- 3,6 Millionen Menschen in Nigeria binnenvertrieben, 400.000 in Nachbarländern
- Bundesregierung lehnt Genozid-Einordnung für Nigeria ausdrücklich ab
- Rund 48.000 Asylanträge nigerianischer Staatsangehöriger seit 2017 in Deutschland
Hintergrund iDieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7618 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und wird seit Jahren von einer komplexen Sicherheitskrise erfasst. Akteure wie Boko Haram, der Islamische Staat Westafrika Provinz (ISWAP), Banditen sowie bewaffnete Gruppen im sogenannten Middle Belt verüben Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Die Vereinten Nationen beschreiben die Lage überwiegend als Überlagerung von Terrorismus, ethnischen Spannungen und Ressourcenkonflikten — nicht als reinen Religionskonflikt. Im November 2025 standen Angriffe auf Schulen und Kirchen in den Bundesstaaten Kwara, Niger und Kebbi im Fokus der internationalen Berichterstattung. Die VN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit besuchte Nigeria im Juni 2026 und wird ihren Bericht voraussichtlich im Frühjahr 2027 vorlegen.
- 3,6 Millionen — Menschen sind laut IOM und UNHCR aktuell in Nigeria binnenvertrieben.
- 400.000 — Nigerianer suchen in Nachbarländern Schutz (Stand laut Antwort 2026).
- 11.073 — Asylanträge nigerianischer Staatsangehöriger in Deutschland im Jahr 2018 (Höchstwert im Berichtszeitraum).
- 1.716 — Asylanträge aus Nigeria im Jahr 2025; starker Rückgang gegenüber dem Höchststand.
- 7.668 von 8.261 — nigerianische Asylbewerber gaben 2017 Christentum als Religionszugehörigkeit an (freiwillige Angabe).
Im Detail
Die Bundesregierung folgt dieser Einordnung nicht.
— Antwort der Bundesregierung, BT-Drs. 21/7618, S. 3 (zu Frage 8, Genocide Watch)
Nigeria zählt zu den Ländern mit der weltweit höchsten Gewalt gegen Zivilbevölkerung — Christen und Muslime gleichermaßen. Die Bundesregierung hat am 13. August 2026 die Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (BT-Drs. 21/7189) zur Lage der christlichen Minderheit in Nigeria umfassend beantwortet (BT-Drs. 21/7618). Die Antwort umfasst 20 Fragen zu Sicherheitslage, deutschem Engagement, humanitärer Hilfe und Asylstatistiken.
Sicherheitslage: Kein Religionskonflikt, sondern Vielschichtigkeit
Die Bundesregierung beschreibt die Sicherheitslage in Nigeria als schlecht, hebt aber hervor, dass die Vereinten Nationen die Gewalt überwiegend nicht als reinen Religionskonflikt bewerten. Stattdessen wirken Terrorismus (Boko Haram, ISWAP), Banditentum, ethnische Spannungen sowie klimatisch bedingte Ressourcenkonflikte zwischen sesshaften Bauern und teilnomadischen Viehhirten im sogenannten Middle Belt zusammen. Besonders betroffen sind die Bundesstaaten Benue, Plateau und Kaduna. Im November 2025 standen Angriffe auf Schulen und Kirchen in den Bundesstaaten Kwara, Niger und Kebbi im Mittelpunkt der Berichterstattung. Die Bundesregierung bestätigt, dass gezielte Angriffe auf Kirchen, kirchliche Einrichtungen und Geistliche stattfinden — ordnet diese jedoch in das beschriebene Gesamtbild ein.
Religionsfreiheit in Nigeria: Was gilt aktuell?
Die nigerianische Verfassung garantiert das Recht auf freie Religionsausübung und verbietet die Etablierung einer Staatsreligion. Dennoch ist die Ausübung der Religionsfreiheit laut Bundesregierung in weiten Teilen des Landes durch die schlechte Sicherheitslage erheblich eingeschränkt. Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionen leiden demnach massiv unter Gewalt und Terrorismus. Eine offizielle Einstufung Nigerias als besonders problematisches Land für Religionsfreiheit durch eine internationale Organisation — im Sinne einer staatlich anerkannten Klassifikation — ist der Bundesregierung nach eigenen Angaben nicht bekannt. Die Nichtregierungsorganisation Open Doors und deren World Watch List sind ihr bekannt, haben aber keinen offiziellen zwischenstaatlichen Status.
Kein Genozid — Bundesregierung widerspricht Genocide Watch
Die Bundesregierung lehnt die Einordnung der NGO Genocide Watch, die Nigeria als Genozid-Situation einstuft, ausdrücklich ab. Eine eigene Position zu dieser Frage hat die Bundesregierung gebildet und kommuniziert: Sie folgt dieser Einordnung nicht. Dies ist die einzige klare inhaltliche Positionierung zu einer umstrittenen Qualifizierung in der Antwort.
Deutsches Engagement: Reise, Entwicklungshilfe, VN-Mechanismen
Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, reiste vom 25. bis 28. April 2026 nach Nigeria (Abuja und Bundesstaat Benue). Er führte Gespräche mit staatlichen Stellen, Religionsgemeinschaften, der Zivilgesellschaft und internationalen Partnern. Im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit unterstützt Deutschland laut Antwort Projekte zu Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz und sozialer Kohäsion. Humanitäre Hilfe erfolgt nach humanitären Grundsätzen — bedarfsorientiert und unabhängig von der Religionszugehörigkeit der Begünstigten. Deutschland unterstützt zudem das VN-Hochkommissariat für Menschenrechte sowie Sondermechanismen des VN-Menschenrechtsrats. Die VN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Nazila Ghanea, besuchte Nigeria im Juni 2026; ihr Bericht wird voraussichtlich im Frühjahr 2027 vorliegen. Zum Thema humanitäre Hilfe und indirekter Terrorfinanzierung in Krisengebieten ist auch der Beitrag Humanitäre Hilfe: Risiko indirekter Terrorfinanzierung lesenswert.
Asylanträge aus Nigeria: Starker Rückgang seit 2018
Von 2017 bis Mitte 2026 stellten insgesamt rund 48.000 nigerianische Staatsangehörige in Deutschland Asyl. Im Jahr 2018 erreichte die Zahl mit 11.073 Anträgen ihren Höchststand. Seitdem ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen: 2025 wurden nur noch 1.716 Anträge gestellt, im ersten Halbjahr 2026 waren es 665. Der Großteil der Antragsteller gab Christentum als Religionszugehörigkeit an — so waren es 2017 rund 7.668 von 8.261 Personen (freiwillige Angabe). Die Bundesregierung betont, dass Daten zur Rückführungsquote nach Religionszugehörigkeit nicht vorliegen, da aufenthaltsbeendende Maßnahmen Ländersache sind. Zum Kontext der deutschen Asyl- und Migrationspolitik verweist auch der Beitrag Bundestag 21.08.2026: Die wichtigsten Drucksachen.
Binnenvertreibung und regionale Unterschiede
Laut IOM und UNHCR sind in Nigeria aktuell 3,6 Millionen Menschen binnenvertrieben; rund 400.000 nigerianische Staatsangehörige suchen in Nachbarländern Schutz. Eine Aufschlüsselung nach Religionszugehörigkeit erfolgt dabei nicht. Regionale Unterschiede in der Religionsfreiheit beschreibt die Bundesregierung in ihrer Vorbemerkung: Im Norden dominieren dschihadistische Gruppen, im Middle Belt prägen Ressourcenkonflikte die Lage, im Südosten sind sezessionistische Bewegungen aktiv.
Weiterlesen:
Unmittelbar betroffen sind Christen und Muslime in Nordnigeria und im Middle Belt (insbesondere in den Bundesstaaten Benue, Plateau und Kaduna). Laut IOM und UNHCR sind in Nigeria aktuell 3,6 Millionen Menschen binnenvertrieben, rund 400.000 suchen in Nachbarländern Schutz. In Deutschland sind nigerianische Asylbewerber betroffen, deren Verfahren und Aufenthaltsrecht sich nach dem Asylgesetz richtet.
Bei den Fragen 1 bis 7 verweist die Bundesregierung auf eine Reise des Beauftragten für Religions- und Weltanschauungsfreiheit und erklärt, darüber hinaus keine eigenen weitergehenden Erkenntnisse zu haben. Zur Rückführungsquote nach Religionszugehörigkeit liegen dem Bund keine Daten vor, da aufenthaltsbeendende Maßnahmen Ländersache sind.
Hinweis: Dieser Artikel beschreibt den Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Anfrage wurde mittlerweile beantwortet. Christen in Nigeria: Gewalt durch Terrorgruppen und Milizen →
- ISWAP
- Islamischer Staat Westafrika Provinz — eine dschihadistische Terrorgruppe im Nordosten Nigerias, die aus Boko Haram hervorgegangen ist.
- Middle Belt
- Zentralregion Nigerias, in der sich sesshaft lebende, mehrheitlich christliche Bauern und teilnomadische, mehrheitlich muslimische Viehhirten gegenüberstehen; Schauplatz anhaltender Ressourcenkonflikte.
- USCIRF
- United States Commission on International Religious Freedom — eine unabhängige US-Bundesbehörde, die die Religionsfreiheit weltweit beobachtet und Empfehlungen an die US-Regierung richtet.
Sieht die Bundesregierung einen Genozid an Christen in Nigeria?
Nein. Die Bundesregierung kennt die Einordnung von Genocide Watch, folgt ihr aber ausdrücklich nicht.
Wie viele Nigerianer stellen in Deutschland Asyl?
Seit 2017 wurden rund 48.000 Asylanträge nigerianischer Staatsangehöriger gestellt; die Zahlen sind seit 2018 (11.073) stark rückläufig und lagen 2025 bei 1.716.
Welche Religion haben die meisten nigerianischen Asylbewerber?
Der überwiegende Teil gab laut Bundesregierung Christentum als Religionszugehörigkeit an, z. B. 7.668 von 8.261 im Jahr 2017.
Dieser Beitrag bezieht sich auf BT-Drs. 21/7618 und gibt den Inhalt der Drucksache zusammenfassend wieder. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim jeweiligen Verfasser der Drucksache. Der Beitrag spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung des Seitenbetreibers wider.

































































