- CCfD-Wasserstoff-Fenster mit mind. 1,5 Mrd. Euro geplant
- Drei Stahlprojekte erhalten zusammen rund 6 Mrd. Euro Förderung
- ArcelorMittal stieg aus wasserstoffbasierter Produktion aus
Hintergrund
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat am 19. Oktober 2026 ein Papier mit zehn Maßnahmen für den Wasserstoffhochlauf veröffentlicht. Die Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen (BT-Drs. 21/8519) bezieht sich auf dieses Papier sowie auf frühere Schriftliche Fragen vom 16. Juli 2026 (BT-Drs. 21/7180). Hintergrund ist, dass die Erzeugungskosten für erneuerbaren Wasserstoff bisher nicht wie erwartet gesunken sind und teils deutlich über den Zahlungsbereitschaften potenzieller Abnehmer liegen. Das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz sowie das EU-Gas-/Wasserstoff-Binnenmarktpaket bilden den regulatorischen Rahmen, den die Bundesregierung im Zuge der Koalitionsvereinbarungen von CDU, CSU und SPD (Randnummern 1093 bis 1113) umsetzt.
- Mind. 1,5 Mrd. Euro — Haushaltsmittel für das neue Wasserstoff-Fenster im CCfD-Programm (Ausschreibungsrunde 2027)
- Rund 6 Mrd. Euro — Förderbescheide für Dekarbonisierungsprojekte der Primärstahlhersteller Salzgitter AG, Thyssenkrupp Steel Europe AG und Stahl-Holding-Saar
- Bis zu 5 Mrd. Euro — Volumen der CCfD-Gebotsrunde 2026 des BMWE
- 4 GW — Kraftwerksleistung, die bis 2043 vorzeitig auf Wasserstoff umstellen soll (je 2 GW bis 2040 und 2043)
- 50–70 Prozent — Erwarteter Importanteil am deutschen Wasserstoffbedarf laut Bundesregierung
Im Detail
Das Paket beinhaltet Maßnahmen in vier Bereichen: (1) Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit von Wasserstoff, (2) Bedarfsorientierter Infrastrukturaufbau, (3) Stimulierung der Nachfrage und Reduzierung der Kostenlücke mit dem Kernelement eines neuen eigenen Wasserstoff-Fensters im CO2-Differenzkosten (CCfD) Programm mit Haushaltsmitteln von mind. 1,5 Mrd. EUR, (4) Stärkung von Governance und Technologieführerschaft.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/8813, S. 2–3
Der Wasserstoffhochlauf in Deutschland kommt langsamer voran als ursprünglich geplant — die Erzeugungskosten für grünen Wasserstoff sind bisher nicht wie erwartet gesunken und liegen teils deutlich über den Zahlungsbereitschaften potenzieller Abnehmer. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) hat darauf am 19. Oktober 2026 mit einem Zehn-Maßnahmen-Paket reagiert. Kern des Pakets ist ein neues Wasserstoff-Fenster im CO₂-Differenzvertrags-Programm (CCfD) mit Haushaltsmitteln von mindestens 1,5 Milliarden Euro für die Ausschreibungsrunde 2027. Das gesamte CCfD-Programm umfasst bis zu 8,7 Milliarden Euro für unterschiedliche CO₂-Vermeidungstechnologien.
Wasserstoffhochlauf: Was die Bundesregierung konkret plant
Das Zehn-Punkte-Paket gliedert sich in vier Bereiche: Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit von Wasserstoff, bedarfsorientierter Infrastrukturaufbau, Stimulierung der Nachfrage sowie Stärkung von Governance und Technologieführerschaft. Bereits 2026 hat das BMWE eine CCfD-Gebotsrunde mit einem Volumen von bis zu 5 Milliarden Euro durchgeführt. Für die Industrie — besonders die Stahlbranche — bestehen bereits Förderbescheide in Höhe von rund 6 Milliarden Euro für drei große Dekarbonisierungsprojekte: die Salzgitter AG, Thyssenkrupp Steel Europe AG und Stahl-Holding-Saar. Diese Projekte sehen eine Wasserstoffabnahme über das Wasserstoffkernnetz vor und laufen bereits.
Ein Rückschlag für den Wasserstoffhochlauf war der Rückzug von ArcelorMittal: Das Unternehmen hat nach Angaben der Bundesregierung seit dem Sommer 2025 auf eine Zuwendung für wasserstoffbasierte Produktion in Deutschland verzichtet. Die Bundesregierung wertet dies als unternehmerische Entscheidung. Die Planung des Wasserstoffkernnetzes erfolgt nach eigener Aussage bedarfsgerecht und berücksichtigt den Umsetzungsstand der Projekte.
Sektorprioritäten und Importstrategie beim Wasserstoffhochlauf
Obwohl die Grünen-Fraktion ausdrücklich eine Rangfolge der drei Versorgungssektoren Wärme, Industrie und Verkehr erbat, nennt die Bundesregierung keine klare Priorisierung. Stattdessen setzt sie auf einen Markthochlauf zunächst dort, wo ein wirtschaftlicher Einsatz früher zu erwarten ist oder Nachfrage mit vertretbarem Aufwand angeregt werden kann — also vor allem in Bereichen, in denen direkte Elektrifizierung nicht möglich oder unwirtschaftlich ist. Den Importbedarf schätzt die Bundesregierung auf 50 bis 70 Prozent des deutschen Wasserstoffbedarfs, betont aber, dass es sich dabei um keine feste Zielgröße handelt. Spezifische Importrouten legt sie nicht fest; Unternehmen entscheiden dies eigenständig. Über das Förderprogramm H2Global wird auf Diversifizierung geachtet — die zweite Ausschreibungsrunde vergibt sogenannte Regionallosen für Asien, Afrika, Nord- und Südamerika.
Kraftwerke, Kernnetz und EU-Rahmen
Alle im Rahmen der Kraftwerksstrategie gebauten Kraftwerke müssen wasserstofffähig sein und spätestens ab 2045 klimaneutral betrieben werden. Um einen früheren Umstieg zu fördern, sollen je 2 GW Kraftwerksleistung bereits 2040 und 2043 auf Wasserstoff umstellen. Der entsprechende Rechtsrahmen befindet sich laut BT-Drs. 21/8813 noch in Erarbeitung. Auf europäischer Ebene hat sich Deutschland gemeinsam mit Spanien, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, Slowenien und Luxemburg für eine Überarbeitung der RFNBO-Verordnung eingesetzt. Die EU-Kommission kündigte Änderungen an, die Anfang 2027 in Kraft treten sollen — die konkreten Vorschläge werden voraussichtlich erst im Herbst 2026 veröffentlicht. Für die Energieversorgungssicherheit relevant ist auch die Entwicklung im Stromnetz, da Elektrolyseanlagen direkt von günstigen Strompreisen abhängen.
Für mittelständische Unternehmen stehen neben dem CCfD-Programm die Förderprogramme BIK (Bundesförderung Industrie und Klimaschutz) und EEW (Bundesförderung Energie- und Ressourceneffizienz) offen. Kleine und mittlere Unternehmen erhalten dabei eine höhere Förderintensität als große Unternehmen. Das BIBB untersucht in einer Szenarioanalyse den Fachkräftebedarf entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette bis 2040 — der 2026 veröffentlichte Bericht zeigt, in welchen Berufsgruppen zusätzlicher Bedarf zu erwarten ist. Wie beim Thema Strompreise zeigt sich auch beim Wasserstoffhochlauf, dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen und staatliche Absicherung entscheidend dafür sind, ob Unternehmen langfristig investieren.
Industrieunternehmen — besonders in der Stahl-, Chemie- und Zementbranche — sind direkt betroffen, da sie auf wasserstoffbasierte Produktionsverfahren umstellen sollen. Mittelständische Betriebe können ebenfalls Fördermittel aus den Programmen BIK und CCfD beantragen. Fachkräfte in Montage-, Betriebs- und Wartungsberufen werden durch den Wandel der Energiewirtschaft langfristig neue Qualifikationsanforderungen erhalten.
Die Bundesregierung beantwortet mehrere Fragen durch Querverweise auf frühere Antworten (Fragen 4 und 6) und auf externe Dokumente. Bei Frage 5 zu den Ausbauzielen verweist sie lediglich auf die Antwort vom 16. Juli 2026, ohne die konkrete Umgestaltung der Ziele zu erläutern. Bei Frage 2 zur Sektorpriorisierung nennt sie keine klare Reihenfolge, obwohl diese ausdrücklich erbeten wurde.
Die Anfrage ist mit der Antwort des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vom 27. Oktober 2026 (BT-Drs. 21/8813) abgeschlossen. Offen bleiben die konkrete Ausschreibungsrunde 2027 für das CCfD-Wasserstoff-Fenster, die EnWG-Novelle zur Umsetzung des EU-Binnenmarktpakets im parlamentarischen Verfahren sowie die EU-Überarbeitung der RFNBO-Verordnung, deren Vorschläge voraussichtlich im Herbst 2026 veröffentlicht werden sollen.
- CCfD (Carbon Contracts for Difference)
- CO₂-Differenzverträge: staatliche Verträge, die Unternehmen die Mehrkosten klimafreundlicher Produktion gegenüber fossilen Alternativen absichern und so Investitionen in die Dekarbonisierung ermöglichen.
- RFNBO
- Renewable Fuels of Non-Biological Origin: EU-rechtlicher Begriff für erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs, insbesondere grüner Wasserstoff. Die EU-Verordnung 2023/1184 legt strenge Kriterien für deren Einstufung fest.
- Wasserstoffhochlauf
- Politischer und wirtschaftlicher Begriff für den schrittweisen Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft — von der Erzeugung über Transport und Speicherung bis zur industriellen Nutzung.
Was ist das CCfD-Wasserstoff-Fenster?
Das CCfD-Programm (CO₂-Differenzverträge) sichert Projekten die Mehrkosten gegenüber fossilen Alternativen ab. Das neue Wasserstoff-Fenster ist eine eigene Förderlinie innerhalb dieses Programms mit mindestens 1,5 Mrd. Euro für die Ausschreibungsrunde 2027.
Welche Stahlunternehmen erhalten Wasserstoffförderung?
Salzgitter AG, Thyssenkrupp Steel Europe AG und Stahl-Holding-Saar erhalten Förderbescheide von insgesamt rund 6 Milliarden Euro für ihre Dekarbonisierungsprojekte mit Wasserstoffabnahme über das Kernnetz.
Hat ein Unternehmen die Wasserstofffördermittel zurückgegeben?
Ja, ArcelorMittal hat nach Angaben der Bundesregierung seit dem Sommer 2025 auf eine Zuwendung für wasserstoffbasierte Produktion in Deutschland verzichtet. Die Regierung bezeichnet dies als unternehmerische Entscheidung des Konzerns.
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