- Bund ohne ressortübergreifende Strategie für Jungen- und Männerpolitik
- Väter nehmen Elternzeit oft nur die Mindestdauer von zwei Monaten
- Grünen fragen nach Programmen gegen Manosphere und Incel-Radikalisierung
Hintergrund
Internationale Studien zeigen, dass sich junge Männer im Vergleich zu jungen Frauen verstärkt konservativen und autoritären Positionen zuwenden. Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht eine Reform des Elterngeldes mit dem Ziel einer stärkeren Väterbeteiligung vor. Bundesfamilienministerin Karin Prien hat sich öffentlich dafür ausgesprochen, die Bedürfnisse junger Männer in der Gleichstellungspolitik stärker zu berücksichtigen. Die Strategie zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt 2025 bis 2030 enthält nach Angaben der Fragesteller ebenfalls Maßnahmen zur Männerarbeit.
Im Detail
Eine moderne Gleichstellungspolitik muss alle Geschlechter gleichermaßen in den Blick nehmen. Jungen und Männer haben dabei eigene gleichstellungspolitische Herausforderungen und Bedürfnisse.
— Vorbemerkung BT-Drs. 21/8712, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Gleichstellungspolitik für Männer und Jungen steht im Zentrum einer Kleinen Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen, die am 19. Oktober 2026 im Bundestag eingegangen ist (BT-Drs. 21/8712). In 34 Einzelfragen erkundigt sich die Fraktion bei der Bundesregierung nach Strategien, Programmen und Haushaltsmitteln — von der Väterbeteiligung bei der Elternzeit über Gewaltprävention bis hin zu Maßnahmen gegen Radikalisierung in der sogenannten Manosphere.
Männerpolitik: Was gilt aktuell?
Eine eigenständige, ressortübergreifende Männerpolitik auf Bundesebene existiert bislang nicht als eigenständige Strategie. Männerpolitische Aspekte fließen in verschiedene Politikfelder ein: Das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG) regelt die Väterbeteiligung über das Elterngeld und Partnerschaftsmonate. Laut Fragesteller nimmt die Mehrheit der Väter bislang nur die Mindestdauer von zwei Monaten Elternzeit, um den Partnerschaftsbonus zu erhalten. Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD kündigt eine Reform des Elterngeldes an, die mehr Väterbeteiligung in alleiniger Verantwortung fördern soll. Zudem sieht der Vertrag eine Zusammenführung des Pflegezeitgesetzes und des Familienpflegezeitgesetzes vor.
Elternzeit und Sorgearbeit im Fokus
Einen Schwerpunkt der Anfrage bilden Daten zur Elternzeit-Inanspruchnahme durch Väter seit 2015. Die Grünen fragen nach der Entwicklung aller Stufen — von der bloßen Inanspruchnahme über mindestens zwei Monate bis hin zu mehr als sechs Monaten Elternzeit. Zusätzlich erkundigt sich die Fraktion nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, welche Faktoren Väter davon abhalten, länger Elternzeit zu nehmen, und welche politischen Maßnahmen die Bundesregierung daraus ableitet. Die geplante Elterngeldreform ist dabei ein zentraler Prüfpunkt: Laut Vorbemerkung der Anfrage steht die Frage im Raum, ob dabei auch die Monate im Parallelbezug verändert werden. Konkret fragt die Fraktion auch nach einer möglichen Familienstartzeit — einer bezahlten Freistellung für den zweiten Elternteil unmittelbar nach der Geburt, die in anderen europäischen Ländern bereits eingeführt ist.
Männerpolitik und Extremismusprävention
Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die Prävention von Radikalisierung bei Jungen und Männern. Aus Sicht der Fragesteller verbreiten digitale Gemeinschaften der Manosphere antifeministische und autoritäre Männlichkeitsbilder, die als Einstieg in rechtsextreme Ideologien dienen können. Die Anfrage fragt konkret nach dem Wissensstand der Bundesregierung und der Sicherheitsbehörden zur sogenannten Incel-Szene sowie nach geförderten Projekten der Extremismusprävention mit geschlechterreflektiertem Ansatz. Darunter fällt auch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“: Die Grünen fragen, wie dessen Finanzierung über die laufende Förderperiode hinaus gesichert wird. Zur Einordnung der gesellschaftlichen Dimension verweist die Anfrage auf den sogenannten Gender Education Gap bei formalen Bildungsabschlüssen, für den Destatis im August 2026 aktualisierte Daten veröffentlicht hat.
Gewaltprävention und Pflege
Weitere Fragen betreffen Männer als Täter und Opfer häuslicher Gewalt, das Ausmaß von Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen (Teen-Dating-Violence) sowie den Anteil von Männern, die Pflege- und Sorgetätigkeiten für Angehörige übernehmen und dafür ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder aufgeben. Die Anfrage fragt zudem nach dem konkreten Zeitplan für das im Koalitionsvertrag vereinbarte Familienpflegegeld sowie die Flexibilisierung von Pflegefreistellungen. Diese Fragen betreffen nicht nur Gleichstellungspolitik im engeren Sinne, sondern berühren unmittelbar die Finanzplanung des Bundes für kommende Haushaltsjahre.
Die Bundesregierung muss nun auf alle 34 Fragen schriftlich antworten. Die Antwort wird zeigen, ob und in welcher Haushaltsgröße Jungen- und Männerpolitik auf Bundesebene verankert ist. Auch im Kontext breiterer gesellschaftlicher Debatten — etwa über den Wandel gesellschaftlicher Rollenbilder — dürfte die Antwort politisches Gewicht haben.
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Betroffen sind Väter und werdende Väter, die Elternzeit und Elterngeld in Anspruch nehmen wollen, sowie Jungen und junge Männer, die von Bildungsbenachteiligungen oder Radikalisierungsrisiken betroffen sind. Darüber hinaus richtet sich die Anfrage an pflegende Angehörige männlichen Geschlechts und an Trägerorganisationen, die Beratungsangebote für Männer und Jungen finanziert bekommen.
Die Kleine Anfrage (BT-Drs. 21/8712) ist am 19. Oktober 2026 eingegangen. Die schriftliche Antwort der Bundesregierung steht noch aus; die Geschäftsordnung des Bundestages sieht grundsätzlich eine Frist von 14 Tagen nach Zuleitung an das Bundeskanzleramt vor. Nach Eingang der Antwort wird diese als eigene Drucksache veröffentlicht.
- Manosphere
- Sammelbegriff für digitale Gemeinschaften, die traditionelle, teils antifeministische Männlichkeitsbilder verbreiten und gesellschaftliche Gleichstellungsfortschritte ablehnen.
- ElterngeldPlus
- Eine Variante des Elterngeldes, die es Eltern ermöglicht, das Elterngeld länger in halber Höhe zu beziehen, wenn sie gleichzeitig Teilzeit arbeiten.
- Gender Education Gap
- Bezeichnet die wachsende Lücke bei Bildungsabschlüssen zwischen den Geschlechtern, bei der Jungen und Männer im Schnitt seltener höhere Abschlüsse erzielen als Mädchen und Frauen.
Was ist die Manosphere?
Als Manosphere werden digitale Gemeinschaften bezeichnet, die traditionelle Männlichkeitsbilder propagieren, die auf Dominanz und Ablehnung von Gleichberechtigung beruhen. Laut Fragesteller dienen diese Narrative mitunter als Einstieg in extremistische Ideologien.
Was fragt die Anfrage zur Elternzeit?
Die Anfrage erkundigt sich nach der Entwicklung der Väter-Elternzeit seit 2015: Wie viele Väter nehmen Elternzeit, wie viele nur die Mindestdauer von zwei Monaten, und welchen Effekt erwartet die Bundesregierung von der geplanten Elterngeldreform?
Was ist eine Familienstartzeit?
Die Familienstartzeit ist eine bezahlte Freistellung für den zweiten Elternteil unmittelbar nach der Geburt. Die Anfrage fragt, ob die Bundesregierung dies plant und falls nein, warum nicht.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/8712 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.




































































