- Christen im Irak: Von 1,5 Mio. auf unter 265.000 gesunken
- 100 Prozent der Befragten in der Ninive-Ebene fühlen sich unsicher
- Bundesregierung soll Schutzmaßnahmen und Hilfsmittel offenlegen
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7440 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Der Irak steht seit Jahren im Fokus von Menschenrechtsberichten zur Lage religiöser Minderheiten. Die US-amerikanische Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) setzte das Land 2026 erstmals auf ihre Special Watch List. Der Deutsche Bundestag hatte bereits im Januar 2023 die Verbrechen des IS an den Jesiden einstimmig als Völkermord anerkannt und dabei die fortdauernde Verfolgung religiöser Minderheiten im Irak festgestellt. Im März 2026 trat Kardinal Louis Sako, chaldäisch-katholischer Patriarch, unter anhaltendem Druck von seinem Amt zurück — nachdem die irakische Präsidentschaft ihm 2023 die staatliche Anerkennung entzogen hatte.
- 1,5 Millionen — So viele Christen lebten Anfang der 1990er Jahre im Irak; heute sind es laut Schätzungen noch 150.000 bis 265.000.
- 5.000 → 150 — Rückgang der Christen im Distrikt Tel Keppe zwischen 2014 und heute.
- 100 Prozent — Anteil der in der Ninive-Ebene befragten Christen, die sich dort aktuell unsicher fühlen (ACN-Erhebung).
- 69 Prozent — Anteil der Befragten, die die Bedrohungslage als Hauptgrund nennen, über Auswanderung nachzudenken.
- 19. Januar 2023 — Datum des einstimmigen Bundestagsbeschlusses zur Anerkennung des IS-Völkermords an den Jesiden im Irak.
Im Detail
Die christliche Bevölkerung des Irak schrumpft dramatisch: Von rund 1,5 Millionen Christen Anfang der 1990er Jahre ist nach Angaben von Open Doors kaum mehr als ein Zehntel übriggeblieben; im Distrikt Tel Keppe etwa sank ihre Zahl von rund 5 000 im Jahr 2014 auf nur noch etwa 150.
— Vorbemerkung der Fragesteller, BT-Drs. 21/7440
Die christliche Minderheit im Irak steht vor dem demographischen Zusammenbruch. Von rund 1,5 Millionen Christen, die Anfang der 1990er Jahre im Land lebten, sind nach Angaben der Hilfsorganisation Open Doors heute kaum mehr als ein Zehntel übrig — Schätzungen schwanken zwischen 150.000 und 265.000 Personen. Im Distrikt Tel Keppe in der Ninive-Ebene sank die christliche Bevölkerung von rund 5.000 im Jahr 2014 auf nur noch etwa 150. Diese Zahlen bilden den Hintergrund der Kleinen Anfrage (BT-Drs. 21/7440), die die AfD-Fraktion am 30. Juli 2026 eingebracht hat.
Milizengewalt und institutionelle Diskriminierung
Seit dem militärischen Rückzug des sogenannten Islamischen Staats (IS) aus den einstigen Kerngebieten sind es vor allem vom Iran unterstützte schiitische Milizen, die Christen in der Ninive-Ebene unter Druck setzen. Laut der Vorbemerkung der Fragesteller gehören dazu auch gezielte Landkäufe durch schiitische Gruppen, die christliche Gemeinden wirtschaftlich verdrängen. Der IS selbst hat seine Angriffe auf Zivilisten und Infrastruktur 2023 und in geringerem Ausmaß 2024 und 2025 fortgesetzt. Zugleich zeigt sich die institutionelle Bedrängnis am Beispiel von Kardinal Louis Sako: Der chaldäisch-katholische Patriarch verlor 2023 auf Betreiben der irakischen Präsidentschaft im Streit um Landrechte seine staatliche Anerkennung und trat im März 2026 unter anhaltendem Druck zurück.
Eine Erhebung des katholischen Hilfswerks Kirche in Not (ACN) unter Christen in der Ninive-Ebene ergab, dass sich 100 Prozent der Befragten dort aktuell unsicher fühlen, 87 Prozent davon spürbar oder deutlich. 69 Prozent nannten diese Bedrohungslage als Hauptgrund, über eine Auswanderung nachzudenken. Der Irak wurde 2026 erstmals auf die Special Watch List (SWL) der US-amerikanischen Religionsfreiheitskommission USCIRF gesetzt — wegen zunehmender Diskriminierung religiöser Minderheiten und rückläufiger Standards bei Blasphemie-Vorschriften.
Christen im Irak: Was die Anfrage von der Bundesregierung verlangt
Die 18 Fragen der Drucksache 21/7440 richten sich auf mehrere Themenkomplexe. Zunächst fragen die Abgeordneten nach den Lageeinschätzungen der Bundesregierung: Welche Erkenntnisse liegen ihr zur Sicherheitslage seit 2023 vor? Welche internationalen Berichte — etwa von USCIRF, Open Doors, Human Rights Watch oder Kirche in Not — zieht sie zur Bewertung heran? Gefragt wird auch nach regionalen Unterschieden zwischen der Kurdistan-Region und der Ninive-Ebene sowie dem Zentralirak.
Ein zweiter Fragenkomplex betrifft den deutschen Beitrag: Welche humanitären Hilfsmaßnahmen kommen christlichen und anderen religiösen Gemeinden im Irak zugute — aufgeschlüsselt nach Haushaltstitel, Projekt, Förderzeitraum und Trägerorganisation? Inwieweit berücksichtigt die Bundesregierung die besondere Schutzbedürftigkeit religiöser Minderheiten bei der Vergabe von Entwicklungs-, Stabilisierungs- und Wiederaufbaumitteln, insbesondere für die Ninive-Ebene? Und: Macht die Bundesregierung Entwicklungszusammenarbeit mit dem Irak von Fortschritten beim Minderheitenschutz abhängig?
Asylbewerberzahlen und Rückführungsquote seit 2017
Frage 18 verlangt eine detaillierte statistische Aufschlüsselung der Asylbewerber aus dem Irak seit 2017 — nach Jahren, Religionszugehörigkeit, Geschlecht, Alter sowie Rückführungsquote. Damit verbindet die Anfrage das außenpolitische Thema mit der deutschen Asyl- und Migrationspolitik. Eine Teilfrage (18d) weicht vom Irak-Fokus ab und erfragt die Zahl somalischer Asylbewerber seit 2017, die religiöse Verfolgung als Fluchtgrund angaben — ein thematischer Ausreißer innerhalb der Drucksache.
Die Anfrage knüpft auch an den Bundestags-Beschluss vom 19. Januar 2023 an, mit dem das Parlament die IS-Verbrechen an den Jesiden einstimmig als Völkermord anerkannte. Die Fragesteller erkundigen sich, ob die Bundesregierung eine Auffassung dazu gebildet hat, ob auch Christen während der IS-Herrschaft Opfer genozidaler Gewalt wurden — und welche Konsequenzen sie daraus für die aktuelle Schutzpraxis zieht. Zum Schutz von Minderheiten in rechtlichen Fragen und zur deutschen Förderpraxis im humanitären Bereich liegen parallele parlamentarische Vorgänge vor.
Hinsichtlich des deutschen Engagements im Bereich Menschenrechte und Religionsfreiheit sind auch die Berichte zur Pressefreiheit sowie Fragen zum verfassungsrechtlichen Rahmen staatlicher Schutzmaßnahmen einschlägig. Die Bundesregierung hat für ihre Antwort 21 Tage Zeit; die Frist läuft bis zum 21. August 2026.
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Betroffen sind in erster Linie die verbliebenen christlichen Gemeinschaften im Irak — darunter Angehörige der Assyrischen Kirche des Ostens, der Syrisch-Orthodoxen, der Syrisch-Katholischen, der Chaldäisch-Katholischen und der Armenisch-Orthodoxen Kirche. Besonders gefährdet sind Konvertiten muslimischer Herkunft sowie Christen in der Ninive-Ebene. Mittelbar betroffen sind auch in Deutschland lebende irakische Christen sowie Asylbewerber aus dem Irak.
Die Kleine Anfrage ist am 31. Juli 2026 beim Deutschen Bundestag eingegangen. Die gesetzliche Antwortfrist beträgt 21 Tage; die Bundesregierung muss bis zum 21. August 2026 antworten. Nach Eingang der Antwort wird diese als neue Drucksache veröffentlicht.
- USCIRF
- United States Commission on International Religious Freedom — eine unabhängige US-Bundesbehörde, die jährlich die weltweite Religionsfreiheit bewertet und Länder auf Beobachtungs- oder Sonderlisten setzt.
- Special Watch List (SWL)
- Eine Beobachtungsstufe der USCIRF für Länder mit schwerwiegenden Verstößen gegen Religionsfreiheit, die unterhalb der schwersten Kategorie 'Countries of Particular Concern' eingestuft werden.
- Ninive-Ebene
- Historische Siedlungsregion im Nordirak, traditionelles Zentrum christlicher Bevölkerungsgruppen, die nach IS-Herrschaft (2014–2017) stark entvölkert wurde.
Wie viele Christen leben noch im Irak?
Laut den Angaben in der Drucksache schätzen Beobachter die Zahl auf 150.000 bis 265.000 — gegenüber rund 1,5 Millionen Anfang der 1990er Jahre.
Was ist die Ninive-Ebene?
Die Ninive-Ebene im Nordirak ist eine traditionelle Heimatregion christlicher Bevölkerungsgruppen; sie war besonders stark von IS-Herrschaft und anschließendem Vertreibungsdruck betroffen.
Worum geht es bei Frage 18 zur Somalia-Statistik?
Frage 18d fragt nach somalischen Asylbewerbern in Deutschland seit 2017, die religiöse Verfolgung als Fluchtgrund angaben — ein thematischer Ausreißer innerhalb der sonst irakbezogenen Anfrage.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7440 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.


































































