- 1,4 Mrd. Aktenseiten lagern physisch — erst 11,5 Mio. davon digitalisiert
- Archivzentrum Berlin-Lichtenberg kostet laut Studie rund 700 Mio. Euro
- Nutzungszahlen stabil bei rund 41.000 Eingängen pro Jahr
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6550 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Der Deutsche Bundestag beschloss in der 18. Legislaturperiode auf Empfehlung einer Expertenkommission, die Stasi-Unterlagen als Archivgut von nationaler Bedeutung in das Bundesarchiv zu überführen. Am 17. Juni 2021 wurden die Bestände des ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in das Bundesarchiv (BArch) integriert und der BStU aufgelöst. Zugleich wurde die SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag mit eigenständiger gesetzlicher Grundlage eingeführt. § 48 des Stasi-Unterlagen-Gesetzes verpflichtet die für Kultur und Medien zuständige Bundesbehörde, dem Bundestag nach fünf Jahren einen Evaluierungsbericht vorzulegen — dieser Pflicht kommt die vorliegende Drucksache 21/6550 nach.
- 1,4 Mrd. Aktenseiten — liegen physisch in den Regalen des Stasi-Unterlagen-Archivs
- 11,5 Mio. Seiten — wurden bis Ende 2025 systematisch digitalisiert (entspricht ca. 0,8 Prozent des Bestands)
- ca. 41.000 Eingänge pro Jahr — stabile Nutzungszahlen seit 2021; für 2026 zeichnet sich ein Anstieg ab
- rund 700 Mio. Euro — geschätzte Baukosten für das geplante Archivzentrum DDR-Geschichte in Berlin-Lichtenberg
- 1,74 Mio. Blatt — aus rund 600 Behältnissen manuell rekonstruiert; ca. 15.400 Behältnisse noch unbearbeitet
Im Detail
Die weit überwiegend friktionslose Übernahme der Verantwortung für die Stasi-Unterlagen durch das BArch seit dem 17. Juni 2021 kann angesichts der Unterschiedlichkeiten der gesetzlichen Aufträge und der jeweiligen Aktenbestände als gelungen bewertet werden.
— Abschnitt 3 — Bewertung und Empfehlungen, BT-Drs. 21/6550
Fünf Jahre nach der Überführung der Stasi-Unterlagen in das Bundesarchiv legt die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag Bilanz vor. Die am 17. Juni 2026 als BT-Drs. 21/6550 zugegangene Unterrichtung zeigt: Die organisatorische Integration ist weitgehend abgeschlossen, doch bei Digitalisierung, Rekonstruktion zerrissener Akten und baulicher Unterbringung fehlen weiterhin Haushaltsmittel.
Stasi-Unterlagen-Archiv: Was gilt aktuell?
Seit dem 17. Juni 2021 verwaltet das Bundesarchiv (BArch) die gesamten Bestände des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU), der die Akten von 1991 bis 2021 verwahrt hatte, wurde aufgelöst. Die neue SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag übernimmt seitdem die unmittelbare Opfervertretung. Gesetzliche Grundlage bleibt das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG), das sich strukturell grundlegend vom allgemeinen Bundesarchivgesetz unterscheidet: Statt langer Schutzfristen ermöglicht das StUG den Aktenzugang zu Lebzeiten der Betroffenen — im öffentlichen Interesse der Aufarbeitung.
Digitalisierung: Enormer Bestand, langsames Tempo
Der physische Aktenbestand des Stasi-Unterlagen-Archivs umfasst rund 112,5 Kilometer Schriftgut — das entspricht rund 1,4 Milliarden Aktenseiten. Bis Ende 2025 wurden davon lediglich 11,5 Millionen Seiten systematisch digitalisiert. Das jährliche Digitalisierungstempo liegt bei etwa 6 Millionen Seiten, was 0,5 Prozent des Gesamtbestands entspricht. Bis 2035 soll immerhin rund ein Viertel der sogenannten Kernüberlieferung digital vorliegen — jener zehn Prozent des Gesamtbestands, die zentrale Überwachungsdokumente und die Sachablage des Ministers enthalten.
Parallel schreitet die Digitalisierung der Karteien voran: Die Personenklarnamenkartei mit rund 5,5 Millionen Karteikarten wurde Ende 2025 vollständig gescannt. Ein KI-Projekt soll die maschinelle Auswertung dieser Karten ermöglichen und noch 2026 in den Wirkbetrieb gehen. Im Pilotverfahren lag die fehlerfreie Trefferquote bei rund 50 Prozent — die übrigen Datensätze müssen manuell nachgearbeitet werden.
Rekonstruktion zerrissener Unterlagen: Pilotprojekt ohne Finanzierung
Rund 16.000 Behältnisse mit zerrissenen MfS-Unterlagen hatte der BStU 1990 übernommen. Bis Januar 2026 konnten aus etwa 600 Behältnissen rund 1,74 Millionen Blatt manuell wiederhergestellt werden. Für eine virtuelle Rekonstruktion fehlt bislang die technische und finanzielle Grundlage: Ein 2007 gestartetes Pilotprojekt wurde 2023 beendet, weil kein Anbieter eine marktreife Lösung vorlegen konnte. Schätzungen zufolge könnten Entwicklungs- und Nutzungskosten für ein solches Verfahren einen zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag erreichen. Das BArch schlägt ein begrenztes Pilotprojekt im Umfang von zunächst 3 Millionen Euro vor — Haushaltsmittel dafür stehen derzeit nicht zur Verfügung. Noch rund 15.400 Behältnisse harren der Bearbeitung.
Bauplanung: 700 Millionen Euro für Berlin-Lichtenberg
Der Masterplan „Bundesarchiv 2035“ sieht vor, die DDR-Unterlagen in einem Archivzentrum am Berliner Standort Berlin-Lichtenberg — dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale — zusammenzuführen. Eine Machbarkeitsstudie von März 2025 schätzt die Baukosten auf rund 700 Millionen Euro brutto. Hinzu kommen fünf Archivstandorte in den ostdeutschen Ländern (Erfurt, Frankfurt/Oder, Halle/Saale, Leipzig, Rostock) mit prognostizierten Mietkosten von insgesamt mehr als 12 Millionen Euro jährlich sowie acht Außenstellen ohne eigenes Archiv. Die Bebauungsplanung für das Lichtenberger Gelände soll das Land Berlin erst 2028 oder 2029 abschließen. Haushaltsmittel für die Baumaßnahmen fehlen bislang.
Positive Bilanz trotz offener Fragen
Den Kern des Evaluierungsberichts bildet eine überwiegend positive Bewertung der Transformation. Die organisatorische Integration der mehr als 2.100 Beschäftigten an 23 Standorten in eine einheitliche Verwaltungsstruktur ist abgeschlossen. Die Nutzungszahlen blieben seit 2021 stabil bei durchschnittlich rund 41.000 Eingängen pro Jahr — für 2026 zeichnet sich wegen novellierter Unrechtsbereinigungsgesetze ein deutlicher Anstieg ab. Die Wanderausstellung „Alles wissen wollen“ hat seit ihrer Eröffnung im Frühjahr 2024 im Deutschen Bundestag an 15 Orten Station gemacht. Das Campus-Kino in der ehemaligen Stasi-Zentrale verzeichnete 2025 rund 10.700 Besucher — mehr als dreimal so viele wie 2020.
Das Beratungsgremium nach § 39 StUG, das den Transformationsprozess begleitet hat, läuft bis Juni 2027. Eine Verlängerung hält der Bericht angesichts des erreichten Stands nicht mehr für erforderlich. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz soll noch in der laufenden Legislaturperiode in den §§ 32, 39 und 48 geändert werden.
Mehr zur politischen Aufarbeitung staatlicher Überwachung und zur Sicherheitslage in Deutschland ist in weiteren Beiträgen nachzulesen, etwa zum Thema Spionage und Sabotage: 25 Fragen zur Bedrohungslage in Deutschland. Aktuelle parlamentarische Vorgänge finden sich in der Übersicht Bundestag 14.07.2026: Die wichtigsten Drucksachen.
Weiterlesen:
- Spionage und Sabotage: 25 Fragen zur Bedrohungslage in Deutschland
- Demokratie leben!: Umbau des Bundesprogramms ab 2027
- Bundestag 14.07.2026: Die wichtigsten Drucksachen
Betroffen sind vor allem frühere Stasi-Opfer und deren Angehörige, die Akteneinsicht beantragen. Darüber hinaus betrifft die Archivstruktur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu DDR-Geschichte forschen, sowie Bildungseinrichtungen, Gedenkstätten und internationale Delegationen aus Ländern mit eigenen Diktaturerfahrungen, die das Stasi-Unterlagen-Archiv als Modell für Aufarbeitungsprozesse nutzen.
Die Drucksache ist ein Informationsdokument ohne unmittelbaren Beschlusszwang. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz soll laut Bericht noch in der laufenden Legislaturperiode in den §§ 32, 39 und 48 geändert werden. Zudem stehen haushalterische Entscheidungen über Mittelausstattung für Digitalisierung, virtuelle Rekonstruktion und Baumaßnahmen aus. Die Bebauungsplanung für das Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg soll durch das Land Berlin 2028 oder 2029 abgeschlossen werden.
- BStU
- Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR — die 1991 gegründete Behörde, die die Stasi-Akten bis 2021 verwaltete und dann aufgelöst wurde.
- StUG
- Stasi-Unterlagen-Gesetz: regelt Sicherung, Aufbewahrung, Zugang und Nutzung der Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes; zuletzt im Dezember 2022 novelliert.
- Kernüberlieferung
- Etwa 10 Prozent der Stasi-Unterlagen, die zentrale Überlieferungen wie die Sachablage des Ministers oder ausgewählte Überwachungsdokumente umfassen und vorrangig digitalisiert werden sollen.
Wie viele Stasi-Unterlagen wurden bisher digitalisiert?
Bis Ende 2025 wurden 11,5 Mio. Seiten systematisch digitalisiert. Der Gesamtbestand umfasst rund 1,4 Mrd. physische Aktenseiten — jährlich kommen etwa 6 Mio. Seiten (0,5 Prozent) hinzu.
Was kostet das geplante Archivzentrum in Berlin-Lichtenberg?
Laut einer Machbarkeitsstudie von März 2025 beläuft sich die Kostenschätzung auf rund 700 Mio. Euro brutto. Die Refinanzierung soll über eine Miete erfolgen, deren Höhe noch nicht feststeht.
Wird das Beratungsgremium nach § 39 StUG verlängert?
Nein. Laut Bericht erscheint eine Verlängerung der Amtszeit des Gremiums über Juni 2027 hinaus nicht mehr erforderlich. Das StUG soll entsprechend geändert werden.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6550 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
































































