- Rund 20 Prozent der EU-Bürger leiden an psychischen Erkrankungen
- Fast zwei Drittel der Betroffenen in der EU haben unzureichenden Zugang zur Versorgung
- Gatekeeping-Systeme und Kostenbeteiligungen variieren stark zwischen den Ländern
Psychische Gesundheitsversorgung im Ländervergleich
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat in einer Analyse vom Juli 2026 untersucht, wie der Zugang zur psychischen Gesundheitsversorgung in Belgien, Finnland, Frankreich, den Niederlanden und Österreich organisiert ist. Ausgangspunkt ist der Befund einer aktuellen OECD-Studie, wonach rund 20 Prozent der Menschen in OECD- und EU-Ländern an psychischen Erkrankungen leiden – besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Schätzungsweise zwei Drittel der Behandlungsbedürftigen in der EU haben demnach keinen ausreichenden Zugang zur Versorgung.
Unterschiedliche Systemlogiken
Die Analyse zeigt, dass die untersuchten Länder sehr unterschiedliche Wege gehen. In Finnland und Frankreich fungieren Hausärzte als sogenannte Gatekeeper: Wer spezialisierte psychische Versorgung in Anspruch nehmen will, benötigt in der Regel eine Überweisung. In Frankreich wurden psychotherapeutische Leistungen erst 2022 in den Leistungskatalog der Krankenversicherung aufgenommen – mit einer Erstattung von 60 Prozent und maximal zwölf Sitzungen pro Jahr. In Österreich hingegen können ambulante psychotherapeutische Leistungen grundsätzlich ohne Überweisung in Anspruch genommen werden, allerdings ist für eine Kostenübernahme eine ärztliche Bestätigung der Erkrankung erforderlich.
Belgien setzt auf regionalisierte Versorgungsnetzwerke für psychische Gesundheit, die das sogenannte Erste-Linie-Psychologie-System umfassen. Leichte bis mittelschwere Beschwerden können dort ohne Umweg über den Hausarzt behandelt werden. Für Personen bis 23 Jahre ist ein Teil der Leistungen kostenfrei. Die Niederlande haben ein dreistufiges System eingeführt, das Grundversorgung und spezialisierte Behandlung klar trennt. Dieses Modell soll laut einer ausgewerteten Studie zu deutlichen Kosteneinsparungen geführt haben.
Therapieformen und Ausbildung
In allen fünf Ländern ist das Angebot an Therapieformen breit: Kognitive Verhaltenstherapie, systemische Therapie und tiefenpsychologische Ansätze sind weit verbreitet. Die Psychoanalyse wird in den Niederlanden aufgrund mangelnder Evidenz nicht mehr erstattet, in Frankreich hingegen ist sie nach wie vor verbreitet. Die Ausbildungsanforderungen für Psychologen und Psychotherapeuten unterscheiden sich erheblich: In allen Ländern ist ein Masterabschluss Voraussetzung, hinzu kommen unterschiedlich lange Praxisphasen und Weiterbildungen. In Österreich wurde die Psychotherapieausbildung zum Januar 2025 grundlegend reformiert.
Einordnung
Die Analyse des Wissenschaftlichen Dienstes gibt einen strukturierten Überblick, erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie wurde als Auftragsarbeit für ein Mitglied des Deutschen Bundestages erstellt und gibt nicht die offizielle Auffassung des Bundestages wieder.



































































