- EUFOR Althea bleibt laut Bundesregierung unabdingbar für Sicherheit in Bosnien
- 350.000 bis 500.000 Bosnier in Deutschland überweisen 10–15 % des BiH-BIP
- Russland nutzt Republika Srpska gezielt zur Störung westlicher Integration
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7210 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Das Friedensabkommen von Dayton von 1995 beendete den Krieg in Bosnien und Herzegowina, dem mehr als 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Die EU-Mission EUFOR Althea übernahm 2004 die Aufgaben der NATO-Missionen IFOR und SFOR. Deutschland ist seit 1992 militärisch in der Region präsent und stellt seit August 2021 mit dem CSU-Politiker Christian Schmidt den Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina. Das Jahr 2025 war von anhaltenden Sezessionsbestrebungen der Republika Srpska unter dem früheren Präsidenten Milorad Dodik geprägt, der trotz seiner Amtsenthebung politisch weiter aktiv ist.
- 350.000–500.000 Personen — Umfang der bosnischen Diaspora in Deutschland, größter Anteil aller Diasporaüberweisungen nach Bosnien.
- 10–15 % des BIP — Anteil der Diasporaüberweisungen am Bruttoinlandsprodukt Bosnien und Herzegowinas.
- 40 % Frauenquote — gesetzlich vorgeschriebener Anteil für Parlamentswahlen in Bosnien, de facto erst zu etwa 25 % umgesetzt.
- Ø 2,4 (Schulnote) — Bewertung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Bosnien auf Basis von Evaluierungen 2008–2026.
- 4 Infrastrukturprojekte — Projekte in der Republika Srpska, die Deutschland 2023 im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit beendet hat.
Im Detail
Kernauftrag der EU-Mission Operation EUFOR ALTHEA ist die Unterstützung Bosnien und Herzegowinas bei der Schaffung und Aufrechterhaltung eines sicheren und stabilen Umfelds. Hierfür ist ihre Präsenz im Land gegenwärtig unabdingbar.
— BT-Drs. 21/7210, Antwort zu Frage 16
Bosnien und Herzegowina bleibt mehr als 30 Jahre nach dem Dayton-Friedensabkommen ein politisch gespaltenes Land. Die Bundesregierung hat am 17. Juli 2026 in der Drucksache 21/7210 auf 58 Fragen der Fraktion Die Linke zur deutschen Außenpolitik und zur EU-Mission EUFOR Althea geantwortet — und dabei ein differenziertes Bild der deutschen Engagements gezeichnet.
EUFOR Althea: Mission bleibt unabdingbar
Die EU-Mission EUFOR Althea, seit 2004 Nachfolger der NATO-Missionen IFOR und SFOR, gilt der Bundesregierung als unverzichtbar. Laut Drucksache ist ihre Präsenz im Land „gegenwärtig unabdingbar“, um ein sicheres und stabiles Umfeld zu erhalten. Die Mission nimmt Beratungs- und Beobachtungsaufgaben wahr, unterstützt die Ausbildung bosnischer Streitkräfte und leistet Aufklärungsarbeit über Minengefahren. Ob das Mandat verlängert wird, bewertet der Bundestag im Rahmen des jährlichen Mandatszyklus. Die im Oktober 2026 anstehenden Wahlen in Bosnien könnten dabei nach Einschätzung der Bundesregierung ein neues politisches Momentum bringen — eine Beurteilung der Auswirkungen auf die Mandatsverlängerung sei zum jetzigen Zeitpunkt jedoch verfrüht.
Republika Srpska und russischer Einfluss
Ein zentrales Thema der Antwort ist die Destabilisierungspolitik der Republika Srpska. Trotz der Amtsenthebung des früheren Präsidenten Milorad Dodik setzen die dortigen Eliten den Sezessionskurs fort. Die Bundesregierung hat Einreiseverbote gegen Hauptverantwortliche erlassen und innerhalb des Western Balkans Investment Framework eine Einschränkung der Förderpraxis gegenüber der Republika Srpska erwirkt. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit beendete Deutschland bereits 2023 vier große Infrastrukturprojekte in der Entität. Russland nutzt laut Bundesregierung die komplexen politischen Strukturen in Bosnien gezielt, um seinen Einfluss zu stärken und die Annäherung an EU und NATO zu erschweren. Bekannte russische Wirtschaftsverflechtungen umfassen Investitionen in die Ölindustrie — darunter die Raffinerie in Bosanski Brod — sowie Gazprom-Tankstellen im gesamten Land.
EU-Beitritt als Stabilisierungspfad
Die Bundesregierung sieht den EU-Beitrittsprozess als zentralen Pfeiler zur nachhaltigen Stabilisierung Bosniens. Die EU-Mitgliedstaaten haben im März 2024 angekündigt, formelle Beitrittsverhandlungen aufnehmen zu wollen. Aus Sicht der Bundesregierung ist ein Beitritt unter der aktuellen Verfassung jedoch nicht möglich: Die ethnisch basierte Machtverteilung — die sogenannte Drei-Völker-Logik — kollidiert mit europäischen Grundrechten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat in mehreren Urteilen die Beeinträchtigung des Wahlrechts für Angehörige von Minderheiten wie Juden und Roma festgestellt. Eine Verfassungsreform, die diese Diskriminierung überwindet, bleibt aus Sicht der Bundesregierung erstrebenswert.
Deutschland als größter bilateraler Partner
Deutschland nimmt in Bosnien eine besondere Stellung ein: Es ist laut Drucksache der größte bilaterale Geldgeber, wichtigster Außenhandelspartner und größter Investor. Im kulturellen Bereich ist Deutsch nach Englisch die meistunterrichtete Fremdsprache. Die bosnische Diaspora in Deutschland umfasst zwischen 350.000 und 500.000 Personen. Deren Überweisungen machen 10 bis 15 Prozent des bosnischen BIP aus — der größte Anteil aller Diasporaüberweisungen nach Bosnien. Die Bundesregierung bewertet die Wirksamkeit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Bosnien auf Basis von Evaluierungen 2008–2026 als erfolgreich; der Durchschnittswert liegt bei 2,4 (Schulnotenskala 1–6, entspricht „gut“).
Menschenrechte und Kriegsaufarbeitung
Die Menschenrechtslage in Bosnien bleibt laut Bundesregierung von strukturellen Herausforderungen geprägt. Die Frauenquote von 40 Prozent für Parlamentswahlen wird de facto erst zu etwa 25 Prozent umgesetzt. Die Unterstützung bei der Traumabewältigung für Kriegsopfer ist unzureichend, da die staatlichen Programme den Bedarf nicht abdecken. Politiker der Republika Srpska relativieren nach Beobachtung der Bundesregierung regelmäßig die gerichtliche Einstufung des Massenmords in Srebrenica als Genozid — besonders im Umfeld der Ausrufung eines Srebrenica-Gedenktags durch die Vereinten Nationen 2025. Die Bundesregierung fördert Versöhnungsinitiativen, Schüleraustauschprogramme und Projekte zur Unterstützung von Opfern sexualisierter Gewalt.
Thematisch verwandt: EUNAVFOR MED IRINI: 29 Fragen zur Libyen-Mission nach UN-Mandatsverlust — ein weiteres Beispiel für parlamentarische Kontrolle europäischer Auslandsmissionen. Zu aktuellen Fragen der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik auch: Bundeswehr erhält mehr Kontrolle über eigene Bauaufgaben.
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Unmittelbar betroffen sind die rund 3,5 Millionen Einwohner Bosnien und Herzegowinas sowie die bosnische Diaspora in Deutschland, die nach Schätzungen zwischen 350.000 und 500.000 Personen umfasst. Diese Gruppe überweist einen erheblichen Teil ihres Einkommens in die Heimat — Diasporaüberweisungen machen 10 bis 15 Prozent des bosnischen BIP aus. Indirekt betrifft die Stabilität des Westbalkans auch die europäische Sicherheitsarchitektur und den Zusammenhalt der EU.
Die Bundesregierung hat bei einer Reihe von Detailfragen — insbesondere zu konkreten Erkenntnissen über Netzwerke, Archivzustand oder spezifische Vorfälle — keine gesicherten Erkenntnisse genannt oder auf Vorbemerkungen sowie frühere Antworten verwiesen. Bei politischen Grundsatzfragen (Dayton, EUFOR, EU-Beitritt) wurden substanzielle Antworten gegeben.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. EUFOR ALTHEA: 58 Fragen zur deutschen Bosnien-Politik →
- EUFOR Althea
- EU-geführte Friedensmission in Bosnien und Herzegowina, seit 2004 Nachfolger der NATO-Missionen IFOR und SFOR. Kernauftrag ist die Unterstützung bei der Schaffung eines sicheren und stabilen Umfelds.
- Dayton-Abkommen
- 1995 unterzeichnetes Friedensabkommen, das den Bosnienkrieg beendete. Es legte die Verfassung und die ethnische Machtverteilung in Bosnien und Herzegowina fest und ist bis heute politisch prägend.
- Hoher Repräsentant (OHR)
- Internationales Amt zur Überwachung der zivilen Umsetzung des Dayton-Abkommens. Seit August 2021 bekleidet der CSU-Politiker Christian Schmidt dieses Amt.
Wie viele Soldaten stellt Deutschland für EUFOR Althea?
Die Drucksache nennt keine konkrete Truppenzahl. Die Bundesregierung bezeichnet die Präsenz von EUFOR Althea in Bosnien als gegenwärtig unabdingbar und unterstützt die Schwerpunktsetzung der Mission.
Was ist der aktuelle Stand der EU-Beitrittsverhandlungen mit Bosnien?
Die EU-Mitgliedstaaten haben im März 2024 angekündigt, Beitrittsverhandlungen aufnehmen zu wollen. Die Bundesregierung sieht diesen Prozess als zentralen Pfeiler zur Stabilisierung, betont aber, dass ein Beitritt unter der aktuellen Verfassung nicht möglich sei.
Welche Sanktionen gelten gegen die Republika Srpska?
Deutschland hat einreiseverhindernde Maßnahmen gegen Hauptverantwortliche der Sezessionsbestrebungen erlassen und innerhalb des Western Balkans Investment Framework eine Einschränkung der Förderpraxis erwirkt. Zudem wurden 2023 vier große Infrastrukturprojekte beendet.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7210 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.



































































