- Endlagerkosten stiegen von 7,7 auf 170 Mrd. Euro seit 2012
- Standortentscheidung könnte sich bis 2074 verzögern
- BASE wuchs von 50 auf 500 Stellen trotz fehlender Suchfunktion
Hintergrund
Deutschland sucht seit den 1970er Jahren nach einem geeigneten Standort für ein Endlager für radioaktive Reststoffe. Mit dem Standortauswahlgesetz (StandAG) wurde 2013 ein neues Verfahren gestartet. Der Kostenbericht nuklearer Entsorgung des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2025 beziffert die Gesamtkosten auf 170 Mrd. Euro — mehr als das Siebenfache der 2017 von den Kernkraftwerksbetreibern in den Entsorgungsfonds Kenfo eingezahlten 24,1 Mrd. Euro. Vergleichsländer wie Schweden und Finnland haben ihre Endlager-Standortentscheidungen bereits getroffen; Finnland hat das Endlager Olkiluoto sogar in den Probebetrieb genommen.
- 170 Mrd. Euro — Aktuelle Kostenschätzung des Bundesumweltministeriums (2025) für die gesamte Atommüll-Entsorgung in Deutschland.
- 24,1 Mrd. Euro — Betrag, den die Kernkraftwerksbetreiber 2017 in den Entsorgungsfonds Kenfo eingezahlt haben; Mehrkosten trägt der Steuerzahler.
- 2046 bis 2074 — Spanne der offiziellen Prognosen, in der allein die Standortentscheidung für das Endlager fallen könnte.
- 500 Mitarbeiter BASE / 120 Mitarbeiter BGE — Verhältnis von Aufsichtspersonal zu operativen Endlager-Suchenden; laut Drucksache mehr als 4 BASE-Mitarbeiter je BGE-Suchenden.
- 2 Mrd. Euro — Geschätzte Kosten allein für das deutsche Standortauswahlverfahren, laut Kostenbericht des Bundesumweltministeriums 2025 (S. 17).
Im Detail
Es soll in Deutschland also von den ersten Erkundungen in den 1970ern fast 100 Jahre dauern, nur um den richtigen Standort für ein Endlager zu finden.
— Vorbemerkung der Fragesteller, BT-Drs. 21/8896
Die Atommüll-Endlagersuche in Deutschland entwickelt sich nach offiziellen Zahlen zum milliardenschweren Langzeitprojekt: Laut Kostenbericht des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2025 werden die Gesamtkosten der nuklearen Entsorgung auf 170 Mrd. Euro beziffert — gegenüber 7,7 Mrd. Euro auf Preisbasis 2012 und den 24,1 Mrd. Euro, die die Kernkraftwerksbetreiber 2017 in den staatlichen Entsorgungsfonds Kenfo eingezahlt haben. Die AfD-Fraktion stellt mit BT-Drs. 21/8896 vom 3. November 2026 dreißig Fragen zu Effizienz, Kosten und Personalstruktur der Endlagersuche.
Atommüll-Endlager im internationalen Vergleich
Die Anfrage verweist auf den Kontrast zu anderen europäischen Ländern: Schweden hat mit Forsmark einen Standort gewählt, der voraussichtlich bis Mitte der 2030er Jahre in Betrieb gehen soll. Die Baukosten werden auf rund 1,1 Mrd. Euro geschätzt. Finnland betreibt mit Olkiluoto bereits ein Endlager im Probebetrieb. In beiden Ländern dauerten Erkundung und Standortentscheidung 20 bis 30 Jahre. Deutschland begann die geologische Erkundung bereits in den 1970er Jahren — also früher als beide Vergleichsländer. Dennoch soll die Standortentscheidung laut aktuellen Prognosen frühestens 2046, möglicherweise erst 2074 fallen. Allein das deutsche Standortauswahlverfahren soll laut Kostenbericht des Bundesumweltministeriums 2 Mrd. Euro kosten — fast doppelt so viel wie der gesamte Bau des schwedischen Endlagers Forsmark.
Was gilt aktuell?
Seit dem Inkrafttreten des novellierten Standortauswahlgesetzes (StandAG) 2017 läuft ein bundesweites Suchverfahren, das derzeit 90 Standortregionen betrachtet, die zusammen 54 Prozent des deutschen Bundesgebiets abdecken. Konkrete Standortregionen für eine engere Erkundung sollen erst Ende 2027 bekanntgegeben werden. Eine Studie, die die BASE selbst in Auftrag gab und die von Anfang 2020 bis Ende 2023 erarbeitet wurde, kam zu dem Ergebnis, dass das Verfahren noch weitere 50 Jahre zur Standortwahl benötige. Das ursprüngliche Ziel, bis 2031 einen Standort zu finden, soll laut einem Referentenentwurf zur geplanten Novelle des StandAG gestrichen werden.
Personalstruktur der Atommüll-Endlager-Behörden
Die Anfrage thematisiert auch die Personalentwicklung der beteiligten Behörden: Das BASE ist seit seiner Gründung 2014 auf rund 500 Mitarbeiter gewachsen, obwohl es die operative Suche nicht selbst durchführt, sondern die Arbeit von 120 Mitarbeitern der BGE überwacht und die Bürgerbeteiligung organisiert. Dies ergibt laut Drucksache ein Verhältnis von mehr als vier BASE-Mitarbeitern je operativ suchendem BGE-Mitarbeiter. Die Fragesteller fragen nach dem Beitrag einzelner Unterstrukturen wie dem „Referat Lernen, Entwicklung und Vielfalt“ oder dem „Fachgebiet Sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung“ zur nuklearen Entsorgungssicherheit. Die Anfrage erkundigt sich zudem nach den Qualifikationskriterien für die Leitung des BASE sowie nach der fachlichen Expertise des amtierenden Präsidenten bei Amtsantritt im Februar 2024.
Konzeptionelle Fragen zur Endlagerung
Neben Verfahrensfragen stellt die AfD-Fraktion auch grundsätzliche konzeptionelle Fragen: Sie fragt die Bundesregierung, ob das Konzept eines dauerhaften, unüberwachten Endlagers die einzig akzeptable Lösung sei oder ob eine langfristig überwachte Zwischen- beziehungsweise Revisionslagerung die verantwortungsvollere Alternative darstelle. Hintergrund ist, dass manche radioaktiven Reststoffe nach Angaben in der Drucksache erst nach bis zu einer Million Jahren ausreichend abklingen — ein Zeitraum, für den nach Ansicht der Fragesteller keine seriösen Prognosen über geologische Stabilität möglich seien. Auch die Möglichkeit zukünftiger Technologien zur Transmutation oder Nutzung der Stoffe als Rohstoff wird als Argument für Rückholbarkeit angeführt.
Die Bundesregierung hat nach § 104 GO-BT grundsätzlich 14 Tage nach Zuleitung der Anfrage an das Bundeskanzleramt Zeit zur Beantwortung. Eine Antwort liegt noch nicht vor. Zum weiteren parlamentarischen Kontext siehe auch den Bericht zu den wichtigsten Drucksachen vom 7. November 2026.
Weiterlesen:
Unmittelbar betroffen sind die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, die für Kostensteigerungen jenseits der im Kenfo-Fonds hinterlegten 24,1 Mrd. Euro aufkommen. Mittelbar betroffen sind Kommunen und Regionen, die als potenzielle Endlager-Standorte in Frage kommen — derzeit werden 90 Standortregionen betrachtet, die 54 Prozent des deutschen Bundesgebiets abdecken.
Die Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/8896) vom 3. November 2026 ist beim Bundeskanzleramt eingegangen. Die Bundesregierung hat nach § 104 GO-BT grundsätzlich 14 Tage nach Zuleitung an das Bundeskanzleramt Zeit zur Beantwortung. Eine Antwort liegt noch nicht vor.
- BASE
- Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung — 2020 umbenannte Bundesoberbehörde, die die Endlagersuche beaufsichtigt und Bürgerbeteiligung organisiert, aber nicht selbst nach Standorten sucht.
- BGE
- Bundesgesellschaft für Endlagerung — staatliches Unternehmen, das operativ nach einem Endlager-Standort sucht und bestehende Zwischenlager betreibt.
- Kenfo
- Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, in den die Betreiber der Kernkraftwerke 2017 insgesamt 24,1 Mrd. Euro einzahlten, um ihre Haftung für Entsorgungskosten abzulösen.
Was kostet die Atommüll-Endlagerung in Deutschland?
Laut Kostenbericht des Bundesumweltministeriums 2025 werden die Gesamtkosten auf 170 Mrd. Euro geschätzt — gegenüber 7,7 Mrd. Euro auf Preisbasis 2012 und 24,1 Mrd. Euro, die 2017 von den Kraftwerksbetreibern in den Entsorgungsfonds Kenfo eingezahlt wurden.
Wann soll der Standort für das deutsche Atommüll-Endlager feststehen?
Aktuelle offizielle Prognosen nennen 2046 als frühestmöglichen Termin, unter Umständen sogar erst 2074 — allein für die Standortauswahl.
Wie viele Mitarbeiter suchen in Deutschland nach einem Endlager?
Laut Drucksache beschäftigen sich 120 Mitarbeiter der BGE operativ mit der Standortsuche; das BASE überwacht deren Arbeit mit rund 500 Mitarbeitern.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8896 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































