- Sorgearbeit drängt hunderttausende Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt
- Frauen leisten täglich 76 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer
- Unternehmen entstehen jährlich Folgekosten von rund 19 Milliarden Euro
Erwerbs- und Sorgearbeit: Was passiert, wenn Pflege und Beruf unvereinbar werden?
Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat im August 2026 eine Übersicht qualitativer Studien zu den Arbeitsmarktfolgen von Sorgearbeit veröffentlicht (WD 6 – 3000-003/26). Anlass war die parlamentarische Frage, welche Konsequenzen für den Arbeitsmarkt entstehen, wenn Personen wegen unvereinbarer Arbeitszeiten die Erwerbstätigkeit zugunsten von Pflege oder Kinderbetreuung aufgeben oder einschränken.
Ausgangslage: Wachsende Pflegebedürftigkeit, anhaltende Betreuungslücken
Die Analyse unterscheidet zwei Formen der Sorgearbeit: die häusliche Pflege von Angehörigen nach dem SGB XI und die Kinderbetreuung nach dem BEEG. Bereits heute sind rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig; 80 Prozent davon werden im häuslichen Umfeld versorgt, zwei Drittel überwiegend durch Angehörige. Laut Statistischem Bundesamt könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2055 auf etwa 6,78 Millionen steigen – ein Anstieg von 37 Prozent. Im Bereich der Kinderbetreuung besteht in allen Bundesländern weiterhin eine Betreuungslücke: Der elterliche Bedarf übersteigt die tatsächliche Betreuungsquote durchgehend.
Gender Care Gap: Frauen tragen die Hauptlast
Die Sorgearbeit ist geschlechtlich ungleich verteilt. Der sogenannte Gender Care Gap beträgt 43,4 Prozent: Frauen leisten täglich rund 76 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Frauen stellen zudem 67 Prozent der erwerbsfähigen Hauptpflegepersonen. Studien zeigen, dass Frauen häufiger Frühverrentungsmöglichkeiten nutzen, um Pflegeaufgaben zu übernehmen. Fragmentierte Arbeitszeiten – also unterbrochene Arbeitstage – verschärfen diese Ungleichheit zusätzlich, da Frauen Unterbrechungen überwiegend aus Sorgeverpflichtungen heraus erleben, Männer hingegen aus beruflichen Gründen.
Arbeitsmarktfolgen: Stille Reserve und Einkommensverluste
Konkrete gesamtwirtschaftliche Studien zur exakten Folgenabschätzung fehlen laut dem Wissenschaftlichen Dienst bislang. Vorhandene Untersuchungen nähern sich dem Thema jedoch an: Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zählen Personen, die wegen fehlender Betreuungsmöglichkeiten nicht erwerbstätig sind, zur sogenannten stillen Reserve. Stockhausen (2025) beziffert, dass rund 625.000 Pflegende im erwerbsfähigen Alter ihren Erwerbsumfang reduziert haben, etwa 405.000 davon haben die Erwerbstätigkeit ganz aufgegeben. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe berichtet auf Basis von DIW-Daten, dass pflegende Angehörige im Durchschnitt 538 Euro monatlich weniger verdienen als Nichtpflegende. Eine vom BMFSFJ in Auftrag gegebene Studie von Krebs (2023) errechnet, dass ein bedarfsgerechter Ausbau der Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur die Erwerbsbeteiligung von Frauen um rund 600.000 Vollzeitäquivalente steigern und das Bruttoinlandsprodukt um jährlich rund 60 Milliarden Euro erhöhen könnte.
Betriebliche Kosten und sozialpolitische Folgen
Für Unternehmen entstehen durch mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Pflege Folgekosten von schätzungsweise rund 19 Milliarden Euro jährlich, wie eine Studie des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik aus dem Jahr 2011 ermittelt hat – pro betroffener beschäftigter Person durchschnittlich 14.154 Euro. Auf der Ebene der Sozialversicherung führt eine reduzierte Erwerbstätigkeit zu geringeren Rentenansprüchen; die geltenden Regelungen nach Pflegezeitgesetz und Familienpflegezeitgesetz gleichen diese Nachteile laut dem unabhängigen Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf nur unzureichend aus.
Der Wissenschaftliche Dienst hält abschließend fest, dass die Literatur Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zwar allgemein benennt, eine präzise Antwort auf die ursprüngliche Fragestellung aber noch aussteht. Als politische Konsequenzen werden der Ausbau der Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur, monetäre Anreize für eine gleichmäßigere Verteilung der Sorgearbeit sowie sorgesensible Arbeitszeitmodelle gefordert.


































































