- 88 Oberleitungsrisse von Januar bis Mai 2026 registriert
- ICE mit 600 Fahrgästen bei Zahna stundenlang festgesetzt
- Standorte von Notfall-Loks als VS-Vertraulich eingestuft
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7277 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Die Anzahl der Oberleitungsrisse im Streckennetz der Deutschen Bahn hat sich nach Angaben der DB AG in den vergangenen Jahren erhöht: 2024 wurden 78 Fälle registriert, 2025 bereits 127. Für das gesamte erste Halbjahr 2026 (Januar bis Mai) zählt die DB AG nun 88 Vorfälle. Die AfD-Fraktion hatte die Kleine Anfrage BT-Drs. 21/6626 im Anschluss an mehrere aufsehenerregende Vorfälle gestellt, bei denen Hunderte Fahrgäste teils stundenlang in gestrandeten Zügen festsaßen. Die Bundesregierung antwortete mit Schreiben des Bundesministeriums für Verkehr vom 21. Juli 2026.
- 78 Fälle — Oberleitungsrisse im gesamten Jahr 2024 laut DB AG
- 127 Fälle — Oberleitungsrisse im gesamten Jahr 2025 laut DB AG
- 88 Fälle — Oberleitungsrisse von Januar bis Mai 2026 (korrigierte Zahl, inkl. nicht-kurzschlussinduzierter Risse)
- ca. 600 Fahrgäste — saßen am 11. April 2026 im ICE bei Zahna stundenlang fest
- ca. 460 Passagiere — saßen am 1. Mai 2026 im ICE bei Bardowick fest, eine Person wurde verletzt
Im Detail
In Anbetracht der sich in den letzten Jahren sowohl global als auch in Deutschland zunehmend verschärfenden Sicherheitslage würde durch die Veröffentlichung der Daten ein Sicherheitsrisiko entstehen, weil dadurch gezielte Sabotagen und Angriffe auf diese Infrastrukturen ermöglicht würden.
— Bundesministerium für Verkehr, Antwort zu Frage 5, BT-Drs. 21/7277
Oberleitungsrisse bei der Deutschen Bahn häufen sich: Von Januar bis Mai 2026 wurden laut Angaben der DB AG insgesamt 88 Fälle von gerissenen Tragseilen und Fahrdrähten registriert. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung (BT-Drs. 21/7277) vom 22. Juli 2026 auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion hervor. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2024 zählte die Bahn 78 Vorfälle, 2025 bereits 127.
Hinter der nüchternen Statistik verbergen sich Ereignisse mit erheblichen Folgen für Reisende. Am 11. April 2026 beschädigte eine gerissene Oberleitung auf der Strecke 6132 bei Zahna in Sachsen-Anhalt einen ICE mit rund 600 Fahrgästen an Bord. Ein Ersatz- oder Evakuierungszug konnte nicht kurzfristig bereitgestellt werden; die Reisenden harrten stundenlang unter schwierigen Bedingungen im Zug aus. Wenige Wochen später, am 1. Mai 2026, prallte ein ICE auf der Strecke Hamburg–München bei Bardowick gegen eine gerissene Oberleitung. Rund 460 Passagiere saßen fest, eine Person wurde verletzt und musste in ein Krankenhaus gebracht werden.
Oberleitungsrisse: Ursachen variieren stark
Die Bundesregierung nennt für die einzelnen Vorfälle unterschiedliche technische Ursachen. Der Ausfall im Januar 2026 bei Riesa geht auf den Bruch eines Isolators zurück. In Hamburg im März 2026 riss das Tragseil innerhalb des Kettenwerks. Zwei Vorfälle im April 2026 — bei Zahna und im Bahnhof Haan-Gruiten — werden auf Kurzschlüsse zurückgeführt, die jeweils durch einen Vogelschwarm ausgelöst wurden. Der Bardowick-Vorfall im Mai 2026 hatte einen Riss des einlaufenden Kettenwerks im Bereich einer Streckentrennung als Ursache. Ein einheitliches Versagensmuster gibt es damit nicht.
Was gilt aktuell beim Schutz der Fahrgäste?
Nach Angaben der DB AG greifen bei einem Oberleitungsriss mehrere Schutzmechanismen automatisch: Bei einem Dauerkurzschluss schalten Schutzsysteme die Stromzufuhr ab. Fahrleitungen und Fahrzeuge sind so ausgelegt, dass keine gefährlichen Spannungen an berührbaren Teilen entstehen. Fahrgäste werden angewiesen, im Zug zu bleiben, da der Waggon als schützender Faradayscher Käfig wirkt. Das Notfallmanagement der DB InfraGO erdet die Oberleitung im betroffenen Bereich und steht Fremdrettungskräften als Fachberater zur Verfügung.
Zur Frage, wo auf den besonders betroffenen Strecken 1720, 6132 und 6363 Diesellokomotiven für Notfälle bereitgehalten werden, verweigerte das Bundesministerium für Verkehr öffentliche Auskunft. Die Informationen wurden als VS-Vertraulich eingestuft und in der Geheimschutzstelle des Deutschen Bundestages hinterlegt. Begründung: Eine Veröffentlichung könnte gezielte Sabotagen an Kritischer Infrastruktur ermöglichen. Separat bestätigte die Bundesregierung, dass das Bahnbetriebswerk in Lutherstadt Wittenberg nicht mehr betrieben wird — das dortige Gleisgelände wird an andere Eisenbahnunternehmen vermarktet oder verpachtet.
Instandhaltung und Konsequenzen
Für die Strecken 1720, 6132 und 6363 wurden laut Bundesregierung von 2020 bis 2025 die vorgeschriebenen Inspektionen durchgeführt, auf den Strecken 1720 und 6132 auch Oberleitungsvollinspektionen mit Isolatorentausch und Kettenwerksregulierung. Das Eisenbahnbundesamt (EBA) überwacht die regelwerkskonforme Instandhaltung und begleitet die Infrastrukturbetreiber bei der Ursachenforschung. Die DB InfraGO wertet alle Störfälle systematisch aus und lässt die Erkenntnisse in die Weiterentwicklung der Oberleitungsanlagen einfließen.
Ob die Häufung von Oberleitungsrissen auf strukturelle Probleme im Schienennetz oder auf einzelne ungünstige Umstände zurückzuführen ist, lässt die Antwort der Bundesregierung offen. Fest steht: Die Zahl der Vorfälle ist zwischen 2024 und dem bisherigen Jahr 2026 deutlich gestiegen — mit konkreten Folgen für Zehntausende Fahrgäste auf zentralen deutschen Bahnkorridoren. Wer regelmäßig mit dem Zug zwischen Hamburg, Hannover, Berlin und Leipzig pendelt oder reist, ist von dieser Entwicklung unmittelbar betroffen.
Weiterlesen:
Betroffen sind Bahnreisende auf stark frequentierten Strecken wie Hamburg–Hannover, Berlin–Halle/Leipzig und Leipzig–Dresden. Besonders der Fernverkehr sowie internationale Zugverbindungen in europäische Nachbarländer waren bei einzelnen Vorfällen unterbrochen. Auch Güterverkehrsunternehmen sowie Nahverkehrsreisende im S-Bahn-Netz (z. B. Haan-Gruiten) waren betroffen.
Die Bundesregierung hat neun von zehn Fragen inhaltlich beantwortet. Die Frage nach konkreten Standorten von Notfall-Diesellokomotiven (Frage 5) wurde mit Verweis auf die Sicherheitslage und den Schutz Kritischer Infrastrukturen als VS-Vertraulich eingestuft; die Antwort liegt nur in der Geheimschutzstelle des Bundestages vor.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Oberleitungsrisse Deutsche Bahn: 127 Vorfälle im Jahr 2025 →
- DB InfraGO AG
- Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn AG, die das Schienennetz und die zugehörige Infrastruktur in Deutschland betreibt und instand hält.
- VS-Vertraulich
- Geheimhaltungsstufe für amtliche Informationen, deren Bekanntwerden den Interessen Deutschlands schaden könnte. Solche Dokumente dürfen nur in der Geheimschutzstelle des Bundestages eingesehen werden.
- Faradayscher Käfig
- Metallgehäuse, das elektrische Felder abschirmt. Eisenbahnwaggons wirken als solcher Käfig und schützen Fahrgäste bei Oberleitungsschäden vor gefährlichen Spannungen.
Wie viele Oberleitungsrisse gab es 2026 bei der Deutschen Bahn?
Von Januar bis einschließlich Mai 2026 wurden laut Angaben der DB AG insgesamt 88 Risse an Tragseilen und Fahrdrähten registriert.
Waren Straftaten Ursache der Oberleitungsschäden?
Die Bundespolizei leitete in Einzelfällen Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr (§ 315 StGB) ein. In keinem Fall erhärtete sich der Verdacht.
Warum wurden Standorte von Notfall-Lokomotiven nicht genannt?
Das Bundesministerium für Verkehr stufte diese Informationen als VS-Vertraulich ein, da eine Veröffentlichung gezielte Sabotagen an der Infrastruktur ermöglichen könnte.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7277 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.

































































