- Lohnlücke Ost-West sank von 24,8 auf 14,0 Prozent seit 2014
- 458.000 Ostdeutsche pendeln täglich nach Westdeutschland zur Arbeit
- Abwanderungssaldo 2025 wieder negativ: minus 8.626 Personen
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6381 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung bestehen zwischen Ost- und Westdeutschland weiterhin messbare Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt. Standen in den 1990er Jahren Massenarbeitslosigkeit und Strukturbruch im Vordergrund, prägen heute vor allem Fachkräftemangel, demografischer Wandel und Niedriglohn die Debatte. Die Fraktion Die Linke stellte im Rahmen der Drucksache 21/5433 insgesamt 55 Fragen zu Beschäftigung, Löhnen, Wanderungsbewegungen, Tarifbindung und Weiterbildung in Ostdeutschland. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales übermittelte die Antwort am 8. Juni 2026; sie wurde als BT-Drs. 21/6381 veröffentlicht.
- 3.539 Euro — Medianlohn ostdeutscher Vollzeitbeschäftigter (2024), gegenüber 4.117 Euro in Westdeutschland
- 7,8 Prozent — Arbeitslosenquote Ostdeutschland im Jahresdurchschnitt 2025 (Westdeutschland: 5,9 Prozent)
- –8.626 Personen — Binnenwanderungssaldo 2025: Ostdeutschland verliert wieder Einwohner an Westdeutschland
- 22,2 Prozent — Anteil der ostdeutschen Vollzeitbeschäftigten im unteren Entgeltbereich (West: 14,1 Prozent)
- 7,4 Millionen — sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse in Ostdeutschland im Juni 2025
Im Detail
An vielen Stellen des Arbeitsmarktes wird die klassische Ost-West-Trennlinie von einer Stadt-Land-Dimension überlagert. So gibt es in Ostdeutschland prosperierende Zentren wie Leipzig oder Jena und strukturschwache ländliche Gebiete beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/6381, S. 2
Ostdeutschland hat seit der Wiedervereinigung wirtschaftlich deutlich aufgeholt — doch der Arbeitsmarkt zeigt weiterhin messbare Rückstände gegenüber dem Westen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung (BT-Drs. 21/6381) hervor, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales am 8. Juni 2026 auf eine umfangreiche Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (BT-Drs. 21/5433) vorgelegt hat.
Lohnlücke Ostdeutschland: Fortschritt, aber kein Gleichstand
Das deutlichste Zeichen des Aufholprozesses findet sich bei den Löhnen: Im Jahr 2024 verdienten ostdeutsche Vollzeitbeschäftigte im Median 3.539 Euro brutto monatlich, westdeutsche hingegen 4.117 Euro. Die Lohnlücke beträgt damit 14,0 Prozent — ein erheblicher Rückgang gegenüber 24,8 Prozent im Jahr 2014. Als wesentlicher Treiber dieser Annäherung gilt laut Bundesregierung die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 2015, von dem im Osten überproportional viele Beschäftigte profitierten. Dennoch arbeiten in Ostdeutschland noch immer 22,2 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im unteren Entgeltbereich — in Westdeutschland sind es nur 14,1 Prozent.
Ein struktureller Nachteil bleibt die niedrigere Tarifbindung: Nur rund ein Drittel der ostdeutschen Beschäftigten arbeitet in branchentarifgebundenen Betrieben, im Westen sind es knapp 44 Prozent. Die Bundesregierung verweist auf das am 1. Mai 2026 in Kraft getretene Bundestariftreuegesetz, das tarifgebundene Unternehmen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bevorzugen soll.
Arbeitslosigkeit: Noch immer zwei Prozentpunkte Unterschied
Die ostdeutsche Arbeitslosigkeit ist dramatisch gesunken — von 18,7 Prozent im Jahr 2005 auf 7,8 Prozent im Jahresdurchschnitt 2025. Der Abstand zu Westdeutschland (5,9 Prozent) ist seit 2018 jedoch weitgehend konstant bei rund zwei Prozentpunkten geblieben. Besonders hoch ist die Arbeitslosigkeit in der Uckermark (11,5 Prozent), in Schwerin (10,6 Prozent) und in Berlin sowie Gera (je 10,3 Prozent). Auf 100 gemeldete Arbeitsstellen kamen in Ostdeutschland im Jahresdurchschnitt 2025 noch 552 Arbeitslose — ein Zeichen für strukturelle Ungleichgewichte auf dem regionalen Stellenmarkt.
Zugleich wächst der Anteil der Langzeitarbeitslosen: Im März 2026 waren 24 Prozent der ostdeutschen Arbeitslosen (ohne Berlin) seit zwei Jahren oder länger ohne Beschäftigung, im Westen waren es 20 Prozent. Das Förderinstrument nach § 16i SGB II (Teilhabe am Arbeitsmarkt) erreicht dabei nur einen Bruchteil der Betroffenen: Im Januar 2026 erhielten lediglich rund 3.500 der 436.000 arbeitslosen SGB-II-Leistungsberechtigten in Ostdeutschland eine entsprechende Förderung — ein Anteil von etwa einem Prozent.
Abwanderung kehrt zurück
Nach Jahren der Stabilisierung wandern wieder mehr Menschen aus Ostdeutschland ab. Der Binnenwanderungssaldo gegenüber Westdeutschland (ohne Berlin) war zwischen 2017 und 2022 positiv — mehr Menschen zogen in den Osten als hinaus. Seit 2023 hat sich die Richtung wieder umgekehrt: Im Jahr 2025 verließen netto 8.626 Personen mehr die ostdeutschen Bundesländer in Richtung Westen als umgekehrt. Gleichzeitig pendeln rund 458.000 Beschäftigte mit Wohnort in Ostdeutschland täglich zu Arbeitsorten im Westen — fast doppelt so viele wie in der Gegenrichtung (244.000).
Was gilt aktuell?
Der ostdeutsche Arbeitsmarkt befindet sich laut Bundesregierung in einer Übergangsphase: Die klassischen Ost-West-Unterschiede werden zunehmend von einer Stadt-Land-Dimension überlagert. Städte wie Leipzig und Jena boomen, während strukturschwache Regionen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt weiterhin mit Abwanderung, Fachkräftemangel und niedrigen Löhnen kämpfen. Die Erwerbstätigenquote der Frauen hat sich zwischen Ost und West weitgehend angeglichen (Unterschied nur noch 0,3 Prozentpunkte). Auch bei der sozialen Mobilität zeigt sich in einem Zehnjahresvergleich eine höhere vertikale Mobilität in Ostdeutschland als im Westen — ein Effekt der aufholenden Lohnentwicklung.
Die demografische Lage verschärft die Herausforderungen: Der Altenquotient in den ostdeutschen Flächenländern (ohne Berlin) stieg von 34,7 im Jahr 2015 auf 41,9 im Jahr 2024 — die Erwerbsbevölkerung schrumpft, während die Zahl älterer Menschen wächst. Fachkräfteengpässe bestehen vor allem in der Gastronomie, den Pflegeberufen, dem Lebensmittelhandel und der Energietechnik. Einen ergänzenden Überblick über strukturelle Benachteiligungen bietet auch der Artikel zur Repräsentationslücke ostdeutscher Führungskräfte.
Zur Frage der Ausbildung zeigt sich, dass die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze in Ostdeutschland von 79.970 im Jahr 2025 gesunken ist — während die Zahl der Bewerber mit 78.324 stabil blieb. Die Einmündungsquote in duale Ausbildung lag 2024 in Ostdeutschland bei 65,2 Prozent, in Westdeutschland bei 68,2 Prozent. Informationen zur Lage beim BAMF und zu Integrationsmaßnahmen, die den Arbeitsmarkt in Ostdeutschland ebenfalls berühren, finden sich im Beitrag zu BAMF im Bundestag.
Weiterlesen:
- Repräsentationslücke: Ostdeutsche in Führungspositionen unterrepräsentiert
- BAMF im Bundestag: Asyl, Integration und Afghanistan
- Bundesregierung verschiebt mit GKV-Spargesetz ihre Haushaltsprobleme auf Beitragszahler und Beschäftigte
Rund 7,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Ostdeutschland sind von den beschriebenen Arbeitsmarktbedingungen betroffen — darunter besonders Niedriglohnbeschäftigte, Langzeitarbeitslose und Bewohner strukturschwacher ländlicher Regionen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Auch 458.000 Pendler, die täglich von Ost- nach Westdeutschland zur Arbeit fahren, sind Teil des Bildes.
Die Bundesregierung hat die meisten Fragen beantwortet und umfangreiche Tabellen im Anhang bereitgestellt. Bei einigen Fragen — etwa zur Weiterbildungsdauer nach Ost/West (Frage 28) oder zu Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen in Betrieben 2025 (Frage 26) — verweist sie darauf, dass entsprechende Daten nicht vorliegen.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. (Stand: 09.06.2026) Ostdeutscher Arbeitsmarkt: Linke fordert Analyse von Lohnunterschieden und Tarifbindung →
- Tarifbindung
- Anteil der Beschäftigten oder Betriebe, die einem Branchen- oder Haustarifvertrag unterliegen. In Ostdeutschland ist diese Quote deutlich niedriger als im Westen.
- Stille Reserve
- Personen, die zwar arbeiten möchten, aber nicht als arbeitslos gemeldet sind — etwa weil sie die Jobsuche aufgegeben haben oder wegen Betreuungspflichten kurzfristig nicht verfügbar sind.
- Fachkräfteengpass
- Situation, in der offene Stellen in einer Berufsgruppe über längere Zeit nicht besetzt werden können, weil zu wenige geeignete Arbeitskräfte verfügbar sind.
Wie groß ist der Lohnunterschied zwischen Ost und West?
Im Jahr 2024 verdienten ostdeutsche Vollzeitbeschäftigte im Median 3.539 Euro brutto monatlich, westdeutsche 4.117 Euro — ein Unterschied von 14,0 Prozent. 2014 betrug die Lücke noch 24,8 Prozent.
Wie hoch ist die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland?
Im Jahresdurchschnitt 2025 betrug die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland 7,8 Prozent, in Westdeutschland 5,9 Prozent. Der Höchststand in Ostdeutschland lag 2005 bei 18,7 Prozent.
Wandern weiterhin Menschen aus Ostdeutschland ab?
Ja, seit 2023 ist der Wanderungssaldo zwischen Ost und West wieder negativ. Im Jahr 2025 wanderten netto 8.626 Personen mehr von Ost- nach Westdeutschland als umgekehrt.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/6381 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.





































































