Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat eine umfassende Analyse zu Straßennamen mit SED- und DDR-Bezug sowie deren Umbenennungsprozessen nach 1990 vorgelegt. Die Untersuchung beleuchtet sowohl beispielhafte Umbenennungsverfahren als auch den aktuellen Bestand entsprechender Straßennamen in Deutschland.
Umbenennungsprozesse in den 1990er Jahren
Nach der Wiedervereinigung entstanden in vielen ostdeutschen Städten Kommissionen und Arbeitsgruppen zur systematischen Umbenennung von Straßen mit kommunistischem Bezug. Diese Prozesse verliefen keineswegs konfliktfrei – zeitgenössische Medien berichteten von „erbitterten“ und „skurrilen“ Auseinandersetzungen um die Straßennamen.
Besonders detailliert dokumentiert der Bericht die Vorgänge in Berlin, Schwerin und Rostock. In Berlin erfolgte die Umbenennung in zwei Phasen: Zunächst benannten die Bezirke 60 Straßen um, wobei sie einen „moderat-minimalistischen“ Ansatz verfolgten. In einer zweiten Phase übernahm der Berliner Senat unter Berufung auf den Hauptstadtkooperationsvertrag die Kompetenz für weitere Umbenennungen im Regierungsviertel. Eine eigens eingesetzte unabhängige Kommission unter Beteiligung der Historiker Heinrich August Winkler und Christoph Stölzl erarbeitete wissenschaftlich fundierte Empfehlungen, die jedoch nur teilweise umgesetzt wurden.
Quantitative Bestandsaufnahme
Die systematische Erfassung aktueller Straßennamen zeigt ein differenziertes Bild: Während Stalin-Straßen bereits in den 1960er Jahren im Zuge der Entstalinisierung verschwanden, existieren noch etwa 310 Ernst-Thälmann-Straßen, 72 Wilhelm-Pieck-Straßen und 16 Lenin-Straßen. Viele Straßen nach führenden SED-Funktionären wurden hingegen weitgehend umbenannt.
Bemerkenswert ist der Befund zu Straßennamen mit Bezug zu Opfern der kommunistischen Diktatur und Bürgerrechtsbewegungen: Hier wurden deutlich weniger Benennungen vorgenommen. Lediglich 13 Straßen erinnern an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, neun an Robert Havemann und sechs an Peter Fechter. Viele prominente Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Christian Führer oder Gerd Poppe sind bislang nicht durch Straßennamen gewürdigt worden.
Methodische Einschränkungen
Der Wissenschaftliche Dienst weist darauf hin, dass die quantitative Erhebung auf einer Vorrecherche mittels Internetdiensten und KI-Tools basiert und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Eine lückenlose bundesweite Erfassung wäre nur durch direkten Zugriff auf alle kommunalen Datenbanken möglich.
Die Analyse verdeutlicht, dass die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in der Straßennamengebung noch nicht abgeschlossen ist und regional sehr unterschiedlich erfolgte. Während die Entfernung eindeutig mit der SED-Diktatur verbundener Namen weitgehend vollzogen wurde, steht eine angemessene Würdigung von Widerstand und Bürgerrechtsbewegung vielfach noch aus.




























































