- WFP-Beiträge sanken von 1,734 Mrd. Euro (2022) auf 302 Mio. Euro (2026)
- 14 Millionen Kinder von Ernährungsunterbrechungen bedroht laut UNICEF
- GBA klagte 2025 erstmals Aushungern als Kriegsverbrechen an
Hintergrund
Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete 2018 die Resolution 2417, die den Einsatz von Hunger als Kriegswaffe als Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht ächtet. Weltweit leiden nach FAO- und WFP-Angaben zwischen 608 und 696 Millionen Menschen chronisch an Hunger; in 12 von 13 ausgemachten Hungerhotspots sind bewaffnete Konflikte ursächlich. Deutschland hat seine WFP-Beiträge seit 2022 drastisch reduziert, während der humanitäre Bedarf global gestiegen ist. Die Fraktion Die Linke stellte im September 2026 eine Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/8423), um Rechenschaft über die deutsche Politik zur Umsetzung der Resolution einzufordern.
- 1,734 Mrd. Euro (2022) — Höchster WFP-Beitrag Deutschlands im betrachteten Zeitraum.
- 302 Mio. Euro (2026) — Bisheriger Zwischenstand der deutschen WFP-Zahlungen; entspricht einem Rückgang um rund 83 Prozent gegenüber 2022.
- 14 Mio. Kinder — UNICEF-Prognose für von Ernährungsunterbrechungen betroffene Kinder infolge weltweiter Mittelkürzungen.
- 9 Mio. Menschen — WFP-Prognose für 2026: So viele Menschen weniger als geplant können bei anhaltend hohen Logistikkosten erreicht werden.
- 17–24 % — Anteil der weltweit exportierten Düngemittel, der die Straße von Hormus passiert; Blockade erhöht Lebensmittelpreise in Entwicklungsländern.
Im Detail
WFP berichtet u. a, dass bereits jetzt Millionen von Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen, nicht mehr versorgt werden können.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/8759, Antwort zu Frage 16
Deutschlands Beiträge an das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen sind innerhalb von vier Jahren von 1,734 Milliarden Euro (2022) auf einen bisherigen Zwischenstand von 302 Millionen Euro (2026) gesunken — ein Rückgang um mehr als 80 Prozent. Diese Zahlen veröffentlicht die Bundesregierung in ihrer Antwort (BT-Drs. 21/8759) vom 21. Oktober 2026 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke zur Umsetzung der UN-Sicherheitsratsresolution 2417 und zur Prävention von Hungerkrisen.
Die Resolution 2417, die der UN-Sicherheitsrat 2018 verabschiedete, ächtet den Einsatz von Hunger als Methode der Kriegsführung als Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht. Sie verpflichtet Staaten, Verstöße zu untersuchen und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Die Bundesregierung erklärt, sie unterstütze die in der Resolution genannten Forderungen und beteilige sich an diplomatischen Initiativen, etwa an der Hochrangigen Offenen Debatte des VN-Sicherheitsrats zu konfliktbedingter Ernährungsunsicherheit am 25. August 2026.
WFP-Mittel: Dramatischer Rückgang seit 2022
Die vollständige Entwicklung der deutschen WFP-Beiträge zeigt den Umfang der Kürzungen: 2023 zahlte Deutschland noch 1,201 Milliarden Euro, 2024 waren es 941 Millionen Euro, 2025 sanken die Beiträge auf 469 Millionen Euro. Die Bundesregierung begründet dies mit der notwendigen Haushaltskonsolidierung und verweist auf ihr Engagement für Effizienzsteigerungen im humanitären System. Das Auswärtige Amt setzt sich nach eigenen Angaben in den laufenden Haushaltsverhandlungen für eine Erhöhung der Mittel für 2027 ein.
Gleichzeitig räumt die Bundesregierung die Folgen ein: WFP berichtet laut Drucksache, dass bereits jetzt Millionen von Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen, nicht mehr versorgt werden können. Essensrationen wurden in vielen Ländern gekürzt oder gestrichen, Versorgungszentren für mangelernährte Frauen und Kinder mussten schließen. UNICEF prognostiziert, dass durch weltweite Mittelkürzungen mindestens 14 Millionen Kinder von Unterbrechungen bei der Ernährungsversorgung betroffen sein werden.
Strafjustiz: Erstmals Aushungern als Kriegsverbrechen angeklagt
Im Bereich der Strafverfolgung berichtet die Bundesregierung von einem konkreten Fortschritt: Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof (GBA) hat 2025 vor dem Oberlandesgericht Koblenz erstmals Anklage wegen des Kriegsverbrechens des Aushungerns erhoben. Das Verfahren richtet sich gegen fünf Beschuldigte im Zusammenhang mit der Abriegelung des Damaszener Stadtteils Yarmouk in den Jahren 2013 und 2014. Die Anklage stützt sich auf § 11 Absatz 1 Satz 1 Nummer 5 des Völkerstrafgesetzbuchs. Das Verfahren dauert noch an.
Globale Lieferketten unter Druck
Zur Lage der globalen Ernährungssicherheit erklärt die Bundesregierung, dass die Blockaden der Schifffahrt durch den Persischen Golf, das Schwarze Meer und das Rote Meer die humanitäre Lieferkette massiv belasten. Durch die Straße von Hormus passieren gewöhnlich 17 bis 24 Prozent der weltweit exportierten Düngemittel sowie rund 20 Prozent der globalen Rohölmengen. Störungen auf diesen Routen erhöhen Energie- und Lebensmittelpreise und treffen einkommensschwache Haushalte in Entwicklungsländern besonders hart. WFP prognostiziert, 2026 bei anhaltend hohen operativen Kosten bis zu 9 Millionen Menschen weniger erreichen zu können als geplant. Nach UNICEF-Schätzungen könnten zusätzlich 23 Millionen Kinder bis Jahresende unter die Armutsgrenze fallen.
Die Bundesregierung hat außerdem gemeinsam mit WFP, FAO, UNICEF und IFAD den „Berlin Process for Food Security in the Sahel“ initiiert, um lokale Agrar- und Ernährungssysteme gegenüber globalen Schocks zu stärken. Im Haushaltsentwurf 2027 sind für den Titel „Globale Transformation von Ernährungssystemen“ zusätzliche Verpflichtungsermächtigungen von 30 Millionen Euro vorgesehen, um langfristige internationale Prozesse zu begleiten. Bei den humanitären Mitteln insgesamt plant der Haushaltsentwurf 2027 einen Betrag von 1,05 Milliarden Euro — ob dieser ausreicht, lässt die Bundesregierung offen. Mehr zu den finanziellen Rahmenbedingungen der deutschen Entwicklungspolitik lesen Sie auch im Bericht zur JETP-Initiative für den Senegal.
Zu den strukturellen Ursachen von Hungerkrisen nennt die Drucksache komplexe Lieferketten, Marktkonzentration bei Agrarkonzernen und die Klimakrise als wesentliche Faktoren. Auf dem nächsten Globalen Forum für Ernährung und Landwirtschaft (GFFA) im Januar 2027 will die Bundesregierung unter dem Titel „Resiliente Agrarwirtschaft vom Feld bis zum Weltmarkt“ weitere Maßnahmen koordinieren. Hintergründe zu aktuellen humanitären Finanzierungsfragen finden sich auch im Artikel zum EU-Klimasozialfonds.
Weiterlesen:
- Pflegereform PNOG: 600 Mio. Euro Mehrkosten für Kommunen
- Bundestag 01.11.2026: Die wichtigsten Drucksachen
Unmittelbar betroffen sind Millionen hungernde Menschen in Konfliktgebieten wie Sudan, Gaza, Jemen, Südsudan und Afghanistan, die auf Leistungen des WFP angewiesen sind. Nach UNICEF-Prognosen könnten mindestens 14 Millionen Kinder durch globale Mittelkürzungen von Unterbrechungen bei der Ernährungsversorgung betroffen sein. Mittelbar betroffen sind auch Entwicklungsländer, die auf stabile Handelsrouten durch die Straße von Hormus für Düngemittelimporte angewiesen sind.
Die Bundesregierung beantwortet die meisten Fragen, weicht jedoch bei konkreten diplomatischen Einzelfällen aus: Zu Inhalten vertraulicher Gespräche äußert sie sich grundsätzlich nicht. Bei Frage 3 (Sudan, Gaza, Jemen, Südsudan) verweist sie lediglich auf den VN-Jahresbericht, ohne eigene rechtliche Bewertung vorzunehmen.
Die Anfrage ist mit der Antwort des Auswärtigen Amts vom 21. Oktober 2026 abgeschlossen. Das Auswärtige Amt hat angekündigt, sich in den Haushaltsverhandlungen für das Jahr 2027 für eine Erhöhung der humanitären Mittel einzusetzen; eine Entscheidung des Bundestages über den Haushalt 2027 steht noch aus.
- UN-Sicherheitsratsresolution 2417
- 2018 verabschiedete Resolution, die den Einsatz von Hunger als Methode der Kriegsführung als Verletzung des humanitären Völkerrechts ächt und Staaten zur Aufklärung verpflichtet.
- IPC/CH (Integrated Phase Classification)
- Internationales Klassifikationssystem, das die Schwere von Hunger- und Ernährungskrisen in fünf Phasen einteilt und als Grundlage für humanitäre Hilfsplanung dient.
- Völkerstrafgesetzbuch (VStGB)
- Deutsches Gesetz, das Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen unter Strafe stellt — auch wenn die Tat im Ausland begangen wurde.
Wie viel zahlt Deutschland 2026 an das WFP?
Laut Drucksache 21/8759 hat die Bundesregierung dem WFP 2026 bislang 302 Millionen Euro bereitgestellt; dieser Wert bildet einen Zwischenstand ab.
Was ist UN-Sicherheitsratsresolution 2417?
Die Resolution von 2018 ächtet den Einsatz von Hunger als Methode der Kriegsführung als Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht und verpflichtet Staaten zur Aufklärung von Verstößen.
Hat Deutschland jemals Aushungern strafrechtlich verfolgt?
Ja. Der Generalbundesanwalt hat 2025 vor dem OLG Koblenz zwei Fälle des Kriegsverbrechens des Aushungerns im Zusammenhang mit der Abriegelung des Damaszener Stadtteils Yarmouk angeklagt.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8759 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































