- 85.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an Sepsis
- Behandlungskosten: rund 33,3 Milliarden Euro pro Jahr
- Deutschland hat neun Jahre nach WHO-Resolution noch keine nationale Strategie
Hintergrund
Die Weltgesundheitsversammlung (WHA) hat 2017 mit der Resolution WHA70.7 alle Mitgliedstaaten aufgerufen, Prävention, Diagnostik und Behandlung von Sepsis zu verbessern. Deutschland hat diese Resolution mitgetragen und sich auch unter der G7-Präsidentschaft 2022 für verstärkte Anstrengungen ausgesprochen. Neun Jahre nach der WHO-Resolution verfügt Deutschland laut Drucksache 21/8940 weiterhin über keine kohärente nationale Sepsis-Strategie, während Länder wie Frankreich, Schweden, das Vereinigte Königreich, Australien und die Schweiz nationale Programme entwickelt haben. Zwischen 1990 und 2019 sank die sepsisbezogene Sterblichkeit in Norwegen um 26,7 Prozent und in Finnland um 21,1 Prozent; in Deutschland stieg sie im selben Zeitraum um 10,1 Prozent.
- 230.000 — Mindestanzahl erwachsener Sepsiserkrankungen pro Jahr in Deutschland (konservative, kodierungsbasierte Schätzung).
- 85.000 — Mindestanzahl jährlicher Sepsis-Todesfälle in Deutschland, entspricht etwa einem Todesfall alle sechs Minuten (RKI).
- 33,3 Mrd. Euro — Modellhaft geschätzte direkte sepsisbezogene Behandlungskosten für 2024 (ohne indirekte Kosten).
- 74,3 % — Anteil der Krankenhausüberlebenden, die innerhalb eines Jahres mindestens eine neue körperliche, psychische oder kognitive Diagnose erhalten.
- +10,1 % — Anstieg der sepsisbezogenen Sterblichkeit in Deutschland zwischen 1990 und 2019, während sie in Norwegen um 26,7 % und in Finnland um 21,1 % sank.
Im Detail
Eine nationale Sepsis-Strategie mit überprüfbaren Ergebnissen ist angesichts der hohen und teilweise vermeidbaren Krankheitslast überfällig.
— Feststellungsteil BT-Drs. 21/8940, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Sepsis tötet in Deutschland mindestens 85.000 Menschen pro Jahr — das Robert Koch-Institut spricht von etwa einem Todesfall alle sechs Minuten. Trotz dieser erschreckenden Dimension fehlt dem Land neun Jahre nach einer entsprechenden WHO-Resolution eine kohärente nationale Sepsis-Strategie. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat mit dem Antrag BT-Drs. 21/8940 vom 4. November 2026 ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgelegt, das die Bundesregierung zur Entwicklung einer solchen Strategie verpflichten soll.
Nationale Sepsis-Strategie: Ausmaß des Problems
Die Zahlen, die der Antrag belegt, verdeutlichen das öffentliche Gesundheitsproblem: Jährlich erkranken laut Drucksache mindestens 230.000 Erwachsene an einer Sepsis. Die modellhaft geschätzten direkten sepsisbezogenen Behandlungskosten beliefen sich für 2024 auf rund 33,3 Milliarden Euro — indirekte Kosten durch Produktivitätsverluste und informelle Pflege sind darin nicht eingerechnet. Besonders gravierend ist die Langzeitlast für Überlebende: 30,7 Prozent der Krankenhausüberlebenden starben innerhalb des ersten Jahres nach Entlassung, 31,5 Prozent wurden neu pflegebedürftig.
Internationale Vergleichsdaten verschärfen den Befund: Während die sepsisbezogene Sterblichkeit zwischen 1990 und 2019 in Norwegen um 26,7 Prozent und in Finnland um 21,1 Prozent sank, stieg sie in Deutschland im selben Zeitraum um 10,1 Prozent. Länder wie Frankreich, Schweden, das Vereinigte Königreich, Australien und die Schweiz haben inzwischen nationale Programme entwickelt. Deutschland hat diese Entwicklung trotz maßgeblicher Mitverantwortung für die WHO-Resolution WHA70.7 aus dem Jahr 2017 nicht mitgemacht.
Was gilt aktuell?
Seit dem 1. Januar 2026 läuft das neue QS-Verfahren Sepsis nach der DeQS-Richtlinie, das jedoch bislang im Schwerpunkt stationäre erwachsene Patientinnen und Patienten erfasst. Kinder, Neugeborene sowie Schwangere und Frauen im Wochenbett sind nicht ausreichend abgebildet. Die Bundesregierung hat in der Vergangenheit auf Länderzuständigkeiten bei der Umsetzung der WHO-Resolution verwiesen (BT-Drs. 19/22137). Laut Antrag entbindet dies den Bund aber nicht von eigenen Handlungsmöglichkeiten — etwa bei gesetzlichen Grundlagen für Qualitätssicherung nach dem SGB V, bundesrechtlich geregelter ärztlicher Ausbildung und Forschungsförderung.
Sechs Forderungen der nationalen Sepsis-Strategie
Der Antrag gliedert sich in sechs Themenbereiche: Erstens soll die Bundesregierung binnen zwölf Monaten eine kohärente nationale Sepsis-Strategie mit messbaren Versorgungs- und Mortalitätszielen vorlegen und dafür eine Koordinierungsstelle beim RKI einrichten. Die Sepsis-Stiftung nennt als gesundheitspolitischen Orientierungswert die Vermeidung von mindestens 10.000 sepsisbedingten Todesfällen jährlich. Zweitens soll Aufklärung über das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) gezielt Risikogruppen erreichen — ältere und chronisch kranke Menschen, Immunsupprimierte sowie Schwangere und Pflegebedürftige. Drittens sollen Früherkennung und Behandlung nach einheitlichen Standards in der gesamten Notfallkette verbessert werden, einschließlich strukturierter Notrufabfrageprotokolle für Leitstellen und Rettungsdienste.
Viertens fordert der Antrag eine verbesserte Datengrundlage durch eine nationale Sepsis-Surveillance beim RKI und ein longitudinales Sepsis-Register. Fünftens sollen strukturierte Nachsorgepfade für Sepsis-Überlebende geschaffen werden, die ein verbindliches Entlass- und Überleitungsmanagement sowie ein Screening auf körperliche, kognitive und psychische Folgen umfassen. Sechstens soll die Sepsis-Forschung gestärkt werden, auch im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen (2026–2035) und über den Innovationsfonds beim G-BA.
Wie hat sich die Versorgungslage entwickelt?
Der Antrag stellt fest, dass mehr als die Hälfte der tatsächlichen Sepsisfälle in den DRG-Abrechnungsdaten nicht als solche erkennbar ist. Neben einer lückenhaften Dokumentation nennt die Drucksache als strukturelle Defizite nicht ausreichend abgestimmte Erkennungs- und Eskalationswege entlang der Notfallkette, unzureichende sektorenübergreifende Schulungen sowie eine fehlende strukturierte Langzeitnachsorge. Mit dem Memorandum der Sepsis-Stiftung und dem Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis liegen laut Drucksache bereits Vorarbeiten vor, an die eine nationale Strategie anknüpfen kann.
Sepsis ist ein zeitkritischer medizinischer Notfall. Je schneller sie erkannt und behandelt wird, desto größer sind die Überlebenschancen — doch koordinierte bundesweite Standards fehlen bislang.
Der Antrag macht deutlich, dass die Sepsis-Strategie mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) verzahnt werden soll. Für Bereiche in Länderzuständigkeit, insbesondere die präklinische Sepsis-Erkennung in Leitstellen und Rettungsdiensten, sieht der Antrag eine verbindliche Abstimmung über die Gesundheitsministerkonferenz vor. Als internationales Vorbild für Patientensicherheit im Krankenhaus wird das australische Programm „Between the Flags“ sowie das englische Programm „Martha’s Rule“ zur unabhängigen klinischen Zweitbeurteilung angeführt.
Betroffen sind jährlich mindestens 230.000 erwachsene Patientinnen und Patienten in Deutschland sowie deren Angehörige. Besondere Risikogruppen sind ältere und chronisch kranke Menschen, Immunsupprimierte, Schwangere, Frauen im Wochenbett, Neugeborene und Kinder sowie Pflegebedürftige. Sepsis-Überlebende tragen häufig eine erhebliche Langzeitlast: Neu eingetretene Pflegebedürftigkeit, kognitive und psychische Folgeerkrankungen sowie ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko im ersten Jahr nach Entlassung prägen ihren weiteren Versorgungsweg.
Der Antrag (BT-Drs. 21/8940) wurde am 4. November 2026 eingebracht und ist an den zuständigen Ausschuss zu überweisen. Dort finden Beratungen statt, bevor der Bundestag im Plenum über den Antrag abstimmt. Eine Ausschussempfehlung und die abschließende Plenumsentscheidung stehen noch aus.
- Sepsis
- Lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Immunantwort auf eine Infektion; umgangssprachlich als 'Blutvergiftung' bezeichnet.
- QS-Verfahren Sepsis
- Qualitätssicherungsverfahren nach der DeQS-Richtlinie, das am 1. Januar 2026 gestartet ist und die stationäre Sepsis-Versorgung bei Erwachsenen erfasst und bewertet.
- Antibiotic Stewardship
- Strukturiertes Programm zur Optimierung des Antibiotikaeinsatzes, um Resistenzentwicklungen zu vermindern und Behandlungsergebnisse zu verbessern.
Was ist Sepsis und wie gefährlich ist sie?
Sepsis ist eine lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Immunantwort auf eine Infektion. In Deutschland sterben laut Antrag jährlich mindestens 85.000 Menschen daran — das entspricht etwa einem Todesfall alle sechs Minuten.
Was fordert der Grünen-Antrag konkret?
Der Antrag fordert eine nationale Sepsis-Strategie, die innerhalb von zwölf Monaten vorgelegt werden soll, eine Koordinierungsstelle beim RKI, verbesserte Früherkennung in Rettungskette und Notaufnahmen sowie strukturierte Nachsorge für Überlebende.
Warum hat Deutschland noch keine nationale Sepsis-Strategie?
Die Bundesregierung hat bislang auf Länderzuständigkeiten verwiesen. Laut Antrag entbindet dies den Bund jedoch nicht davon, eigene Kompetenzen etwa im SGB V, bei der medizinischen Ausbildung und der Forschungsförderung auszuschöpfen.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8940 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































