- Christliche Bevölkerung im Irak sank von 1,5 Mio. auf 170.000
- 23.605 irakische Asylbewerber in Deutschland allein 2017
- IS geschwächt, aber Milizengewalt und Diskriminierung dauern an
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7629 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Die christliche Bevölkerung im Irak hat sich infolge des Irakkriegs 2003, des IS-Terrors ab 2014 und anhaltender Unsicherheit dramatisch verringert. Nach Angaben der Bundesregierung sank ihre Zahl von 1,5 Millionen (2003) auf rund 170.000. Der Deutsche Bundestag hatte im Januar 2023 die Verbrechen des IS an den Jesiden einstimmig als Völkermord anerkannt. Der Irak wurde 2026 erstmals auf die Special Watch List der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) gesetzt. Im März 2026 trat Kardinal Louis Sako, chaldäisch-katholischer Patriarch, unter Druck von seinem Amt zurück — nach einem Streit mit der irakischen Präsidentschaft um Landrechte der Christen in der Ninive-Ebene.
- 170.000 — Geschätzte Zahl der Christen im Irak (2026), gegenüber 1,5 Millionen im Jahr 2003.
- 350.000 — Geschätzte Zahl der Jesiden im Irak, überwiegend in der Region Kurdistan-Irak.
- 23.605 — Irakische Asylbewerber in Deutschland im Jahr 2017; davon 886 mit christlicher Religionszugehörigkeit.
- 4.907 — Irakische Asylbewerber in Deutschland im Jahr 2025 — ein Rückgang um rund 79 Prozent gegenüber 2017.
- 9 von 329 — Sitze im irakischen Parlament, die für Minderheitenvertreter reserviert sind (5 für Christen, 2 für Jesiden, je 1 für Mandäer und Faily-Kurden).
Im Detail
Trotz öffentlicher politischer Bekenntnisse zur friedlichen Koexistenz stehen religiöse Minderheiten in Irak unter Druck. Systematische Diskriminierung oder Verfolgung religiöser oder ethnischer Minderheiten durch staatliche Behörden finden nicht statt.
— Vorbemerkung der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7629
Die christliche Minderheit im Irak ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf einen Bruchteil ihrer einstigen Größe geschrumpft. Nach Angaben der Bundesregierung lebten im Jahr 2003 noch rund 1,5 Millionen Christen in dem Land — heute schätzt die Regierung ihre Zahl auf etwa 170.000. Das Auswärtige Amt beantwortete am 14. August 2026 die Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (BT-Drs. 21/7440) mit 18 Fragen zur Lage religiöser Minderheiten im Irak, zu deutschen Schutzmaßnahmen und zu Asylzahlen (BT-Drs. 21/7629).
Christen im Irak: Ursachen des demografischen Rückgangs
Als Hauptursachen für den dramatischen Rückgang der christlichen Bevölkerung im Irak nennt die Bundesregierung die Terroranschläge auf Kirchen nach dem Irakkrieg 2003 sowie die Ausrufung des sogenannten IS-Kalifats in Mossul 2014, die eine systematische Verfolgung auslöste. Viele Gemeinden in der Ninive-Ebene, dem historischen Kernland der irakischen Christen, verließen ihre Heimat dauerhaft. Im Distrikt Tel Keppe etwa sank die christliche Bevölkerung laut der Kleinen Anfrage von rund 5.000 Personen (2014) auf nur noch etwa 150.
Neben direkter Gewalt tragen nach Einschätzung der Bundesregierung auch wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, ungeklärte Eigentumsrechte und gesellschaftliche Diskriminierung zur Abwanderung bei. Systematische staatliche Verfolgung religiöser Minderheiten durch irakische Behörden verneint die Bundesregierung jedoch ausdrücklich. Stattdessen verweist sie auf das unzureichende staatliche Gewaltmonopol, das Minderheiten schutzlos gegenüber nicht-staatlichen Akteuren lässt — insbesondere gegenüber vom Iran unterstützten schiitischen Milizen in der Ninive-Ebene.
Was gilt aktuell für Christen im Irak?
Die irakische Verfassung von 2005 verankert Religionsfreiheit als Grundrecht. Im irakischen Parlament sind neun der 329 Sitze für Minderheitenvertreter reserviert, davon fünf für Christen. Dennoch bestehen nach Einschätzung der Bundesregierung fortgesetzte Defizite: Hassrede, Einschüchterungen, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und mangelnde gesellschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten bleiben in Teilen des Landes ein Problem. Besonders betroffen sind die ethnisch heterogenen Provinzen Kirkuk, Diyala, Ninive und Salah ad-Din.
Der IS ist laut Bundesregierung nachhaltig geschwächt und verfügt über keine Gebietsherrschaft mehr. Vereinzelte Anschläge richten sich überwiegend gegen irakische Sicherheitskräfte und Infrastruktur. Im Oktober 2025 wurden die vom IS zerstörte syrisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Thomas und die chaldäische Al-Tahira-Kirche in Mossul wiedereröffnet — Zeichen eines gesellschaftlichen Wiederaufbaus, der jedoch fragil bleibt.
Asylanträge aus dem Irak seit 2017
Die Bundesregierung legt in ihrer Antwort detaillierte Asylstatistiken vor. Demnach stellten 2017 noch 23.605 irakische Staatsangehörige einen Asylantrag in Deutschland — davon 886 Christen und 11.200 Jesiden. Seitdem ist die Gesamtzahl kontinuierlich gesunken: 2025 waren es noch 4.907 Anträge, im ersten Halbjahr 2026 weitere 2.099. Der Anteil christlicher Antragsteller ist dabei besonders stark zurückgegangen: von 886 (2017) auf 114 (2025) und nur noch 29 im ersten Halbjahr 2026.
Angaben zur Religionszugehörigkeit beruhen laut Bundesregierung auf freiwilligen Selbstauskünften der Antragsteller. Daten zu Fluchtgründen erfasst das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) statistisch nicht. Zur Rückführungsquote irakischer Asylbewerber liegen der Bundesregierung ebenfalls keine Daten vor — für aufenthaltsbeendende Maßnahmen sind die Bundesländer zuständig.
Deutschlands Engagement für religiöse Minderheiten im Irak
Die Bundesregierung beschreibt ihr Engagement auf mehreren Ebenen: Bilateral führt das Auswärtige Amt regelmäßige Gespräche mit der irakischen Zentral- und der Regionalregierung Kurdistan-Irak (RKI) und thematisiert dabei Minderheitenschutz und Religionsfreiheit. Multilateral beteiligt sich Deutschland an der Internationalen Kontaktgruppe für Religions- und Weltanschauungsfreiheit sowie an der Internationalen Allianz für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Innerhalb der Vereinten Nationen unterstützt die Bundesregierung die VN-Sonderberichterstatterin für Religionsfreiheit.
Im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit konzentriert sich das Engagement der Bundesregierung laut Drucksache auf die Region Kurdistan-Irak. Gefördert werden unter anderem Maßnahmen zur Rückkehr und Reintegration von Binnenvertriebenen, Deradikalisierung, Traumaverarbeitung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen. Die humanitäre Hilfe richtet sich nach den Grundsätzen der Bedarfsorientierung und kommt allen schutzbedürftigen Gruppen zugute — einschließlich christlicher Gemeinden. Einen direkten Konditionierungsmechanismus, der Entwicklungshilfe an messbare Fortschritte beim Minderheitenschutz knüpft, beschreibt die Bundesregierung nicht. Zum Thema Minderheitenschutz in der Region hat der Bundestag in jüngster Zeit weitere Anfragen gestellt.
Weiterlesen:
- Islamic Relief: Auswärtiges Amt beantwortet Nachfragen
- Demokratie leben! in Brandenburg: Förderbeträge offengelegt
Unmittelbar betroffen sind die schätzungsweise 170.000 Christen im Irak sowie weitere religiöse Minderheiten wie Jesiden (bis zu 350.000) und Mandäer (rund 5.000). In Deutschland lebende Iraker, die Asyl beantragt haben, sind ebenfalls betroffen, da die Antwort Aufschluss über die Anerkennungspraxis gibt. Besonders gefährdet sind Gemeinden in der Ninive-Ebene und in Provinzen wie Kirkuk, Diyala und Salah ad-Din.
Die Bundesregierung beantwortet die meisten Fragen inhaltlich, verweist bei Fragen zu staatlichen Repressionen gegen Christen jedoch auf die eigene Vorbemerkung, ohne konkrete Fallzahlen zu nennen. Angaben zur Rückführungsquote und zu Fluchtgründen somalischer Asylbewerber verweigert sie mit Verweis auf fehlende Datenbasis bzw. Länderzuständigkeit.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Christen im Irak: Bevölkerung von 1,5 Mio. auf unter 265.000 gesunken →
- Ninive-Ebene
- Region im Nordirak, historisches Siedlungsgebiet christlicher und anderer religiöser Minderheiten, die besonders stark vom IS-Terror und anschließendem Vertreibungsdruck betroffen war.
- USCIRF
- United States Commission on International Religious Freedom — US-Behörde, die jährlich Berichte zur weltweiten Religionsfreiheit veröffentlicht und Länder auf eine Beobachtungsliste setzen kann.
- Special Watch List
- Kategorie im USCIRF-Jahresbericht für Länder mit schwerwiegenden Verletzungen der Religionsfreiheit, die noch nicht als besonders kritisch eingestufte 'Countries of Particular Concern' gelten.
Wie viele Christen leben noch im Irak?
Laut Bundesregierung wird die Zahl der Christen im Irak aktuell auf etwa 170.000 geschätzt, gegenüber 1,5 Millionen im Jahr 2003.
Verfolgt der irakische Staat Christen aktiv?
Laut Bundesregierung findet keine systematische staatliche Verfolgung religiöser Minderheiten statt; Defizite beim Schutz bestehen jedoch durch staatliche Instabilität und nicht-staatliche Akteure.
Wie viele Iraker beantragten Asyl in Deutschland?
Von 2017 bis zum ersten Halbjahr 2026 stellten insgesamt rund 130.000 irakische Staatsangehörige einen Asylantrag in Deutschland; allein 2017 waren es 23.605.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7629 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
































































