- 13 Forderungen für beschleunigten Wasserstoffhochlauf in Deutschland
- Marktinstrument für grünen Wasserstoff soll im Haushalt 2027 verankert werden
- Bis 2030 soll mindestens die Hälfte des Raffinerie-Wasserstoffs grün sein
Hintergrund
Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD (2025) sieht vor, dass Deutschland eine führende Rolle in einer europäischen Wasserstoffinitiative einnimmt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat zuletzt zehn Impulse für einen Wasserstoff-Markthochlauf veröffentlicht. Weltweit investieren Länder wie China massiv in Wasserstofftechnologien, was den Wettbewerbsdruck auf den deutschen Industriestandort erhöht. Für die Dekarbonisierung bestimmter Industriebranchen – etwa bei der Produktion von Flugkraftstoffen oder in der Stahlindustrie – gilt Wasserstoff als unverzichtbar, da eine vollständige Elektrifizierung dort technisch nicht möglich ist.
Im Detail
„Wer jedoch eine führende Rolle in diesem Bereich übernehmen will, darf nicht nur über mögliche Maßnahmen oder Impulse für einen Wasserstoffhochlauf ewig reden, sondern muss diese auch tatsächlich in die Tat umsetzen.“
— BT-Drs. 21/8926, Feststellungsteil I, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Deutschland will beim Wasserstoffhochlauf eine führende Rolle in Europa spielen – doch nach Einschätzung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fehlt es der Bundesregierung bisher an konkretem Handeln. Mit BT-Drs. 21/8926 vom 3. November 2026 legt die Fraktion einen Antrag mit 13 Forderungen vor, der den Wasserstoffhochlauf beschleunigen soll. Zentrales Element ist ein planbares Marktinstrument für grünen Wasserstoff, das noch im Haushalt 2027 verankert werden soll.
Wasserstoffhochlauf: Warum jetzt gehandelt werden muss
Wasserstoff gilt als Schlüsseltechnologie für die Dekarbonisierung jener Industriesektoren, in denen eine vollständige Elektrifizierung technisch nicht möglich ist – etwa bei der Herstellung von Flugkraftstoffen, in der Stahlindustrie oder der Chemieerzeugung. Gleichzeitig investieren Konkurrenten wie China massiv in Wasserstofftechnologien. Laut Antrag schwindet das Vertrauen von Industrie, Netzbetreibern und potenziellen Wasserstoffkunden zunehmend, weil verlässliche staatliche Rahmenbedingungen fehlen. Die Fraktion sieht die Gefahr, dass Deutschland bei dieser Zukunftstechnologie ins Hintertreffen gerät, wenn der Hochlauf weiter verzögert wird.
Was gilt aktuell?
Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD (2025) bekennt sich zur führenden Rolle Deutschlands in einer europäischen Wasserstoffinitiative. Das Bundeswirtschaftsministerium hat zuletzt zehn Impulse für einen Wasserstoff-Markthochlauf veröffentlicht. Bestehende Förderinstrumente wie IPCEI-Projekte, Klimaschutzverträge und die H2Global-Stiftung unterstützen den Hochlauf bereits, laut Antrag jedoch nicht ausreichend systematisch. Eine verbindliche Marktstruktur mit planbaren Förderbedingungen fehlt bislang.
Die 13 Forderungen im Überblick
Der Antrag fordert zunächst eine klare Priorisierung: Wasserstoff soll vorrangig dort eingesetzt werden, wo keine gleichwertigen Alternativen existieren – etwa in der Industrie, nicht im Wärmesektor. Die derzeit geplante Grüngasquote im Wärmebereich hält die Fraktion für eine Fehlsteuerung, die Kosten treibt und industrielle Versorger gefährdet. Weitere Forderungen umfassen den Abbau bürokratischer Hürden, die Einführung eines EU-beihilferechtkonformen Marktinstruments sowie verbindliche Umstellungspläne für Kraftwerksbetreiber auf Wasserstoff nach einem Kapazitätszuschlag. Bis 2030 soll laut Antrag mindestens die Hälfte des in Raffinerien eingesetzten Wasserstoffs grüner Wasserstoff sein; gleichzeitig sollen Fehlanreize für den Einsatz von Wasserstoff im Straßenverkehr abgebaut werden.
Für den Infrastrukturausbau fordert die Fraktion den zügigen Ausbau des Wasserstoff-Kernnetzes sowie die Prüfung bestehender Gasspeicher auf ihre Umrüstbarkeit für Wasserstoff. Die Stromsteuer soll für alle Akteure auf das europäische Mindestmaß gesenkt werden – ein Punkt, der bereits im Koalitionsvertrag steht, bisher aber nicht umgesetzt wurde. Ergänzend soll die Bundesregierung aktiv mit der EU-Kommission über praxistauglichere RFNBO-Kriterien verhandeln und Forschung entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette stärken.
Öffentliche Beschaffung als Hebel
Neben Marktinstrumenten setzt der Antrag auch auf die Vorbildrolle des Staates: Der Bund soll verpflichtet werden, bei der Erfüllung öffentlicher Aufgaben Produkte zu bevorzugen, die in Deutschland und Europa mit grünem Wasserstoff hergestellt wurden. Damit sollen Leitmärkte für Produkte aus grünem Wasserstoff entstehen. Dieser Ansatz ähnelt anderen Nachhaltigkeitsregeln im öffentlichen Beschaffungswesen, wie sie etwa im Bereich Digitalisierung und Kontrolle öffentlicher Leistungen diskutiert werden.
Der Antrag spiegelt einen breiteren industriepolitischen Trend wider: Wie auch in anderen Technologiebereichen – etwa bei den zentralen Drucksachen vom 4. November 2026 – steht die Frage im Mittelpunkt, ob Deutschland die staatlichen Rahmenbedingungen rechtzeitig schafft, um im internationalen Wettbewerb nicht zurückzufallen.
Betroffen sind vor allem energieintensive Industrieunternehmen, die für ihre Dekarbonisierung auf Wasserstoff angewiesen sind, sowie Netzbetreiber und Projektinitiatoren, die auf verlässliche staatliche Rahmenbedingungen warten. Mittelbar betrifft das Thema alle Steuerzahler, da Fördermittel und Marktinstrumente aus dem Bundeshaushalt finanziert werden.
Der Antrag (BT-Drs. 21/8926) wurde am 3. November 2026 eingebracht und wird zunächst an die zuständigen Ausschüsse überwiesen. Nach Abschluss der Ausschussberatungen ist eine Abstimmung im Bundestag–Plenum vorgesehen. Da es sich um einen Oppositionsantrag handelt, gilt die Zustimmung der Regierungsmehrheit als unwahrscheinlich.
- Wasserstoffhochlauf
- Bezeichnet die Phase, in der die Produktion, Verteilung und Nutzung von Wasserstoff schrittweise auf ein wirtschaftlich tragfähiges Niveau skaliert wird.
- IPCEI
- Important Projects of Common European Interest – EU-geförderte Großprojekte in strategischen Industriebereichen, bei denen mehrere Mitgliedstaaten zusammenarbeiten. Im Wasserstoffbereich dienen sie der grenzüberschreitenden Infrastruktur- und Technologieentwicklung.
- THG-Quote
- Treibhausgasminderungs-Quote – verpflichtet Kraftstoffanbieter, einen wachsenden Anteil ihrer Produkte durch klimafreundliche Alternativen zu ersetzen und ist ein Steuerungsinstrument für den Einsatz erneuerbarer Kraftstoffe.
Was ist grüner Wasserstoff?
Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse mit Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt und gilt als klimaneutral. Er soll in Industrien eingesetzt werden, die sich nicht allein durch Elektrifizierung dekarbonisieren lassen.
Was ist das Wasserstoff-Kernnetz?
Das Wasserstoff-Kernnetz ist ein geplantes deutschlandweites Leitungsnetz, das Erzeuger und Verbraucher von Wasserstoff verbindet. Es soll Industriestandorten einen Anschluss an die Wasserstoffversorgung ermöglichen.
Was sind RFNBO-Kriterien?
RFNBO steht für 'Renewable Fuels of Non-Biological Origin' – das sind EU-Regeln, die festlegen, unter welchen Bedingungen Wasserstoff als erneuerbar gilt. Die Grünen fordern praxistauglichere Ausgestaltung dieser Kriterien.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8926 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































