- Litauen verweigert Denkmalschutz für jüdisches Partisanenlager
- Bundeswehr-Nutzung des Übungsplatzes ab zweiter Jahreshälfte 2027 geplant
- Pistorius sprach Thema am 22. Juni 2026 in Litauen persönlich an
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7197 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Im Wald von Rūdninkai, südlich von Vilnius, befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Lager jüdischer Partisanen, die aus dem Wilnaer Ghetto geflohen waren und Widerstand gegen die deutsche Besatzung leisteten. Der Ort gilt als eines der letzten erhaltenen ehemaligen jüdischen Partisanenlager Europas. In der sowjetischen Nachkriegszeit wurden die Waldunterstände mit Beton verstärkt und als Propagandagedenkstätte genutzt — die jüdische Geschichte der Partisanen wurde dabei nicht thematisiert. Nach 1991 wurde die Gedenkstätte geschlossen; die Erinnerungsarbeit wurde in privater Initiative fortgeführt, unter anderem durch die Überlebende Fania Brancowska (1922–2024), die 2009 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Mit der Aufstellung der Panzerbrigade 45 ‚Litauen‘ wird der angrenzende Truppenübungsplatz Rūdininkai künftig dauerhafter Bundeswehr-Standort.
Im Detail
Der Mut und die Taten aller Menschen, die in den verschiedensten Formen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur und Gewaltherrschaft geleistet haben, verdienen aus Sicht der Bundesregierung große Anerkennung.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7197, Antwort zu Frage 19
Im Wald von Rūdninkai, wenige Kilometer südlich von Vilnius, liegt ein Ort, der in der Geschichte des jüdischen Widerstands gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik eine besondere Rolle spielt. Jüdische Partisanen, die aus dem Wilnaer Ghetto geflohen waren, kämpften dort gegen die deutsche Besatzung. Heute liegt dieser Ort auf einem litauischen Truppenübungsplatz, den die Bundeswehr ab voraussichtlich der zweiten Jahreshälfte 2027 dauerhaft mit der Panzerbrigade 45 ‚Litauen‘ nutzen wird. Die Antwort der Bundesregierung auf eine Nachfrage der Fraktion Die Linke (BT-Drs. 21/7197, 16. Juli 2026) zeigt: Das Partisanenlager Rūdninkai steht im Mittelpunkt eines ungeklärten deutsch-litauischen Konflikts über Erinnerungskultur und historische Verantwortung.
Partisanenlager Rūdninkai: Streit um Schutzwürdigkeit
Die Bundesregierung hatte in ihrer früheren Antwort auf BT-Drs. 21/3291 zugesagt, sich als künftiger Nutzer des Übungsplatzes für den Schutz und Erhalt des Ortes einzusetzen. Seither hat sich die Lage verändert: Das litauische Kulturministerium stuft die heute erhaltenen Strukturen als sowjetische Rekonstruktionen ein, die nicht als authentischer Erinnerungsort gelten könnten. Darüber hinaus erwägt es, die Anlage unter das litauische Verbot der Förderung totalitärer Regime einzuordnen — was eine Entfernung ermöglichen würde. Der Direktor des staatlichen Genozid- und Widerstandsforschungszentrums erklärte öffentlich, die sowjetischen Partisanen in Litauen seien als feindlich gegenüber der litauischen Staatlichkeit zu bewerten.
Die Bundesregierung nimmt in ihrer Antwort zu diesen litauischen Positionen keine direkte inhaltliche Stellung, sondern verweist auf ihre Vorbemerkung. Dort stellt sie klar, dass die sowjetische Rekonstruktion der Waldunterstände die historische Bedeutung des Ortes nicht aufhebt: Die Tatsache, dass dort aus dem Wilnaer Ghetto geflohene Jüdinnen und Juden Widerstand leisteten, wurde in der sowjetischen Propaganda bewusst verschwiegen. Auf die direkte Frage, ob Rekonstruktionen aus der Sowjetzeit den historischen Erinnerungswert eines Ortes grundsätzlich entfallen lassen, antwortet die Bundesregierung knapp: Nein.
Pistorius sprach Thema persönlich an
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat das Thema beim Truppenbesuch am 22. Juni 2026 mit seinem litauischen Amtskollegen Robertas Kaunas erörtert. Laut Antwort der Bundesregierung hat Pistorius dabei das politische Interesse Deutschlands an einem verantwortungsvollen Umgang mit dem historischen Ort unterstrichen und darum gebeten, den Ort zu erhalten, zu kennzeichnen und öffentlich zugänglich zu machen. Litauischer Verteidigungsminister Kaunas hat demnach eine Prüfung zugesagt — konkrete Ergebnisse stehen aus.
Mehrere detaillierte Fragen der Fraktion Die Linke zu Gesprächsprotokollen, diplomatischen Noten und bilateralen Konsultationen beantwortet die Bundesregierung nur pauschal: Es sei weder rechtlich geboten noch verwaltungspraktisch leistbar, alle Gespräche und Kontakte vollständig zu dokumentieren. Vertreter der Bundesregierung haben das Partisanenlager seit Dezember 2025 nicht besucht. Die deutsche Botschaft in Vilnius und die Leitung der Brigade ‚Litauen‘ haben sich hingegen vor Ort ein Bild gemacht.
Bildungsarbeit ab 2027 geplant
Nach jetzigem Stand wird die dauerhafte Nutzung des Truppenübungsplatzes durch die Bundeswehr voraussichtlich ab der zweiten Jahreshälfte 2027 möglich sein. Ab diesem Zeitpunkt soll die Geschichte des Waldgebietes Rūdninkai in die politische und historische Bildungsarbeit der Panzerbrigade 45 einbezogen werden. Der Bereich des ehemaligen Partisanenlagers ist nach Angaben der Bundesregierung nicht Teil der Übungsanlagen und nicht von Baumaßnahmen betroffen; die auf dem Übungsplatz durchgeführten Manöver haben demnach keine Auswirkungen auf den Bereich.
Litauen betrachtet das Gelände als Stätte historischer Ereignisse, die jedoch keinen formellen Status als geschütztes Kulturgut innehat. Der Zugang ist nach vorheriger Absprache mit dem zuständigen Kommando möglich. Die Zuständigkeit für eine Zugangsregelung verbleibt auch nach Beginn der Bundeswehr-Nutzung unverändert bei Litauen.
Historischer Hintergrund: Widerstand aus dem Wilnaer Ghetto
Die historische Bedeutung des Partisanenlagers Rūdninkai liegt in seiner Verknüpfung mit dem organisierten jüdischen Widerstand gegen die Shoah. Die Gruppe FPO (Fareynegte Partizaner Organizatsye) wurde 1943 im Wilnaer Ghetto gegründet. Mitglieder flohen in den Rūdninkai-Wald und kämpften dort bis zur Befreiung. Die ehemalige Partisanin Fania Brancowska (1922–2024) führte noch bis ins hohe Alter Gruppen an den historischen Ort und berichtete aus dem Widerstand. Deutschland ehrte sie 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz. Historiker ordnen das Lager als eines der letzten erhaltenen ehemaligen jüdischen Partisanenlager Europas ein — ein Umstand, dem die Bundesregierung in ihrer Antwort zwar Gewicht beimisst, ohne sich jedoch zu konkreten Schutzmaßnahmen zu verpflichten.
Die Spannung zwischen dem deutschen Interesse an Erhalt und Erinnerung einerseits und der litauischen Souveränität über das Gelände andererseits bleibt mit dieser Antwort unaufgelöst. Wie das Thema im Kontext der deutschen Verteidigungspolitik und der NATO-Ostflanke weiter behandelt wird, bleibt abzuwarten. Fragen nach der Glaubwürdigkeit deutscher Erinnerungspolitik — wenn unmittelbar an einem dauerhaften Bundeswehrstandort ein historischer Ort des jüdischen Widerstands gefährdet ist — beantwortet die Bundesregierung in BT-Drs. 21/7197 lediglich mit einem Verweis auf ihre allgemeine Vorbemerkung.
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Betroffen sind die Erinnerungskultur an den jüdischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg sowie die deutsch-litauischen Beziehungen im Kontext der NATO-Ostflankenverteidigung. Jüdische Organisationen, Holocaust-Gedenkstätten und Historiker verfolgen die Entwicklung mit Interesse. Die rund 5.000 Soldatinnen und Soldaten der künftigen Brigade ‚Litauen‘ sind potenziell durch die historisch-politische Bildungsarbeit am Standort betroffen.
Die Bundesregierung weicht mehreren konkreten Fragen aus: Zu den Fragen 4–7 (welche Gespräche, Schreiben und diplomatischen Kontakte seit der letzten Anfrage stattgefunden haben) verweist sie pauschal auf die Unmöglichkeit vollständiger Dokumentation. Fragen 16–18 zu den litauischen Behördenpositionen und Fragen 31–33 zu Glaubwürdigkeit der Erinnerungspolitik werden lediglich auf die allgemeine Vorbemerkung verwiesen, ohne inhaltliche Stellungnahme.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Partisanenlager Rūdninkai: Schutz durch Bundeswehr-Brigade fraglich →
- Panzerbrigade 45 'Litauen'
- Dauerhaft in Litauen stationierter Großverband der Bundeswehr zur Verstärkung der NATO-Ostflanke. Der Aufbau ist Teil des deutschen Beitrags zur kollektiven Verteidigung im Rahmen der NATO.
- FPO (Fareynegte Partizaner Organizatsye)
- Vereinigte Partisanenorganisation — jüdische Widerstandsgruppe im Wilnaer Ghetto, die 1943 gegründet wurde und deren Mitglieder in den Wald von Rūdninkai flohen.
- Erinnerungsort / Gedenkstätte
- Historisch bedeutsamer Ort, der an Verbrechen oder Widerstand erinnert. Ob ein Ort formellen Denkmalschutz erhält, entscheidet das jeweilige nationale Recht.
Was ist das Partisanenlager im Wald von Rūdninkai?
Es handelt sich um ein ehemaliges Lager jüdischer Widerstandskämpfer, die aus dem Wilnaer Ghetto geflohen waren und dort gegen die deutsche Besatzung kämpften. Es gilt als eines der letzten erhaltenen jüdischen Partisanenlager Europas.
Warum liegt das Lager auf einem Bundeswehr-Übungsplatz?
Der Truppenübungsplatz Rūdininkai soll ab voraussichtlich der zweiten Jahreshälfte 2027 dauerhaft von der Panzerbrigade 45 'Litauen' genutzt werden. Das ehemalige Partisanenlager ist nicht Teil der Übungsanlagen und von Manövern nicht direkt betroffen.
Warum will Litauen das Lager nicht schützen?
Das litauische Kulturministerium stuft die heutigen Strukturen als sowjetische Rekonstruktionen ein und damit als nicht authentisch. Zudem könnte die Anlage unter das litauische Verbot der Förderung totalitärer Regime fallen.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7197 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.



































































