- 30 deutsch-französische Forschungsprojekte mit Millionenvolumen offengelegt
- Deutschland trägt bei FAIR 70,24 % der Kosten, Frankreich nur 2,64 %
- Rüstungskooperationen des BMVg bleiben geheim — als VS-NfD eingestuft
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7184 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Die Anfrage steht im Kontext einer öffentlichen Debatte über die Kräfteverhältnisse in deutsch-französischen Industriekooperationen, insbesondere bei Rüstungsprojekten wie Airbus und dem Future Combat Air System (FCAS). Der Vertrag von Aachen (Januar 2019) bildet den politischen Rahmen für die vertiefte Zusammenarbeit beider Länder. Der letzte deutsch-französische Ministerrat fand laut Bundesregierung am 29. August 2025 in Toulon statt. Die Anfrage zielte darauf ab, mögliche strukturelle Ungleichgewichte auch im Bereich staatlich geförderter Forschung zu beleuchten.
- 70,24 % vs. 2,64 % — Deutschlands und Frankreichs Finanzierungsanteile an FAIR (Darmstadt), dem künftigen internationalen Beschleunigerzentrum.
- 56,8 % vs. 3,1 % — Anteile bei European XFEL (Hamburg/Schenefeld), dem Freie-Elektronen-Laser für Materialanalyse.
- ca. 10 Mio. Euro (DE) vs. ca. 7 Mio. Euro (FR) — Gesamtvolumen des bilateralen Batterieprojekts HIPOBAT über die Laufzeit 2024–2027.
- 4.834.221 Euro — Deutschlands Förderanteil an CALLISTO (Raumfahrt) im Jahr 2026; Frankreichs Anteil ist nicht bekannt.
- 1.344.000 Euro — Jährlicher Festbetrag Deutschlands an das deutsch-französische Forschungszentrum Centre Marc Bloch (CMB) in Berlin.
Im Detail
Nach Ansicht der Bundesregierung ist ein Zusammenhang zwischen den Ergebnissen einzelner Forschungsförderungen und einem volkswirtschaftlichem Gesamtnutzen nicht durch die Betrachtung einzelner Kooperationen darstellbar.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7184, S. 4
Deutschland und Frankreich unterhalten ein dichtes Netz gemeinsamer Forschungskooperationen — von der Teilchenphysik über Batterietechnologie bis zur Weltraumfahrt. Auf Basis von BT-Drs. 21/7184 hat die Bundesregierung erstmals die 30 nach Finanzvolumen größten dieser Kooperationen tabellarisch offengelegt, einschließlich Förderbeträgen, Laufzeiten und Gremienbesetzungen. Die Antwort datiert vom 15. Juli 2026 und wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt übermittelt.
Deutsch-französische Forschungskooperationen: Wer zahlt wie viel?
Der Überblick zeigt ein differenziertes Bild: Bei den meisten großen multilateralen Infrastrukturprojekten trägt Deutschland deutlich mehr als Frankreich. Besonders ausgeprägt ist dies bei der Facility for Antiproton and Ion Research (FAIR) in Darmstadt: Deutschland finanziert 70,24 % des Vorhabens, Frankreich lediglich 2,64 %. Beim European XFEL in Hamburg liegt das Verhältnis bei 56,8 % zu 3,1 %. In beiden Fällen hat Deutschland auch die Mehrheit in Steuerungsgremien und bei Stimmrechten. Eine Ausnahme bildet die Europäische Synchrotron-Strahlungsquelle ESRF in Grenoble: Dort liegt Frankreich mit 27,5 % knapp vor Deutschland mit 24 % — und der Standort ist auf französischem Boden.
Beim Institut Laue Langevin (ILL), ebenfalls in Grenoble angesiedelt, halten Deutschland und Frankreich mit 33 % bzw. 34 % nahezu gleiche Anteile. Das CERN ist die größte Institution in der Liste: Deutschland zahlt 20,4 %, Frankreich 13 % — beide Länder haben wie alle 25 Mitgliedsstaaten je eine Stimme im Council.
Bilaterale Projekte: Batterien, Arktis und Stadtforschung
Rein bilaterale Projekte zwischen Deutschland und Frankreich sind in der Liste selten. HIPOBAT – High Power Batteries ist ein solches Vorhaben: Sechs deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen — darunter die Universitäten Münster, Braunschweig und die RWTH Aachen — kooperieren mit französischen Partnern. Deutschland trägt rund 10 Mio. Euro, Frankreich rund 7 Mio. Euro des Gesamtvolumens. Das Projekt läuft von Mai 2024 bis April 2027. Ebenfalls bilateral ist die AWIPEV-Forschungsbasis auf Svalbard in Norwegen: Das Alfred-Wegener-Institut und das französische Polarinstitut IPEV teilen sich die Kosten paritätisch (je 50 %). Das Centre Marc Bloch (CMB) in Berlin erhält jährlich 1.344.000 Euro von Deutschland als institutionellen Festbetrag; der französische Anteil lag der Bundesregierung nicht vor.
Raumfahrt: CALLISTO mit drei Nationen
Das Raumfahrtprojekt CALLISTO — ein Vorhaben zur Entwicklung einer wiederverwendbaren Raketenstufe mit senkrechtem Start und Landung — ist trilateral angelegt. DLR, das französische CNES und die japanische JAXA sind beteiligt. Für das Jahr 2026 weist die Bundesregierung einen deutschen Förderanteil von 4.834.221 Euro aus; Frankreichs Kosten sind nicht bekannt. Über die Gesamtlaufzeit von August 2023 bis September 2028 fließen laut Anlage 3 rund 35 Mio. Euro aus deutschen Mitteln in das Projekt.
Was die Bundesregierung nicht beantwortet hat
Der ursprüngliche Anlass der Anfrage war die These des Ökonomen Prof. Dr. Markus C. Kerber, dass Frankreich bei nominell gleichberechtigten Kooperationen strukturelle Vorteile erziele — etwa durch die Verlagerung von Airbus-Funktionen nach Toulouse oder durch Dassaults Forderung nach einem 80-Prozent-Workshare beim Kampfjet-Projekt FCAS. Die Bundesregierung erklärte dazu lediglich, diese Analyse nicht zu kennen, und verwies auf den Grundsatz, keine Berichterstattung zu kommentieren. Inhaltlich blieb die Frage damit offen. Zur Frage, ob eine Kosten-Nutzen-Evaluierung der Kooperationen sinnvoll wäre, antwortete die Bundesregierung, ein volkswirtschaftlicher Gesamtnutzen lasse sich durch Betrachtung einzelner Projekte nicht darstellen. Die Kooperationen des Bundesministeriums der Verteidigung wurden als Verschlusssache mit dem Geheimhaltungsgrad VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH eingestuft und nicht in den öffentlichen Anlagen veröffentlicht. Sie sind im Parlamentssekretariat des Deutschen Bundestages hinterlegt und können dort von Berechtigten eingesehen werden. Wer sich für die Strukturen einzelner Forschungskooperationen interessiert, findet auf drucksachlich.de auch Hintergründe zum parlamentarischen Fragerecht bei Treuhandverwaltung sowie zur aktuellen Diskussion über Transparenz in der Forschungsförderung.
Weiterlesen:
- Parlamentarisches Fragerecht bei Treuhandverwaltung
- Bundestag 27.07.2026: Die wichtigsten Drucksachen
Betroffen sind deutsche Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Unternehmen, die an den gelisteten Projekten beteiligt sind — darunter das Alfred-Wegener-Institut, die Universitäten Münster, Braunschweig, Gießen und die RWTH Aachen sowie Industrieunternehmen wie Robert Bosch, ABB und ZF Friedrichshafen. Mittelbar berührt sind auch Steuerzahler, da es sich um öffentlich geförderte Forschungsvorhaben handelt.
Zur Kernfrage der Anfrage — ob bei deutsch-französischen Kooperationen strukturelle Ungleichgewichte zugunsten Frankreichs bestehen — hat die Bundesregierung inhaltlich nicht Stellung genommen. Sie erklärte lediglich, die zitierte Analyse von Prof. Kerber nicht zu kennen, und verwies darauf, grundsätzlich keine Berichterstattung zu kommentieren. Die Fragen zu volkswirtschaftlichem Nutzen und Evaluierung wurden mit dem pauschalen Hinweis beantwortet, ein solcher Zusammenhang sei durch Betrachtung einzelner Kooperationen nicht darstellbar.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Deutsch-französische Forschungskooperationen: Parität und Nutzen geprüft →
- VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH
- Niedrigste Geheimhaltungsstufe in Deutschland. Dokumente dürfen nur von Berechtigten eingesehen werden und nicht öffentlich verbreitet werden.
- Institutionelle Förderung
- Dauerhafte staatliche Finanzierung einer Forschungseinrichtung als Institution — im Unterschied zur zeitlich befristeten Projektförderung für einzelne Vorhaben.
- FAIR
- Facility for Antiproton and Ion Research — internationales Beschleunigerzentrum in Darmstadt, das sich noch im Aufbau befindet. Deutschland trägt rund 70 % der Kosten.
Welche Kooperationen sind rein bilateral zwischen Deutschland und Frankreich?
Laut Anlage 1 der Antwort sind HIPOBAT (Hochleistungsbatterien), die AWIPEV-Forschungsbasis auf Svalbard sowie das Centre Marc Bloch (CMB) in Berlin als bilaterale Projekte ausgewiesen.
Warum bleiben Rüstungskooperationen geheim?
Die Kooperationen des Bundesministeriums der Verteidigung sind als Verschlusssache mit dem Geheimhaltungsgrad VS-NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH eingestuft und wurden deshalb nicht in den öffentlichen Anlagen veröffentlicht.
Hat Deutschland bei den meisten Projekten die höheren Förderanteile?
Bei den meisten multilateralen Projekten trägt Deutschland einen größeren Anteil als Frankreich. Besonders deutlich ist dies bei FAIR (70,24 % DE vs. 2,64 % FR) und European XFEL (56,8 % DE vs. 3,1 % FR). Eine Ausnahme bildet die ESRF in Grenoble, wo Frankreich mit 27,5 % vor Deutschland mit 24 % liegt.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7184 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.



































































