- Ärmere Bevölkerungsgruppen nutzen Fachärzte seltener als Wohlhabendere
- Gesetzlich Versicherte warten deutlich länger auf Arzttermine als Privatversicherte
- Sozial benachteiligte Stadtteile haben weniger Haus- und Kinderärzte vor Ort
Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Lage und Gesundheitsversorgung
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat eine Dokumentation vorgelegt, die den Zusammenhang zwischen der ökonomischen Situation von Menschen und ihrem Zugang zur Gesundheitsversorgung untersucht. Die Analyse trägt das Aktenzeichen WD 8 – 3000 – 044/26 und wurde im Juni 2026 abgeschlossen. Sie gibt einen strukturierten Überblick über einschlägige Studien und Publikationen zu diesem Thema.
Gesundheit und soziale Lage
Als Ausgangspunkt stellt die Dokumentation fest, dass die ökonomische Situation einer Person erheblichen Einfluss auf ihre Gesundheit hat. So ist die Lebenserwartung in sozioökonomisch benachteiligten Regionen für Frauen um 4,3 Jahre und für Männer um 7,2 Jahre geringer als in wohlhabenderen Regionen. Chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Depressionen treten in unteren Einkommensgruppen deutlich häufiger auf. Auch die vorzeitige Sterblichkeit vor dem 65. Lebensjahr ist in ärmeren Bevölkerungsschichten erhöht.
Ungleichheiten beim Zugang zur Versorgung
Die ausgewerteten Studien zeigen übereinstimmend, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status beim Zugang zur Gesundheitsversorgung benachteiligt sind. Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Zugang zu Fachärzten: Die Wahrscheinlichkeit, einen Facharzttermin wahrzunehmen, hängt stark vom sozioökonomischen Status ab. Zudem sind für gesetzlich Versicherte im Vergleich zu Privatversicherten deutlich längere Wartezeiten dokumentiert.
Eine Studie am Beispiel der Stadt Essen belegt räumliche Ungleichheiten: Im sozial benachteiligten Stadtteil Essen Nord war die Dichte an Hausärzten um etwa ein Viertel und die Dichte an Kinderärzten um fast die Hälfte geringer als im restlichen Stadtgebiet. Personen mit niedrigem Bildungsabschluss konsultieren häufiger Hausärzte, während privat Versicherte eher Fachärzte aufsuchen.
Unterversorgung in der Psychotherapie und Notfallmedizin
Trotz einer höheren Verbreitung psychischer Erkrankungen in sozial benachteiligten Schichten werden psychotherapeutische Angebote dort seltener in Anspruch genommen. Bildung erwies sich dabei als entscheidender Faktor für den Zugang zu Psychotherapie. In der Notfallmedizin zeigte eine Studie aus Jena, dass Patienten aus einkommensschwachen Wohngebieten den Rettungsdienst um 33 Prozent häufiger nutzen und ein höheres Risiko für psychiatrische sowie pulmonale Erstdiagnosen aufweisen.
Empfehlungen der Forschung
Mehrere der ausgewerteten Arbeiten empfehlen, benachteiligte Bevölkerungsgruppen gezielt zu identifizieren und durch lebensweltnahe Angebote sowie zielgruppenspezifische Präventionsmaßnahmen besser zu erreichen. Zudem wird gefordert, Zugangshürden wie Zuzahlungen, lange Wartezeiten und mangelnde Erreichbarkeit abzubauen. Die Dokumentation des Wissenschaftlichen Dienstes gibt keinen eigenen politischen Handlungsauftrag vor, sondern fasst den Forschungsstand im Auftrag eines Bundestagsmitglieds neutral zusammen.



































































