- Bis zu 1.860 Stellen bei BioNTech-Werksschließungen gefährdet
- Bund hält nach CureVac-Aktientausch nur noch 0,6 Prozent an BioNTech
- Keine Gespräche mit Investor Moderna über BioNTech-Werke geführt
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7662 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Deutschland zählte 2024 laut Branchendaten 1.020 Biotechnologieunternehmen mit rund 56.000 Beschäftigten und einem Branchenumsatz von etwa 11 Mrd. Euro. BioNTech hatte im Jahr 2025 das Unternehmen CureVac vollständig übernommen, an dem der Bund zuvor mit 13,3 Prozent beteiligt war. Im Gegenzug erhielt der Bund BioNTech-Aktien im Wert eines 0,6-Prozent-Anteils. Zeitgleich wurden Pläne bekannt, wonach BioNTech mehrere Produktionsstandorte in Deutschland und im Ausland schließen und bis zu 1.860 Stellen abbauen will. Der US-Konzern Moderna prüft nach Medienberichten den Kauf von BioNTech-Werken.
- 1.020 Unternehmen / 56.000 Beschäftigte — Größe der deutschen Biotechnologiebranche im Jahr 2024
- 11 Mrd. Euro Umsatz / 4,6 Mrd. Euro F&E-Ausgaben — Branchenkennzahlen der deutschen Biotechnologie 2024
- Bis zu 1.860 Stellen — Arbeitsplätze, die durch geplante BioNTech-Standortschließungen gefährdet sind
- 0,6 Prozent — Bundesbeteiligung an BioNTech nach Aktientausch (zuvor 13,3 Prozent an CureVac)
- Über 100 Mio. Euro bis 2032 — geplante Förderung durch GO-Bio next für Ausgründungen aus der Wissenschaft
Im Detail
BioNTech hat im Jahr 2025 CureVac vollständig übernommen, der Bund hat nach Verhandlungen mit BioNTech einem Aktientausch von CureVac-Aktien gegen BioNTech-Aktien zugestimmt und ist nunmehr mit 0,6 Prozent an BioNTech beteiligt (anstelle von zuvor 13,3 Prozent an CureVac).
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7662, S. 3
BioNTech, das Mainzer Biotechnologieunternehmen, das während der COVID-19-Pandemie mit seinem mRNA-Impfstoff Bekanntheit erlangte, plant die Schließung mehrerer Produktionsstandorte in Deutschland und im Ausland. Nach Medienberichten könnten bis zu 1.860 Stellen wegfallen. Die Bundesregierung hat am 19. August 2026 in BT-Drs. 21/7662 auf 29 Fragen der Grünen-Fraktion zu diesem Thema geantwortet — und dabei deutlich gemacht, dass ihre Einflussmöglichkeiten auf das Unternehmen stark begrenzt sind.
Bundesbeteiligung nach CureVac-Übernahme drastisch gesunken
Der Schlüsselbefund der Drucksache betrifft die Beteiligungsstruktur: BioNTech hat im Jahr 2025 das Biotechnologieunternehmen CureVac vollständig übernommen. Der Bund war zuvor mit 13,3 Prozent an CureVac beteiligt. Nach Verhandlungen stimmte die Bundesregierung einem Aktientausch zu und hält seither 0,6 Prozent an BioNTech. Diese Beteiligung reicht laut Regierungsantwort weder für ein Aufsichtsratsmandat noch für sonstige Einflussmöglichkeiten über die allgemeinen Aktionärsrechte hinaus. De facto hat der Bund damit seine strategische Steuerungsfähigkeit gegenüber dem Unternehmen aufgegeben.
Auf die Frage, ob Gespräche mit potenziellen Käufern für die BioNTech-Werke — insbesondere dem US-Konzern Moderna — geführt wurden, antwortet die Bundesregierung knapp: „Es sind keine dementsprechenden Gespräche bekannt.“ Aktive Bemühungen, die Standorte zu erhalten oder Alternativinvestoren zu gewinnen, sind der Drucksache nicht zu entnehmen.
BioNTech-Standortschließungen: Folgen schwer abschätzbar
Die wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Folgen der geplanten Umstrukturierungen bewertet die Bundesregierung als derzeit schwer abschätzbar. Mögliche Auswirkungen seien Arbeitsplatzverluste, eine Schwächung regionaler Innovationsökosysteme sowie Veränderungen bei Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskapazitäten. Besondere Sorgen bestehen laut Drucksache hinsichtlich strategisch relevanter Kompetenzen in den Bereichen mRNA, Onkologie, Impfstoffentwicklung und biopharmazeutische Produktion — auch hier räumt die Regierung ein, dass gesicherte Erkenntnisse über den tatsächlichen Kompetenzverlust nicht vorliegen.
Für die Impfstoffversorgung sieht die Bundesregierung keine unmittelbare Gefahr: In der EU sind mehrere COVID-19-Impfstoffe verschiedener Hersteller zugelassen. Neben BioNTech bestehen Pandemiebereitschaftsverträge mit zwei weiteren Firmen. Über die europäische Initiative EU-FAB sind zudem Produktionskapazitäten für insgesamt 325 Millionen Impfstoffdosen für den Pandemiefall reserviert. Sollte BioNTech seine vertraglichen Verpflichtungen infolge von Standortschließungen nicht mehr erfüllen können, wären laut Regierung vertragsrechtliche Konsequenzen zu prüfen.
Biotechnologie-Strategie: 100 Mio. Euro für GO-Bio next
Die Bundesregierung beschreibt in BT-Drs. 21/7662 ein breites Maßnahmenpaket zur Stärkung des Biotechnologiestandorts Deutschland. Zentrales Instrument ist das Förderprogramm GO-Bio next, für das bis 2032 über 100 Mio. Euro vorgesehen sind. Daneben fördert der Bund mit bis zu 100 Mio. Euro den Aufbau des Berlin Center for Gene and Cell Therapies. Im Rahmen des Deutschlandfonds will die KfW Capital bis 2029 insgesamt 400 Mio. Euro (Programm WIN 400) in Venture-Capital-Fonds investieren, die ihrerseits auch Biotechnologieunternehmen finanzieren können.
Zugleich zeigt die Antwort strukturelle Grenzen auf: Bei mehreren Fragen zu Branchendaten — etwa zur Entwicklung von Umsatz und Beschäftigung nach Bundesländern oder zu Absolventenzahlen in biotech-relevanten Studiengängen — verweist die Bundesregierung auf fehlende eigene Statistiken. Diese Datenlücken erschweren eine fundierte Lagebeurteilung.
Eine Pharma- und Medizintechnikstrategie, die konkrete Maßnahmen zur Stärkung des Standorts bündeln soll, plant die Bundesregierung noch im Herbst 2026 im Kabinett zu beschließen. Auf europäischer Ebene begrüßt die Bundesregierung den EU Biotech Act I, den die Europäische Kommission am 16. Dezember 2025 vorgelegt hat; ein EU Biotech Act II für die industrielle Biotechnologie soll voraussichtlich im vierten Quartal 2026 folgen.
Branchentrend: Mehrere Pharmakonzerne drosseln Investitionen
Der BioNTech-Fall steht laut Drucksache nicht isoliert. Die Bundesregierung räumt ein, dass auch andere Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim und Eli Lilly Investitionen in Deutschland zurückfahren. Sollten sich Standortschließungen und Investitionszurückhaltung mehrerer Unternehmen verfestigen, könnten diese die Attraktivität des Standorts, die Forschungskapazitäten und die internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Die Biotechnologiebranche umfasste 2024 in Deutschland 1.020 Unternehmen mit rund 56.000 Beschäftigten und einem Branchenumsatz von etwa 11 Mrd. Euro — ein Sektor, dessen Zukunft nach den jüngsten Entwicklungen zunehmend diskutiert wird.
Weiterlesen:
- Arbeitssicherheit Stromerzeugung: BG ETEM-Daten 2021–2025
- FGM/C in Deutschland: 123.000 Betroffene, 35 offene Fragen
Direkt betroffen sind bis zu 1.860 Beschäftigte an BioNTech-Standorten in Deutschland, insbesondere am Produktionsstandort Marburg. Mittelbar betroffen sind regionale Innovationsökosysteme, Zulieferer sowie die Pharmaindustrie insgesamt, die laut Regierungsantwort ebenfalls unter Investitionszurückhaltung leidet — etwa bei Boehringer Ingelheim und Eli Lilly.
Die Bundesregierung hat mehrere Fragen nur eingeschränkt beantwortet: Bei Frage 1 verweist sie auf fehlende Dokumentationspflichten für Gespräche; bei Fragen 13, 14 und 25 erklärt sie, keine eigene einheitliche Statistik zu erheben. Frage 2 zu Gesprächen mit Moderna beantwortet sie mit dem Hinweis, dass keine solchen Gespräche bekannt seien.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. BioNTech-Stellenabbau: 29 Fragen zur Biotechnologie-Strategie →
- Pandemiebereitschaftsvertrag (PBV)
- Vertragliche Vereinbarung zwischen Staat und Pharmaunternehmen, die im Pandemiefall die Bereitstellung von Impfstoffproduktionskapazitäten sicherstellt.
- mRNA (Messenger-Ribonukleinsäure)
- Botenmolekül, das genetische Informationen aus dem Zellkern transportiert; Grundlage der BioNTech/Pfizer-Impfstoffe gegen COVID-19 und aktueller Forschungsansatz für Krebstherapien.
- Technologietransfer
- Prozess der Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen in marktfähige Produkte und Unternehmensanwendungen.
Wie viele Stellen sind bei BioNTech gefährdet?
Laut Drucksache 21/7662 könnten durch geplante Standortschließungen in Deutschland und im Ausland bis zu 1.860 Stellen betroffen sein.
Wie groß ist die Beteiligung des Bundes an BioNTech?
Nach dem Aktientausch im Zuge der CureVac-Übernahme hält der Bund 0,6 Prozent an BioNTech — zuvor waren es 13,3 Prozent an CureVac. Ein Aufsichtsratsmandat besteht damit nicht.
Plant die Bundesregierung Gespräche mit Moderna über BioNTech-Werke?
Nein. Laut Regierungsantwort sind der Bundesregierung bislang keine Gespräche mit Moderna oder anderen potenziellen Investoren über BioNTech-Standorte bekannt.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7662 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
































































