- Kantinenmahlzeit beim Bund stieg von 4,22 auf 6,20 Euro seit 2016
- Knapp 3 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen (FAO 2019–2021)
- Bundesregierung hat keine amtlichen Daten zur Ernährungsarmut nach Alter oder Geschlecht
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7686 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) hat im Januar 2024 eine Ernährungsstrategie beschlossen, in der erstmals eine amtliche Definition von Ernährungsarmut verankert wurde. Trotzdem fehlen bislang systematisch erhobene Daten zur Verbreitung von Ernährungsarmut in Deutschland. Um diese Lücke zu schließen, fördert das BMLEH das dreijährige Forschungsvorhaben SEED an der Universität Hohenheim. Die Verbraucherpreise für Kantinenmahlzeiten sind laut Statistischem Bundesamt seit 2006 um 76,6 Prozent gestiegen — deutlich stärker als der allgemeine Verbraucherpreisindex, der im gleichen Zeitraum um 47,2 Prozent zulegte.
- ca. 3 Millionen Menschen — Von Ernährungsunsicherheit Betroffene in Deutschland laut FAO-Schätzung für 2019–2021 (3,5 % der Bevölkerung)
- 6,20 Euro — Durchschnittspreis einer Mahlzeit in Bundeskantinen 2026; 2016 waren es noch 4,22 Euro (+47 %)
- 319.000 Mahlzeiten — Im Januar 2026 in den 109 Bundeskantinen verkauft
- 7,8 % — Der Befragten ab 16 Jahren können sich laut EU-SILC 2025 kein gemeinsames Essen mit Freunden oder Familie mindestens einmal monatlich leisten
- 19,1 % — Anteil ökologisch erzeugter Lebensmittel am Warenumsatz der Kantinen der Bundesministerien im Jahr 2024 (2022: 15,4 %)
Im Detail
„Ernährungsarmut ist als eine qualitativ oder quantitativ unzureichende Ernährung zu verstehen, die auf verschiedenen Ursachen beruhen kann. Dazu zählen unter anderem unzureichender Zugang zu gesunder und nachhaltiger Ernährung oder mangelnde Ernährungskompetenzen.“
— Bundesregierung, BT-Drs. 21/7686, Definition aus der Ernährungsstrategie Januar 2024
Kantinenessen beim Bund kostet heute fast die Hälfte mehr als vor zehn Jahren: Eine Mahlzeit in einer Bundeskantine schlug 2026 im Schnitt mit 6,20 Euro zu Buche, 2016 waren es noch 4,22 Euro. Das ist ein Anstieg von rund 47 Prozent — und damit ein greifbarer Beleg dafür, wie sich steigende Lebensmittelpreise auch in der staatlichen Gemeinschaftsverpflegung niederschlagen. Die Drucksache 21/7686 vom 21. August 2026 enthält die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (BT-Drs. 21/7144) zu Ernährungsarmut und dem Kantinenwesen in Deutschland.
Ernährungsarmut: Keine amtlichen Daten nach Alter oder Geschlecht
Wie viele Menschen in Deutschland von Ernährungsarmut betroffen sind, kann die Bundesregierung nicht präzise beziffern. Amtliche Daten, die eine Aufschlüsselung nach Geschlecht oder Altersgruppen erlauben würden, liegen ihr nach eigenen Angaben nicht vor. Als einzigen Anhaltspunkt nennt sie eine FAO-Erhebung, wonach in den Jahren 2019 bis 2021 rund 3,5 Prozent der deutschen Bevölkerung — knapp drei Millionen Menschen — von Ernährungsunsicherheit betroffen waren. Zeitreihendaten zur Entwicklung seit 2015 fehlen ebenfalls. Um diese Datenlücke zu schließen, fördert das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) das dreijährige Forschungsvorhaben SEED an der Universität Hohenheim in Kooperation mit dem GESIS-Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
Auch zu den Auswirkungen der Lebensmittelpreissteigerungen seit 2022 auf die Ernährungsarmut liegen der Bundesregierung nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse vor. Ebenso wenig gibt es systematisch erhobene Daten zur sozialen Dimension von Ernährungsarmut — also dazu, wie viele Menschen aus finanziellen Gründen nicht mehr gemeinsam mit anderen essen können. Laut der EU-Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) gaben im Jahr 2025 jedoch 7,8 Prozent der Befragten ab 16 Jahren an, sich mindestens ein gemeinsames Essen mit Freunden oder Familie pro Monat finanziell nicht leisten zu können.
Kantinenwesen: 109 Bundeskantinen, 69 davon privat betrieben
Der Bund betreibt aktuell 109 Kantinen. Davon werden 15 als behördeneigene Einrichtungen geführt, 69 über private Betreiber (Pächter) und 26 durch externe Dienstleister gegen Bezahlung. Im Vergleich zu 2006 — damals gab es 20 behördeneigene und 77 über Betreiberverträge geführte Kantinen — hat sich die Gesamtzahl leicht erhöht, während der Anteil privatwirtschaftlich betriebener Kantinen dominiert. In 42 der 109 Standorte können auch externe Personen ohne Dienstbezug essen; sie zahlen in der Regel einen Aufpreis von 0,50 bis 1,00 Euro.
Im Januar 2026 wurden in den Bundeskantinen rund 319.000 Mahlzeiten verkauft. Laut BMLEH-Ernährungsreport 2025 essen 15 Prozent aller Befragten mindestens einmal pro Woche in einer Kantine, 21 Prozent mindestens einmal im Monat. Für einkommensschwache Gruppen — Bürgergeld-Empfänger, Rentnerinnen und Rentner — gibt es in Bundeskantinen keine Sondertarife. Die Bundesregierung sieht dafür auch keine Pläne, da die Kantinen ausschließlich der Verpflegung der Bundesbeschäftigten dienen.
Kantinen und Ernährungsarmut: Was gilt aktuell?
Die Kantinenrichtlinien des Bundes verpflichten Kantinenbetreiber, ernährungsphysiologische Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) einzuhalten. Private Betreiber können einen Zuschuss von bis zu 20 Prozent des Verkaufspreises erhalten, wenn sie die Nachhaltigkeitskriterien des Bundes erfüllen; bei einem festgelegten Bio-Anteil sind weitere zehn Prozent möglich. Eine direkte Subventionierung von Mahlzeiten — etwa zur Verbilligung für Einkommensschwache — findet laut Bundesregierung nicht statt. Für die Pflegeversorgung in stationären Einrichtungen stiegen die bundesdurchschnittlichen Verpflegungskosten von 285 Euro pro Monat (Juli 2017) auf 419 Euro (Juli 2026), was einem Anstieg von rund 47 Prozent entspricht.
Kantinenpreise steigen schneller als die Inflation
Besonders auffällig ist der Preisanstieg im Kantinenbereich. Laut Statistischem Bundesamt legten die Bewirtungsleistungen von Kantinen und Mensen (Kategorie CC13-1112) zwischen 2006 und 2025 um 76,6 Prozent zu — fast doppelt so stark wie der allgemeine Verbraucherpreisindex mit 47,2 Prozent im gleichen Zeitraum. Zwischen 2016 und 2025 betrug der Anstieg bei Kantinen und Mensen 40,2 Prozent gegenüber 28,3 Prozent beim allgemeinen Index. Diese Entwicklung trifft einkommensschwache Gruppen besonders hart, weil Gemeinschaftsverpflegung bislang als eine der günstigeren Optionen für warme Mittagsmahlzeiten galt. Ähnliche Entwicklungen bei den Lebensmittelpreisen thematisiert auch der Beitrag zu den BZSt-Stellenabbau und Steuerbetrug.
Gesundheitlich sind die Folgen von Ernährungsarmut nach Angaben der Bundesregierung gut belegt: Ein aktueller Umbrella-Review über 22 Meta-Analysen zeigt signifikante Zusammenhänge zwischen Ernährungsarmut und Übergewicht, Adipositas, Diabetes Mellitus Typ 2, Depressionen und Suizidversuchen. Für Kinder kann unzureichende Ernährung weitreichende Folgen für die körperliche und geistige Entwicklung haben. Besonders im Blick: der sogenannte „hidden hunger“ — ein Mikronährstoffmangel bei gleichzeitig normalem oder erhöhtem Körpergewicht, der in Deutschland vor allem bei Eisen, Zink, Jod und Vitamin D auftritt.
Förderprogramme wie das bundesweite Verbundvorhaben „Gesund und nachhaltig essen mit kleinem Budget“ (Fördersumme bis zu 7,37 Millionen Euro, Laufzeit Mai 2024 bis Mai 2027) und die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung (bewilligte Mittel 2025–2029: 4,63 Millionen Euro) zielen darauf ab, den Zugang zu ausgewogener Ernährung für einkommensschwache Haushalte zu verbessern. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um strukturelle Ernährungsarmut zu bekämpfen, bleibt mangels belastbarer Datenbasis offen — eine Frage, die das SEED-Forschungsvorhaben in den kommenden Jahren beantworten soll. Die politischen Folgedebatten zur Daseinsvorsorge in der digitalen Infrastruktur zeigen ähnliche Datenlücken, wie etwa beim Thema Mobilfunk bei Stromausfall.
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- Minijob-Abschaffung: 6,8 Mio. Beschäftigte betroffen
- Bundestag 01.09.2026: Die wichtigsten Drucksachen
Besonders betroffen von Ernährungsarmut sind einkommensschwache Haushalte, Kinder und Jugendliche sowie alleinlebende ältere Menschen. Laut EU-SILC-Erhebung 2025 können sich 7,8 Prozent der Befragten ab 16 Jahren nach eigener Einschätzung nicht leisten, mindestens einmal im Monat mit Freunden oder Verwandten gemeinsam zu essen oder zu trinken. Bundesbeschäftigte und externe Gäste von Bundeskantinen sind von den gestiegenen Kantinenpreisen direkt betroffen.
Die Bundesregierung beantwortet viele Detailfragen zu Bundeskantinen vollständig, verweist bei Fragen zu Landes- und Kommunalkantinen jedoch durchgängig auf fehlende Zuständigkeit. Zu zentralen sozialpolitischen Fragen — etwa den Auswirkungen von Lebensmittelpreissteigerungen auf Ernährungsarmut oder der Entwicklung der sozialen Dimension — verweist sie auf fehlende amtliche Daten.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Ernährungsarmut: 63 Fragen zu Kantinen und Versorgungslage →
- Ernährungsarmut
- Laut Ernährungsstrategie der Bundesregierung (2024) eine qualitativ oder quantitativ unzureichende Ernährung, die auf fehlendem Zugang zu gesunder Ernährung oder mangelnden Ernährungskompetenzen beruhen kann.
- Gemeinschaftsverpflegung
- Organisierte Verpflegung von Personengruppen in Einrichtungen wie Kantinen, Schulen, Krankenhäusern oder Pflegeheimen, meist zu günstigeren Preisen als in der Gastronomie.
- Kantinenrichtlinien
- Bundesweite Richtlinien für Kantinen bei Dienststellen des Bundes, die Anforderungen an Speisequalität, Preisgestaltung und Nachhaltigkeit festlegen.
Wie viele Menschen sind in Deutschland von Ernährungsarmut betroffen?
Belastbare amtliche Daten liegen der Bundesregierung nicht vor. Eine FAO-Erhebung schätzt den Anteil der von Ernährungsunsicherheit Betroffenen für 2019–2021 auf rund 3,5 Prozent der Bevölkerung, was knapp drei Millionen Menschen entspricht.
Wie viele Kantinen betreibt der Bund aktuell?
Laut BT-Drs. 21/7686 gibt es aktuell 109 Bundeskantinen. Davon werden 15 im Eigenbetrieb geführt und 69 über private Betreiber bewirtschaftet.
Was kostet ein Mittagessen in einer Bundeskantine?
In 33 der 109 Bundeskantinen kostet ein Basisessen im Schnitt 5,67 Euro, ein vegetarisches Gericht 5,95 Euro und Fleischkost 7,05 Euro. Der Gesamtdurchschnitt liegt bei 6,22 Euro.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7686 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.

































































