffe. Gefragt wird, wie das Tatmotiv der Queerfeindlichkeit bei Überfällen über Dating-Apps gegenüber anderen Motiven wie Raub angemessen gewichtet wird. Seit Mitte 2025 steht laut Drucksache eine Handreichung des Bundesinnenministeriums zur Erfassung LSBTIQ*-feindlicher Hasskriminalität im Kriminalpolizeilichen Meldedienst (KPMD-PMK) zur Verfügung. Die Fragesteller wollen wissen, ob und wie diese Handreichung konkret auf Übergriffe im Dating- und Cruising-Kontext eingeht und welche Erfolge bisher erzielt wurden.
Nationaler Aktionsplan und Anzeigebereitschaft
Die Anfrage greift auch die ausbleibende Fortführung des Nationalen Aktionsplans „Queer leben“ auf. Dieser enthielt laut Drucksache ein explizites Handlungsfeld „Sicherheit“; eine Arbeitsgruppe Gewaltschutz hatte unter anderem eine Bundes-Beschwerdestelle für polizeiliches Fehlverhalten und Meldestellen außerhalb der Polizei empfohlen. Die Fragesteller wollen wissen, welche Auswirkungen der Stopp des Aktionsplans auf den Schutz queerer Menschen beim Dating und Cruising hat. Ergänzend wird nach der Anzeigebereitschaft von Betroffenen gefragt: Warum wenden sich Opfer queerfeindlicher Übergriffe in diesem spezifischen Kontext häufig nicht an Strafverfolgungsbehörden? Auch Aufklärungsmaßnahmen, psychologische Betreuungsangebote und die Förderung von Projekten der Opferberatung stehen auf der Fragenliste.
Die Antwort der Bundesregierung auf die 29 Fragen steht noch aus.
Weiterlesen:
Unmittelbar betroffen sind schwule und queere Menschen, die Dating-Apps wie Grindr nutzen oder Cruising-Orte aufsuchen. Darüber hinaus richtet sich die Anfrage an Opfer queerfeindlicher Gewalt allgemein, die laut Drucksache häufig keine Anzeige erstatten. Mittelbar betroffen sind auch Betreiber queerer Einrichtungen wie Bars, Clubs und Saunen sowie Plattformanbieter, die auf gesetzliche Schutzpflichten angesprochen werden.
Die Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/8013) ist am 15. September 2026 beim Deutschen Bundestag eingegangen und wurde an das Bundeskanzleramt zugeleitet. Die Bundesregierung hat die Anfrage grundsätzlich innerhalb von 14 Tagen nach Zuleitung zu beantworten. Eine Antwort liegt bislang nicht vor.
- Cruising
- Bezeichnung für das Aufsuchen öffentlicher oder halböffentlicher Orte zum Zweck anonymer sexueller Kontakte, überwiegend unter schwulen Männern.
- KPMD-PMK
- Kriminalpolizeilicher Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität — ein bundesweites Erfassungssystem für politisch motivierte Straftaten, darunter auch Hasskriminalität.
- Digital Service Act (DSA)
- EU-Verordnung, die Pflichten für Online-Plattformen zur Bekämpfung illegaler Inhalte und zur Risikominimierung festlegt; Artikel 34 und 35 regeln Risikoanalyse und Abhilfemaßnahmen.
Was ist mit 'Fake-Dates' gemeint?
Täter erstellen laut Drucksache gefälschte Profile auf schwulen Dating-Apps wie Grindr, vereinbaren ein Treffen und überfallen das Opfer dann koordiniert.
Welche Szenen werden als mögliche Tätergruppen genannt?
Die Anfrage fragt nach Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen, islamistischen Netzwerken, der sogenannten 'Pedo-Hunter'-Szene sowie der 'Manosphere'.
Was ist der Nationale Aktionsplan 'Queer leben'?
Ein 2022 beschlossenes Regierungsprogramm zum Schutz queerer Menschen in Deutschland, das laut Fragesteller ein explizites Handlungsfeld 'Sicherheit' enthielt und dessen Fortführung aktuell aussteht.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8013 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.

































































