- Jenische sind in Deutschland bislang nicht als nationale Minderheit anerkannt
- Bundesregierung fordert wissenschaftliche Belege für eigenständige Sprache und Identität
- Zentralrat der Jenischen legte Ende 2025 Gutachten bei der Bundesregierung vor
Wer sind die Jenischen?
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat in einem aktuellen Sachstand die Gruppe der Jenischen umfassend beschrieben und frühere Analysen aus dem Jahr 2023 zusammengeführt und aktualisiert. Das Dokument behandelt Geschichte, Sprache, Verbreitung und Lebenssituation der Jenischen sowie die rechtliche Frage ihrer Anerkennung als nationale Minderheit in Deutschland.
Die Jenischen gelten als transnationale europäische Minderheit, deren genaue Herkunft in der Wissenschaft umstritten ist. Verbreitet sind drei Theorien: keltischer Ursprung, Abstammung von einer nordeuropäischen Untergruppe indischer Einwanderer sowie Entstehung aus verarmten und entwurzelten Bevölkerungsgruppen der frühen Neuzeit. Historiker wie Ulrich Opfermann und Karola Fings vertreten die letztgenannte These. Gemeinsame Merkmale der Gruppe sind traditionell eine nicht sesshafte Lebensweise, bestimmte ambulante Berufe sowie eine eigene Sondersprache. Stimmen aus der Gemeinschaft selbst betonen hingegen, dass die Identität auf gemeinsamer Abstammung, Sprache und Kultur beruhe.
Sprache zwischen Soziolekt und eigenständiger Sprache
Ob das Jenische als eigenständige Sprache oder als Soziolekt einzustufen ist, wird in der Sprachwissenschaft unterschiedlich bewertet. Der Aachener Sprachwissenschaftler Christian Efing argumentiert, dass eine Klassifikation als Soziolekt eine gleichzeitige Anerkennung als eigenständige Sprache nicht ausschließe. Andere Forscher, etwa der französische Diplomat Christian Bader, sehen das Jenische als regional stark variierenden Soziolekt ohne eigene Grammatik. Einigkeit besteht darin, dass das Jenische Elemente aus dem Jiddischen, dem Romani und deutschen Dialekten enthält und historisch auch als Geheimsprache diente.
Verbreitung und Lebenssituation
Gesicherte Zahlen zur Größe der Gruppe fehlen. Schätzungen für Deutschland reichen von 8.000 bis 400.000 Personen; der Zentralrat der Jenischen geht europaweit von 500.000 Menschen aus. Siedlungsschwerpunkte liegen im Süden und Südwesten Deutschlands. Die soziale Lage vieler Jenischer ist laut älteren Studien und Medienberichten durch überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnverhältnisse und eingeschränkte Bildungschancen geprägt. Traditionelle Berufe wie Scherenschleifen oder Hausierhandel sind weitgehend verschwunden.
Verfolgung im Nationalsozialismus
Unbestritten ist, dass es jenische Opfer von Zwangssterilisation, KZ-Haft und Ermordung gab. Umstritten bleibt, ob die Jenischen als Gruppe systematisch verfolgt wurden. Während Historiker wie Thomas Huonker von einer rassistisch motivierten Verfolgung ausgehen, betont Opfermann, dass Jenische als „deutschblütige Nichtzigeuner“ aus dem Auschwitz-Erlass von 1942 ausdrücklich ausgenommen waren und nicht kollektiv deportiert wurden.
Anerkennung als nationale Minderheit: Status quo
Deutschland hat das Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten ratifiziert und dabei vier Gruppen benannt: Dänen, Sorben, Friesen sowie Sinti und Roma. Die Jenischen sind nicht aufgeführt. Die Bundesregierung hält bislang an ihrer Ablehnung fest und begründet dies damit, dass keine hinreichenden wissenschaftlichen Belege für eine eigenständige Sprache, Kultur und Geschichte vorlägen. Ende 2025 legte der Zentralrat der Jenischen sieben Gutachten vor. Laut einem Bericht des Spiegel steht die Auswertung durch die Bundesregierung noch aus. Ob die Gutachten zu einer Neubewertung führen, ist offen.






























































