- 200 Mio. Euro kommuniziert, aber kein Vertrag und keine formellen Zusagen
- BAFA prüft Landraub-Vorwurf gegen deutsches Unternehmen in Kolumbien
- GIZ führt über 15 Projekte mit Gesamtvolumen von über 350 Mio. Euro durch
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7218 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Deutschland und Kolumbien unterzeichneten im Juni 2023 eine bilaterale Klima- und Energiepartnerschaft, die Kolumbien bei seiner Energiewende unterstützen soll. Kolumbien hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 51 Prozent gegenüber einem Business-as-usual-Szenario zu senken und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Deutschland ist gleichzeitig einer der größten Abnehmer kolumbianischer Steinkohle: Seit 2004 wurden laut Drucksache über 115 Millionen Tonnen importiert. Kolumbien gilt laut Global Witness als das Land mit den weltweit meisten dokumentierten Morden an Umweltschützern.
- 115 Mio. Tonnen — Steinkohle hat Deutschland seit 2004 aus Kolumbien importiert.
- 4,4 Mio. Tonnen (2025) — aktuelles jährliches Importvolumen, entspricht knapp 25 % aller deutschen Steinkohleimporte.
- 200 Mio. Euro (Darlehen) — Klimareformprogramm zur NDC-Umsetzung, läuft bis voraussichtlich Dezember 2026.
- 150 Mio. Euro (Darlehen) — SDG-Umweltprogramm Phase V, November 2024 bis Mai 2026.
- 13,9 Mio. Euro — Projektsumme für JET-AgriSOL (Photovoltaik in der Landwirtschaft), Laufzeit 2024–2032.
Im Detail
Es gibt keine vertragliche Grundlage für die Finanzierung der KEP. Sie basiert auf einer gemeinsamen Absichtserklärung zwischen der deutschen Bundesregierung und der kolumbianischen Regierung.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7218, Antwort zu Frage 3
Deutschland und Kolumbien verbindet seit 2023 eine bilaterale Klima- und Energiepartnerschaft — und seit Jahrzehnten ein massiver Steinkohlehandel. Wie diese beiden Seiten der Beziehung zusammenpassen, wollte die Fraktion Die Linke mit 39 Fragen an die Bundesregierung herausfinden. Die Antwort vom 16. Juli 2026 (BT-Drs. 21/7218) liefert konkrete Projektzahlen, lässt aber zentrale Fragen zur Verantwortung für Bergbauschäden offen.
Klimapartnerschaft ohne Vertrag und ohne Geldzusagen
Die Klimapartnerschaft Kolumbien wurde im Juni 2023 mit dem Versprechen einer Unterstützung von bis zu 200 Mio. Euro angekündigt. Die Bundesregierung stellt in ihrer Antwort klar: Es wurden keine Mittel formal zugesagt. Die Partnerschaft basiert laut Drucksache ausschließlich auf einer gemeinsamen Absichtserklärung — eine vertragliche Finanzierungsgrundlage existiert nicht. Zusagen erfolgen im Rahmen der regulären Haushaltsprozesse der Ressorts. Damit bleibt die viel kommunizierte Zahl eine politische Geste ohne Rechtsverbindlichkeit.
Trotzdem laufen zahlreiche Projekte im Rahmen der Partnerschaft. Allein über die GIZ führt Deutschland mehr als 15 Vorhaben in Kolumbien durch, darunter das 11,5-Mio.-Euro-Programm zur Umsetzung von Klima-, Energie- und Biodiversitätszielen (2023–2028), das 13,9-Mio.-Euro-Projekt JET-AgriSOL für Agri-Photovoltaik (2024–2032) sowie zwei Haushaltsdarlehen im Umfang von 350 Mio. Euro für Klimareformprogramme. Hinzu kommen Wasserstoffprojekte in La Guajira und Cartagena mit öffentlichen Anteilen von bis zu 715.000 Euro.
Kohleimporte trotz Energiewende-Förderung
Während Deutschland den kolumbianischen Kohleausstieg fördert, importiert es weiterhin erhebliche Mengen kolumbianischer Steinkohle. Im Jahr 2025 waren es 4,4 Mio. Tonnen — fast 25 Prozent aller deutschen Steinkohleimporte. Seit 2004 summieren sich die deutschen Kohleimporte aus Kolumbien auf über 115 Mio. Tonnen. Der deutsche Kohleausstieg ist bis 2038 geplant und soll das Importvolumen langfristig reduzieren. Kurzfristig bleibt Kolumbien jedoch Lieferant für die noch laufenden deutschen Kohlekraftwerke.
In den kolumbianischen Abbaugebieten, besonders in Cesar und Magdalena, hinterlässt der Steinkohletagebau nach Angaben aus der Drucksache erhebliche Schäden. Indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften kämpfen seit Jahrzehnten um Wiedergutmachung. Das kolumbianische Verfassungsgericht hat im Februar 2025 mit dem Urteil T-029 Partizipationsrechte Betroffener bei Minenschließungen gestärkt. Die Bundesregierung erklärt, das Urteil sei ihr bekannt — eine aktive Unterstützung seiner Umsetzung oder konkrete Budgets dafür nennt sie nicht.
Menschenrechte: BAFA prüft, Regierung weicht aus
Beim Thema unternehmerische Verantwortung bleibt die Antwort vage. Bekannt sind laufende OECD-Beschwerden des kolumbianischen Opferverbands Asamblea Campesina sowie der NGOs PAX for Peace und SOMO gegen RWE AG und Uniper SE wegen möglicher Verstöße gegen die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) prüft zudem einen Antrag, der sich auf einen möglichen Landraub in einem kolumbianischen Kohleabbaugebiet und eine Verbindung zu einem deutschen Unternehmen stützt. Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen.
Fragen zu direkten Kontakten zwischen Bundesregierungsvertretern und Steinkohleunternehmen (Fragen 19–21) beantwortet die Bundesregierung nur pauschal: Man stehe in einem „vertraulichen Austausch“, Namen könnten aus Datenschutzgründen nicht genannt werden. Deutsche Unternehmen seien, soweit bekannt, nicht unmittelbar am Steinkohleabbau beteiligt, sondern träten nur als Abnehmer in Erscheinung.
Wasserstoff: Aufbau läuft, Exportvolumen unbekannt
Beim Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft in Kolumbien ist Deutschland aktiv. Die GIZ unterstützt über H2Uppp zwei Projekte in La Guajira in der Vormachbarkeitsphase (AkuaippaHy Project und Waawaata Green Hydrogen Hub). Ein weiteres Pilotprojekt zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe (eSAF) läuft in Cartagena in Kooperation mit Ecopetrol bis 2028. Das geplante Exportvolumen nach Europa oder Deutschland ist laut Drucksache für alle drei Projekte „noch nicht bekannt“. Die GIZ unterstützt auch die Entwicklung eines Zertifizierungssystems für grünen Wasserstoff, das unter anderem soziale Standards und den Schutz indigener Gemeinschaften berücksichtigen soll — die konkrete Ausgestaltung obliegt jedoch kolumbianischen Institutionen.
Die deutsch-kolumbianische Klimapartnerschaft steht damit vor einem strukturellen Widerspruch: Deutschland fördert den Strukturwandel und die Energiewende in Kolumbien, übernimmt aber nach eigener Auskunft keine konkrete Verantwortung für die sozialen und ökologischen Folgekosten des jahrzehntelangen Steinkohleabbaus, aus dem auch deutsche Importeure Nutzen gezogen haben. Mehr zu den Details der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und verwandten Themen finden Sie in den folgenden Beiträgen.
Weiterlesen:
- Deutsch-ukrainische Strategische Partnerschaft: 54 Fragen zu Kosten und Kontrolle
- Demokratie leben!: NGO-Förderung in Rheinland-Pfalz unter der Lupe
Direkt betroffen sind indigene und afrokolumbianische Gemeinden in den Steinkohleregionen Cesar und Magdalena, Tagebauarbeiter in vom Strukturwandel betroffenen Regionen sowie deutsche Energieversorger, die weiterhin kolumbianische Steinkohle beziehen. Mittelbar betroffen sind deutsche Steuerzahler, da öffentliche Mittel in die Projekte fließen.
Die Bundesregierung weicht bei mehreren Fragen zu Unternehmenskontakten (Fragen 19–21) mit Datenschutzverweisen aus und verweist bei Fragen zu Menschenrechtsverletzungen wiederholt auf frühere Drucksachen (20/2515, 21/557), ohne eigene aktuelle Erkenntnisse zu liefern. Bei Fragen zu Schließungsplänen der Glencore-Prodeco-Tagebaue verweist die Regierung auf fehlende eigene Erkenntnisse.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Klimapartnerschaft Kolumbien: 200 Mio. Euro und offene Menschenrechtsfragen →
- NDC (Nationally Determined Contributions)
- Nationale Klimabeiträge, die Länder im Rahmen des Pariser Abkommens selbst festlegen und regelmäßig aktualisieren müssen.
- LkSG (Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz)
- Deutsches Gesetz seit 2023, das große Unternehmen verpflichtet, Menschenrechts- und Umweltstandards in ihrer gesamten Lieferkette zu prüfen und einzuhalten.
- H2Uppp
- Bundesförderprogramm zur Unterstützung von Wasserstoffprojekten in Partnerländern, koordiniert über die GIZ und Auslandshandelskammern.
Hat Deutschland Kolumbien wirklich 200 Mio. Euro zugesagt?
Nein. Laut Bundesregierung wurden bei der Partnerschaftsunterzeichnung 2023 keine Mittel formal zugesagt. Die Zahl war eine politische Absichtserklärung ohne vertragliche Bindung.
Welche deutschen Unternehmen sind von den BAFA-Prüfungen betroffen?
Die Bundesregierung nennt keine Namen, da die betroffenen Unternehmen keine Zustimmung zur Veröffentlichung erteilt haben. Bekannt sind laufende OECD-Beschwerden gegen RWE AG und Uniper SE.
Importiert Deutschland noch Kohle aus Kolumbien?
Ja. Im Jahr 2025 importierte Deutschland 4,4 Mio. Tonnen Steinkohle aus Kolumbien — fast 25 Prozent aller deutschen Steinkohleimporte.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7218 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
































































