- Fast 5 Millionen Geflügeltiere seit 2020 wegen HPAI getötet
- 84,4 Millionen Euro Bekämpfungskosten 2020–2023 beantragt
- Nationale Impfstrategie gegen Vogelgrippe ohne Zeitplan
Hintergrund
Die Hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI) vom Subtyp H5 zirkuliert seit mehreren Jahren kontinuierlich in europäischen Wildvogelpopulationen und führt zu wiederkehrenden Ausbrüchen in Geflügelhaltungen. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) stufte das Risiko im Dezember 2025 weiterhin als hoch ein. Die Saison 2025/2026 war durch besonders hohe Nachweise bei Kranichen in mehreren Bundesländern geprägt. In der EU ist seit April 2021 mit dem Animal Health Law ein einheitlicher Rechtsrahmen für die Tierseuchenbekämpfung einschließlich Impfungen in Kraft; die Delegierte Verordnung 2023/361 konkretisiert die Impfvoraussetzungen. Frankreich impft seit Oktober 2023 präventiv gegen HPAI und liefert damit praktische Erfahrungswerte für Deutschland.
- 4.919.963 Tiere — Für diese Anzahl wurden zwischen 2020 und 2023 Entschädigungen nach Geflügelpest-Ausbrüchen beantragt.
- 84.440.081,95 Euro — So hoch waren die für EU-Kofinanzierung beantragten Bekämpfungskosten 2020–2023 (Entschädigung, Keulung, Reinigung, Transport).
- 110 Euro pro Stück — Seit dem 10. März 2026 gilt dieser neue Entschädigungshöchstsatz, angehoben von zuvor 50 Euro pro Tier.
- 5 DIVA-fähige Impfstoffe — Derzeit in der EU für Hühner, Puten und Enten zugelassen; für viele Geflügelarten wie Gänse oder Wachteln fehlen Zulassungen.
- rund 210.000 Euro — Bundeshaushaltsmittel für HPAI-Impfstoffforschung am FLI seit Januar 2023.
Im Detail
Ein konkretes Datum, bis wann die Arbeiten abgeschlossen sein werden, kann seitens der Bundesregierung aufgrund der Komplexität der Thematik derzeit nicht genannt werden.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/8773, Frage 14
Seit 2020 hat die Hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI) in Deutschland Schäden in erheblichem Ausmaß verursacht: Für die Jahre 2020 bis 2023 wurden Entschädigungen für insgesamt 4.919.963 getötete Tiere beantragt, die beantragten Bekämpfungskosten summierten sich auf über 84,4 Millionen Euro. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der AfD-Fraktion hervor, die am 22. Oktober 2026 als BT-Drs. 21/8773 veröffentlicht wurde.
Die Ausbruchszahlen zeigen deutliche Schwankungen: 2021 war mit 2.178.683 entschädigten Tieren und beantragten Kosten von 35,6 Millionen Euro das bislang schlimmste Jahr. In der Saison 2025 allein verzeichnete Niedersachsen 84 Ausbrüche bei Geflügel — mehr als jedes andere Bundesland. Schleswig-Holstein meldete 2025 mit 352 Wildvogelfällen bundesweit den zweithöchsten Wert. Für die Jahre ab 2024 liegen dem Bund noch keine vollständigen Angaben vor, da die Antragsverfahren noch laufen.
Was gilt aktuell beim HPAI-Impfstoff?
In der EU sind derzeit fünf DIVA-fähige HPAI-Impfstoffe für Hühner, Puten und Enten zugelassen. DIVA steht für „Differentiating Infected from Vaccinated Animals“ — also die Fähigkeit, geimpfte von infizierten Tieren zu unterscheiden. Laut Bundesregierung zeigen diese Impfstoffe guten klinischen Schutz, sind aber hinsichtlich des Schutzes vor Infektion und Übertragung noch optimierbar. Für zahlreiche Geflügelarten wie Gänse, Wachteln oder Fasane gibt es keine zugelassenen Impfstoffe, weil die Pharmaunternehmen keine Zulassung beantragt haben.
Eine nationale Impfstrategie existiert noch nicht. Seit 2023 erarbeitet eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe der Taskforce Tierseuchenbekämpfung unter Leitung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) Handlungsempfehlungen. Ein konkretes Abschlussdatum nennt die Bundesregierung nicht — aufgrund der „Komplexität der Thematik“. Parallel bereitet das BMLEH einen Rechtsentwurf vor, der die nach EU-Recht erforderliche Genehmigung für den Impfstoffeinsatz schaffen soll.
Handelsfrage bremst Vogelgrippe-Impfung
Ein zentrales Hindernis für eine Impfung sind Exportrisiken. Deutschland kann laut Bundesregierung aus den Erfahrungen Frankreichs lernen, das seit Oktober 2023 präventiv impft: Japan lässt derzeit aufgrund der Impfung bei Enten keine Geflügelprodukte aus Frankreich ein. USA, Kanada, Thailand und Taiwan akzeptieren nur hitzebehandelte Produkte oder solche von nicht geimpftem Geflügel. Um in Verhandlungen mit Drittstaaten zu gehen, sind bundesweit abgestimmte Impf- und Überwachungskonzepte Voraussetzung. Das FLI hat unterdessen Transmissionsstudien mit drei Impfstoffen bei Gänsen abgeschlossen; die Ergebnisse befinden sich laut Drucksache in Prüfung zur Publikation.
Für den Bereich Lebensmittelsicherheit sieht die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf: Für alle zugelassenen Impfstoffe wurde im Zulassungsverfahren eine Wartezeit von null Tagen festgelegt — Fleisch und Eier geimpfter Tiere gelten damit als unbedenklich. Besondere Kennzeichnungspflichten plant die Bundesregierung nicht.
Tierschutzkonflikte durch Aufstallungsanordnungen
Länger andauernde Aufstallungsanordnungen stellen vor allem Freiland- und Ökobetriebe vor Probleme. Auf die Frage, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Aufstallungen über vier, acht oder zwölf Wochen auf Tiergesundheit und Tierwohl vorliegen, antwortet die Bundesregierung knapp: „Der Bundesregierung liegen keine dahingehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse vor.“ Messbare Erfolgskriterien für Aufstallungsmaßnahmen, Bestandstötungen oder Impfungen hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben ebenfalls nicht festgelegt — der Vollzug obliege den Ländern.
Die Entschädigung für Geflügelhalter wurde zuletzt verbessert: Mit dem am 10. März 2026 in Kraft getretenen Gesetz zur Änderung des Tiergesundheitsgesetzes stieg der Entschädigungshöchstsatz von 50 auf 110 Euro pro Stück Geflügel. Für die HPAI-Impfstoffforschung am FLI wurden seit Januar 2023 rund 210.000 Euro aus dem Bundeshaushalt eingesetzt. Verträge mit Impfstoffherstellern hat die Bundesregierung bisher nicht abgeschlossen.
Betroffen sind in erster Linie Geflügelhalter in Deutschland, insbesondere in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, wo die meisten Ausbrüche verzeichnet wurden. Freiland- und Ökobetriebe sind durch Aufstallungsanordnungen wirtschaftlich und kennzeichnungsrechtlich besonders belastet. Verbraucher sind mittelbar durch mögliche Preissteigerungen bei Geflügelfleisch und Eiern betroffen.
Bei mehreren Fragen zum Eintragsweg (Fragen 3 und 4) sowie zu Impfkosten (Frage 21) verweist die Bundesregierung auf Länderzuständigkeiten oder erklärt, keine Informationen zu haben. Fragen zu messbaren Erfolgskriterien (Frage 30) beantwortet sie mit dem Hinweis, dass solche Kriterien nicht festgelegt wurden.
Die Anfrage ist durch die Antwort des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat vom 22. Oktober 2026 abgeschlossen. Parlamentarisch steht die Erarbeitung der nationalen Impfstrategie weiterhin aus: Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe der Taskforce Tierseuchenbekämpfung setzt ihre Arbeit ohne festgelegten Abschlusstermin fort. Das BMLEH bereitet parallel einen Rechtsentwurf für den Einsatz von HPAI-Impfstoffen vor, der mit Ländern und Verbänden abgestimmt werden muss.
- HPAI
- Hochpathogene Aviäre Influenza, umgangssprachlich Vogelgrippe oder Geflügelpest. Bezeichnet besonders krankmachende Varianten des Vogelgrippevirus, die hohe Sterblichkeit in Geflügelbeständen verursachen.
- DIVA-Impfstoff
- Impfstoff, der die Unterscheidung zwischen geimpften und infizierten Tieren ermöglicht (Differentiating Infected from Vaccinated Animals). Wichtig für Handels- und Überwachungszwecke.
- Epidemiologische Einheit
- Räumlich und betrieblich klar abgegrenzter Bereich innerhalb eines Betriebs mit eigenem Luftraum, Futter, Wasser und Personal. Ermöglicht unter Umständen, bei einem Ausbruch nur Teilbestände zu töten.
Wie viele Tiere wurden seit 2020 wegen HPAI getötet?
Für die Jahre 2020 bis 2023 wurde eine Entschädigung für insgesamt 4.919.963 Tiere beantragt. Für 2024 und danach liegen noch keine Angaben vor, da Antragsverfahren noch laufen.
Gibt es in Deutschland bereits ein Impfprogramm gegen Vogelgrippe?
Nein. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat bereitet einen Rechtsentwurf vor. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe arbeitet seit 2023 an Handlungsempfehlungen, ein Abschlussdatum ist nicht bekannt.
Welche Handelsbeschränkungen drohen bei einer Impfung?
Japan lässt aufgrund der Impfung bei Enten derzeit keine Einfuhren von Geflügelprodukten aus Frankreich zu. USA, Kanada, Thailand und Taiwan akzeptieren hitzebehandelte Produkte und solche von nicht geimpftem Geflügel.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8773 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































