- 7,3 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne
- Keine gezielten Bundesmittel für Migräneforschung seit 2015
- Erwerbsminderungsrenten wegen Migräne stiegen auf 309 Fälle (2025)
Hintergrund
Migräne gilt laut Weltgesundheitsorganisation als eine der weltweit am stärksten beeinträchtigenden Erkrankungen und ist für Menschen unter 50 Jahren die häufigste Ursache krankheitsbedingter Einschränkungen. Die RKI-Studie BURDEN 2020 erhebt bundesweit Daten zur Krankheitslast und weist Kopfschmerzerkrankungen als eine der Hauptursachen der Bevölkerungslast aus. Die Fraktion Die Linke hatte mit der Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/8084) zwanzig Fragen zu Versorgung, Forschungsförderung, Erwerbsminderung und geplanten Strategien gestellt. Das Bundesministerium für Gesundheit übermittelte die Antwort am 12. Oktober 2026.
- 7,3 Millionen — Erwachsene in Deutschland mit gesicherter Migräne laut RKI-Studie BURDEN 2020 (ca. 5,3 Mio. Frauen, ca. 2,0 Mio. Männer).
- ca. 800.000 — Menschen mit chronischer Migräne (mehr als 14 Kopfschmerztage/Monat) laut RKI-Schätzung.
- 3.397.137 — Arbeitsunfähigkeitstage wegen Migräne (G43) im Jahr 2024 (Quelle: GKV-Statistik KG8).
- 309 — Neue Erwerbsminderungsrenten mit Hauptdiagnose Migräne im Jahr 2025, gegenüber 171 im Jahr 2019.
- 27.826 Euro — Gesamtförderung des BMG für Migräne-Aufklärung und Seminare in den Jahren 2021 und 2023 (7.060 Euro Broschüre + 20.766 Euro Seminar).
Im Detail
Es wurden keine Bundesmittel ausschließlich für Forschung an häufiger episodischer und chronischer Migräne bereitgestellt.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/8525, S. 10
Migräne betrifft in Deutschland rund 7,3 Millionen Erwachsene — das entspricht fast einem Zehntel der Bevölkerung. Dennoch verfügt der Bund über keine gezielte nationale Strategie für diese Volkskrankheit, und seit 2015 wurden nach eigenen Angaben der Bundesregierung keine Bundesmittel ausschließlich für die Erforschung der häufigen episodischen oder chronischen Migräne bereitgestellt. Das geht aus der Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit vom 12. Oktober 2026 auf die Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke hervor (BT-Drs. 21/8525).
Migräne in Deutschland: Was die Zahlen zeigen
Die Datenbasis der Bundesregierung stammt im Wesentlichen aus der RKI-Krankheitslaststudie BURDEN 2020, für die zwischen Oktober 2019 und März 2020 bundesweit 5.009 Erwachsene telefonisch befragt wurden. Demnach erfüllen 14,8 Prozent der Frauen und 6,0 Prozent der Männer alle diagnostischen Migränekriterien — insgesamt rund 7,3 Millionen Menschen. Rund 800.000 Erwachsene leiden unter chronischer Migräne, also an mehr als 14 Kopfschmerztagen pro Monat. Besonders hoch ist die Betroffenheit bei jungen Frauen: In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre liegt die Prävalenz bei knapp 26 Prozent.
Für das Jahr 2024 weist die GKV-Statistik KG8 insgesamt rund 3,4 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage mit der Hauptdiagnose Migräne (ICD-10: G43) aus. Davon entfallen rund 1,03 Millionen AU-Fälle auf Frauen und 317.724 auf Männer. 94 Prozent der Fälle dauern bis zu sieben Tage. Gleichzeitig stieg die Zahl neuer Erwerbsminderungsrenten mit der Diagnose Migräne von 171 im Jahr 2019 kontinuierlich auf 309 im Jahr 2025 — ein Anstieg von rund 80 Prozent innerhalb von sechs Jahren.
Was gilt aktuell bei Versorgung und Förderung?
Strukturierte Behandlungsprogramme — sogenannte Disease Management Programme (DMP) — existieren für Migräne nicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat bislang keine entsprechende Empfehlung abgegeben, und die Bundesregierung plant auch keine gesetzliche Initiative dazu. Patientenschulungen sind nach § 43 Absatz 1 Nummer 2 SGB V grundsätzlich als ergänzende Rehabilitationsleistung möglich, wenn ein Arzt sie verordnet und die Krankenkasse zustimmt. Eine eigenständige Leistungsgruppe für spezielle Schmerztherapie im Rahmen der Krankenhausreform ist nach Angaben der Bundesregierung ebenfalls nicht geplant.
Im Bereich der Aufklärung hat das Bundesministerium für Gesundheit in den vergangenen zehn Jahren lediglich zwei Maßnahmen gefördert: eine Broschüre zu Migräne bei Frauen im Jahr 2021 (7.060 Euro) und ein Patientenseminar im Jahr 2023 (20.766 Euro). Weitere Kampagnen sind laut Bundesregierung derzeit nicht geplant. Eine ressortübergreifende Strategie speziell für Migränekranke ist nicht vorgesehen; stattdessen verweist die Bundesregierung auf allgemeine Teilhabe-Programme wie den Nationalen Aktionsplan zur UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesprogramm rehapro.
Datenlücken bei zentralen Versorgungsfragen
Für mehrere politisch relevante Fragen liegen der Bundesregierung nach eigener Auskunft keine Daten vor: So fehlen valide Informationen zu Wartezeiten bei Neurologen und in Kopfschmerzambulanzen, zur regionalen Versorgungsverteilung, zur Zahl therapieresistenter Patienten sowie zu Behinderungsgraden aufgrund von Migräne. Auch zur Anzahl gesetzlich Versicherter, die moderne Migränemedikamente wie CGRP-Antikörper erhalten, hat die Bundesregierung keine Erkenntnisse. Auf mehrere dieser Fragen verweist sie auf das Forschungsdatenzentrum (FDZ) Gesundheit, bei dem entsprechende Auswertungen auf Antrag möglich seien.
Aktuell diskutiert wird zudem die Auswirkung der geplanten Krankmeldungspflicht ab dem ersten Krankheitstag auf Menschen mit anfallsartigen Erkrankungen wie Migräne. Der Koalitionsausschuss hat am 1. Juli 2026 die Einführung dieser Pflicht sowie die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung beschlossen. Die Bundesregierung erklärt, die konkrete Umsetzung werde regierungsintern noch geprüft; spezifische Folgen für Migränepatienten seien von der endgültigen Ausgestaltung abhängig. Chronisch Kranke sind bisher von der Zuzahlungsbelastungsgrenze bei einem Prozent des Haushaltseinkommens geschützt — diese Grenze bleibt laut Antwort unverändert erhalten. Mehr zu aktuellen GKV-Fragen findet sich auch im Beitrag zu den Mehrbelastungen für Versicherte.
Für die geschlechtsspezifische Migräneforschung fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen des europäischen Netzwerks NEU-RON aktuell ein Teilprojekt namens MiNE (Neuroimmunologische Interaktionen bei Migräne und Endometriose). Dies ist nach Angaben der Bundesregierung das einzige laufende Bundesprojekt mit explizitem Migräne-Fokus. Vergleichsdaten zur Forschungsförderung für andere neurologische Erkrankungen wurden nicht genannt.
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Betroffen sind rund 7,3 Millionen Erwachsene in Deutschland, die laut RKI-Studie alle diagnostischen Migränekriterien erfüllen — darunter überproportional Frauen (14,8 Prozent der befragten Frauen gegenüber 6,0 Prozent der Männer). Besonders stark betroffen sind jüngere Altersgruppen: Bei den 18- bis 29-jährigen Frauen liegt die Prävalenz bei knapp 26 Prozent. Rund 800.000 Menschen leiden unter chronischer Migräne. GKV-Versicherte mit Migräne verzeichneten 2024 insgesamt rund 3,4 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage.
Die Bundesregierung hat zahlreiche Fragen mit dem Hinweis beantwortet, dass keine eigenen Erkenntnisse oder Daten vorliegen — darunter Fragen zu Wartezeiten, regionaler Versorgung, therapieresistenter Migräne und Behinderungsgraden. Zu diesen Themenbereichen verweist sie auf externe Datenquellen wie das FDZ Gesundheit oder das Statistische Bundesamt. Die Fragen zu Aufklärungskampagnen, Patientenschulungen und GKV-Zuzahlungen wurden inhaltlich beantwortet.
Mit der Antwort vom 13. Oktober 2026 (BT-Drs. 21/8525) ist das Anfrageverfahren abgeschlossen. Gesetzgeberische Folgemaßnahmen oder eine eigene Migränestrategie sind nach Angaben der Bundesregierung nicht geplant. Die Umsetzung des Koalitionsbeschlusses zur Krankmeldungspflicht ab dem ersten Tag wird regierungsintern noch geprüft.
- Chronische Migräne
- Migräne mit mehr als 14 Kopfschmerztagen pro Monat gemäß den Kriterien der International Classification of Headache Disorders (ICHD). In Deutschland sind laut RKI rund 800.000 Menschen betroffen.
- DMP (Disease Management Programm)
- Strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch Kranke, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegt werden. Für Migräne existiert bislang kein DMP.
- CGRP-Antagonisten
- Moderne Migränemedikamente, die den Botenstoff Calcitonin-Gene-Related-Peptide hemmen. Sie sind unter das neue Wettbewerbsregime des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (§ 130e SGB V) gefallen.
Wie viele Menschen in Deutschland haben Migräne?
Laut RKI-Studie BURDEN 2020 leiden rund 7,3 Millionen Erwachsene in Deutschland unter Migräne, davon etwa 5,3 Millionen Frauen und 2,0 Millionen Männer. Rund 800.000 Menschen sind von chronischer Migräne betroffen.
Was fördert der Bund konkret für die Migräneforschung?
Seit 2015 wurden keine Bundesmittel ausschließlich für die Erforschung häufiger episodischer oder chronischer Migräne bereitgestellt. Migräne ist lediglich im übergeordneten Rahmenprogramm Gesundheitsforschung unter Volkskrankheiten abgebildet.
Gibt es eine Disease-Management-Programm (DMP) für Migräne?
Nein. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat noch kein DMP für Migräne entwickelt. Eine gesetzliche Initiative der Bundesregierung dazu ist nicht geplant.
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