- 20 Milliarden Euro Transformationsfonds für alle deutschen Stahlwerke gefordert
- 600.000 Arbeitsplätze laut IW Köln durch Stahlkrise bedroht
- Industriestrompreis zwischen 4 und 6 Cent/kWh als Investitionsgarantie geplant
Hintergrund
Das Institut der Deutschen Wirtschaft warnte Ende 2025, dass mehr als 600.000 Arbeitsplätze in Deutschland von der Krise der Stahlindustrie abhängen. Gleichzeitig belegt eine Studie der Universität Mannheim von 2025, dass ein globaler Stahlschock zu einem Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro jährlich führen könnte. Die deutsche Stahlindustrie steht vor dem Doppeldruck aus hohen Energiekosten und US-Importzöllen auf der einen Seite sowie dem notwendigen Umbau zu klimafreundlicher Produktion auf der anderen Seite.
- 600.000+ — Arbeitsplätze in Deutschland, die laut IW Köln (Ende 2025) von der Stahlindustrie abhängen und durch die Krise bedroht sind.
- 50 Mrd. Euro/Jahr — Möglicher Wertschöpfungsverlust in Deutschland bei einem globalen Stahlschock (Universität Mannheim, 2025).
- 20 Mrd. Euro — Volumen des geforderten Transformationsfonds auf Bundesebene.
- 20 Mio. t vs. 8 Mio. t — Künftiger Bedarf an grüner Stahlproduktion gegenüber geplanter Kapazität in Deutschland.
- 4–6 Cent/kWh — Korridor des geforderten Industriestrompreises für die Stahlindustrie.
Im Detail
Eine Studie der Universität Mannheim von 2025 belegt, dass ein globaler „Stahlschock“ zu einem Wertschöpfungsverlust von 50 Mrd. Euro pro Jahr in Deutschland führen könnte.
— BT-Drs. 21/8897, Begründung Fraktion Die Linke
Mehr als 600.000 Arbeitsplätze hängen in Deutschland direkt oder indirekt von der Stahlindustrie ab — und diese steckt in einer tiefen Krise. Die Fraktion Die Linke hat am 3. November 2026 mit BT-Drs. 21/8897 einen umfangreichen Antrag eingebracht, der die Bundesregierung zu einem 20-Milliarden-Euro-Transformationsfonds, einem Industriestrompreis sowie einer Grundgesetzänderung zugunsten staatlicher Stahlbeteiligungen auffordert.
Grüner Stahl: Warum die Stahlindustrie gerade unter Druck steht
Die Herausforderungen für die Stahlindustrie sind laut Antrag mehrschichtig: hohe Energiekosten, US-Importzölle unter der Trump-Administration, eine weltweite Stahlüberproduktion — vor allem aus China — sowie Managementfehler beim Umbau auf emissionsarme Verfahren. Eine Studie der Universität Mannheim von 2025 beziffert den möglichen Wertschöpfungsverlust bei einem globalen Stahlschock auf bis zu 50 Milliarden Euro jährlich. Gleichzeitig zeigt die Drucksache eine massive Investitionslücke: Während Deutschland künftig rund 20 Millionen Tonnen grüner Stahlproduktion pro Jahr benötigt, umfassen die bisherigen Planungen lediglich Kapazitäten von etwa 8 Millionen Tonnen.
Was gilt aktuell?
Derzeit fehlt in Deutschland ein koordinierter staatlicher Rahmen für die Stahltransformation. Einzelne Förderprogramme existieren, etwa im Rahmen des Klimaschutzvertrags-Modells (CCfD), doch eine verbindliche Standortgarantie, ein staatlicher Beteiligungsrahmen oder ein gesetzlich gesicherter Industriestrompreis für die Stahlindustrie sind nicht vorhanden. Die Werke in Duisburg (thyssenkrupp), dem Saarland (Saarstahl/AG der Dillinger Hüttenwerke), Bremen (ArcelorMittal), Salzgitter und Eisenhüttenstadt stehen alle vor dem Umbau ihrer Produktionsanlagen, benötigen dafür aber verlässliche Investitionsbedingungen.
Was der Antrag zum Grünen Stahl konkret vorsieht
Der Kern des Antrags ist ein 20-Milliarden-Euro-Fonds, über den der Bund Stahlwerke finanziell unterstützen und sich an ihnen beteiligen kann. Staatliche Zuschüsse aus diesem Transformationsfonds sollen an strenge Auflagen geknüpft werden: Dividendenausschüttungen werden während der Förderphase auf den Basiszinssatz begrenzt, und wer Fördergelder empfängt, muss bei einer Produktionsverlagerung ins Nicht-EU-Ausland innerhalb von 15 Jahren nach Inbetriebnahme Rückzahlungen leisten. Über die Kreditanstalt für Wiederaufbau soll zudem ein Kreditprogramm für Bundesländer aufgelegt werden, die sich an Stahlwerken beteiligen wollen.
Für die Energieversorgung fordert die Linke einen gesetzlichen Industriestrompreis in einem Korridor zwischen 4 und 6 Cent/kWh — nach dem Prinzip eines „atmenden Deckels“, der sich am Börsenstrompreis orientiert und Planbarkeit für langfristige Investitionen schafft. Ergänzend soll eine Wasserstoffpreisbremse einen garantierten Bruttopreis für grünen Wasserstoff festschreiben; Unternehmen mit Tarifbindung erhalten einen zusätzlichen Rabatt von 2 Cent/kWh. Die Gründung einer öffentlichen Wasserstoffinfrastrukturgesellschaft soll die Kernnetze bündeln und Elektrolyseur-Kapazitäten fördern.
Nationale Transformationsagentur und EU-Maßnahmen
Strukturell soll eine „nationale Transformationsagentur Stahl“ gemeinsam mit Gewerkschaften, Betriebsräten und Wissenschaft einen verbindlichen „Entwicklungsplan Grüner Stahl“ erarbeiten und dessen Umsetzung überwachen. Ergänzt wird dies durch regionale Transformationsräte und einen jährlichen Stahlgipfel. Auf EU-Ebene fordert die Fraktion eine verbindliche Quote für Grünen Stahl „Made in Europe“, CO2-Importsteuern sowie eine Schrott-Schutzregelung, da Stahlschrott als strategischer Rohstoff gilt. Globale Überkapazitäten sollen nach dem Willen der Antragsteller multilateral und nicht allein durch Importbeschränkungen adressiert werden, die Länder des Globalen Südens benachteiligen könnten.
Begleitend verlangt der Antrag einen Gesetzentwurf zur Grundgesetzänderung, der dem Bund ausdrücklich erlaubt, den Ländern Finanzhilfen für Beteiligungen an Stahlunternehmen zu gewähren — eine Rechtsgrundlage, die bislang fehlt. Über die laufende parlamentarische Debatte zu Industriepolitik und Investitionen hinaus zeigt der Antrag, wie stark wirtschaftspolitische Weichenstellungen gegenwärtig das Parlamentsgeschehen prägen.
Direkt betroffen sind die Beschäftigten der Stahlwerke in Duisburg, dem Saarland, Bremen, Salzgitter und Eisenhüttenstadt sowie deren Familien und Kommunen. Mittelbar betrifft die Krise alle Branchen, die Stahl als Vorprodukt einsetzen — darunter der Maschinenbau, die Automobilindustrie, der Tiefbau und die Windenergie.
Der Antrag wurde am 3. November 2026 in den Bundestag eingebracht. Als nächste Schritte stehen die Zuweisung an die zuständigen Ausschüsse sowie die Beratung und abschließende Abstimmung im Plenum aus. Da der Antrag auch eine Grundgesetzänderung umfasst, wäre hierfür eine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat erforderlich.
- Direktreduktionsanlage (DRI)
- Technologie zur Stahlherstellung, bei der Eisenerz mit Wasserstoff statt Kohle reduziert wird — ein zentrales Verfahren für klimafreundlichen Grünen Stahl.
- Elektrolichtbogenofen
- Stahlschmelzofen, der elektrische Energie nutzt und überwiegend mit Stahlschrott betrieben wird; erzeugt deutlich weniger CO2 als klassische Hochöfen.
- Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM)
- EU-Mechanismus, der auf importierte Waren eine CO2-Abgabe erhebt, um europäische Produzenten mit hohen Klimaschutzkosten gegenüber Billigimporten zu schützen.
Was soll der 20-Milliarden-Fonds konkret bewirken?
Der Fonds soll staatliche Beteiligungen an Stahlwerken ermöglichen, die Umrüstung auf Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen finanzieren und ist an Standort- sowie Beschäftigungsgarantien gekoppelt. Fördermittel müssen zurückgezahlt werden, wenn Produktionsteile innerhalb von 15 Jahren ins Nicht-EU-Ausland verlagert werden.
Welche Standorte sollen gesichert werden?
Der Antrag nennt ausdrücklich die Stahlwerke in Duisburg, dem Saarland, Bremen, Salzgitter und Eisenhüttenstadt.
Was ist eine Wasserstoffpreisbremse?
Ein staatlich garantierter Höchstpreis für grünen Wasserstoff für energieintensive Unternehmen, die eine Transformationsverpflichtung eingehen. Unternehmen mit Tarifbindung sollen zusätzlich 2 Cent/kWh Rabatt erhalten.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8897 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































